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„Zu Hause schmeckt es einfach nie so gut“

Zum Ende eines für die Kultur schwierigen Jahres wift die Redaktion einen Blick zurück auf das, was am meisten fehlt

Hoffentlich bald wieder geöffnet: das Apollo-Kino

2020 – das war ein Jahr der Entbehrungen. Keine Konzerte, keine Festivals, keine anderweitigen Veranstaltungen, zumindest nicht, wie gewohnt. Keine herzlichen Umarmungen für Freund*innen, kein spontanes Verreisen und manch einer hat leider sogar viel mehr als das verloren. Das ist uns von langeleine.de durchaus bewusst. Wir wissen, dass ein Menschenleben mehr wiegt als eine Konzertkarte. Aber für einen kurzen Moment wollen wir Frederick, die Maus spielen. Und daran erinnern, was wir am kulturellen Leben in Hannover so lieben, worauf wir in diesem Jahr verzichten mussten und was uns einfach fehlt. Auch wenn es sich hierbei nur um sogenannte „Luxusprobleme“ handelt. Wir lieben Kultur und das wollen wir hiermit einmal mehr deutlich machen.

Susanne Viktoria Haupt

Ich vermisse meine regelmäßigen Kinobesuche. Nein, kein Platz nehmen im Astor, sondern das gemütliche Schmökern in den kleinen Filmkunst-Kinos. Ich vermisse französische Film-Abende mit Untertiteln im Kino am Raschplatz mit einem Schluck Wein im Anschluss. Ich vermisse diverse Film-Specials im Apollo-Kino, wie zum Beispiel „25 Jahre Dirty Dancing“ und ich mittendrin, jede Zeile mitsingend. Ich vermisse das Popcorn, denn egal, wie sehr ich mich bemühe, zu Hause schmeckt es einfach nie so gut. Ich vermisse die weichen roten Sessel und dass ich mit meinem Mann um den letzten Nacho kämpfen muss. Ich vermisse Eiskonfekt, dass immer viel zu lecker und viel zu wenig ist. Und ich vermisse das Gefühl, dass man nach einem etwa eineinhalb stündigen guten Film hat. Wenn man aus dieser Filmblase wieder in die echte Welt hinaustritt und einem auf einmal alles so laut und grell erscheint. Ich vermisse Kino-Schlangen und den Moment, wenn ich nach drei Wochen die Kinokarte aus meiner Handtasche pule und sie zu all den anderen kleinen Erinnerungsstücken in meine kleine Schachtel lege. Ja, Kino war zwischendurch möglich, aber ich hab das einfach nicht gebracht. Ich wollte nicht verängstigt mit Mund-Nasen-Schutz herumsitzen und mir zaghaft einzelne Popcorn-Bällchen unter den Stoff in den Mund schieben. Dafür habe ich Gutscheine angehäuft, die mich daran erinnern, dass irgendwann auch ein Kinobesuch wieder möglich sein wird. Und dass ich bis dahin einfach weiterhin von meinen Erinnerungen zehren muss.

Cosma Jo Gagelmann

Im letzten Jahr habe ich meine Begeisterung für Poetry Slam wiederentdeckt. Kein Abend ist wie der andere. Ich finde all diese Menschen faszinierend, die sich mit ihren selbstgeschriebenen Texten auf die Bühne trauen und ihr Innerstes vor einem Publikum fremder Menschen freigeben. Die Vorfreude, wenn man sich ein Ticket gekauft hat, ist immer groß. Man schnappt sich seine Lieblingsmenschen und geht zum Veranstaltungsort, wo man sich dann einen gemütlichen Platz aussucht, natürlich mit möglichst bester Sicht auf die Bühne, und darauf wartet, dass es endlich losgeht. Und die Moderation gibt einem das Gemeinschaftsgefühl, dass in den Krisenzeiten meist fehlt, man fühlt sich den anderen Menschen im Raum verbunden. Wenn man Glück hat, ist man Teil der Jury und hat die Ehre, die Texte der Slammer*innen zu bewerten. Selbstverständlich sind immer alle Texte von Herzen geschrieben, egal ob wütend, traurig, lustig oder fröhlich. Dann vergeht der Abend, während man den Texten lauscht, meist viel zu schnell. Nach dem wirklich allerletzten Applaus geht man dann nach Hause, aber es schwingen immer noch die Gefühle der Texte mit, die einen selber zum Nachdenken bringen und beflügeln. Ich freue mich schon darauf, dieses Gemeinschaftsgefühl irgendwann einmal wieder in einem Raum ohne zwingenden Abstand voller Literatur-Liebhaber*innen zu erleben, zu sehen, wie alle an den Lippen der Slammer*innen hängen und deren Wörter aufzusaugen. Ich vermisse es sehr, von jedem Text ein kleines Stück innerlich auf dem Nachhause-Weg mitzutragen.

Jörg Smotlacha

Ich finde es schrecklich, dass alle Museen geschlossen sind. So verständlich es ist, dass sich Menschen nicht auf engem Raum versammeln sollen, so furchtbar ist es, Kunst derzeit als entbehrliches Vergnügen ansehen zu müssen. Goya, Beckmann, Dix, Kirchner, Salomon, Picasso, van Gogh, Modersohn. Alle weggeschlossen. Wer einmal vor einem Original stand und zum Beispiel „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ von Jan Vermeer gesehen, wird nie wieder behaupten, dass ein Druck oder eine digitale Variante das Gleiche sind. Ich würde lieber im ganzen nächsten Jahr auf Konsum verzichten und sagen wir keine Kleidung mehr kaufen, als auf das Vergnügen zu verzichten, Ausstellungen anschauen zu können. Das Gefühl zu haben, aus einem Museum zu kommen und dann noch sehr, sehr lange über das Gesehene nachzudenken – es fehlt. Das Gleiche gilt natürlich für alle Installationen und Perfomances. Anders gesagt: Ich emfinde die kulturelle Armut als extremste Krise. Doch zum Glück ist Kunst so vielfältig, dass sie gleichzeitig auch die größte Hoffnung transportiert: Sie existiert trotz des Lockdowns. Kultur ist stärker als das Virus!

Montag, 28. Dezember 2020:
„Was wir gerade am meisten vermissen“

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