Susanne Viktoria Haupt
4. Januar 2021

Einsamer Kampf und dunkle Familiengeheimnisse

Seitenansicht: „Little Bird: Der Kampf um Elders Hope“ von Darcy van Poelgeest, Ian Bertram und Matt Hollingsworth

Eine Graphic Novel, mit der man nichts falsch machen kann: „Little Bird: Der Kampf um Elders Hope“

Als ich das Cover von „Little Bird“ das erste Mal sah, war ich bereits hin und weg, hatte aber keinerlei Ahnung wie sehr mich diese Graphic Novel mitreißen würde. Die Illustrationen von Ian Bertram und Colorist Matt Hollingworth hatten mich so begeistert, dass mir die Story hinter den Bildern ziemlich egal war. Der Augenschmaus, so war ich mir sicher, würde auch mit schwächelnder Storyline funktionieren. Und ja, „Little Bird: Kampf um Elders Hope“ ist optisch eine Granate. So sehr, dass man beim Lesen nicht umhin kommt, immer wieder innezuhalten und sich einzelne Panels ewig lange anzuschauen und dabei jeden Strich und jedes Detail aufzusaugen. Ich kann Euch nur empfehlen, einfach mal spontan, wenn die Geschäfte wieder geöffnet haben, zu Comix am Steintor zu gehen und dort einen Blick in diese Graphic Novel zu werfen. Denn auch, wenn Ihr vielleicht keinen Faible für diese literarisch-bildkünstlerische Form habt, so lässt sich nicht bestreiten, dass es sich um ein echtes Meisterwerk handelt.

Der Umstand, dass die Story sich dann aber doch keineswegs hinter den Illustrationen verstecken muss, hat schlussendlich dazu geführt, dass „Little Bird: Der Kampf um Elders Hope“ 2020 mit dem begehrten Eisner Award ausgezeichnet wurde. Ein Ritterschlag der Szene nach wie vor. Hinter „Little Bird“ verbirgt sich die gleichnamige Heldin, eine kanadische Freiheitskämpferin, die in einer dystopischen Welt gegen eine klerikale Diktatur aus Amerika antreten muss, die ihrem „New Vatican“ auch ganz Kanada einverleiben will. Little Bird hat dabei drei große Ziele. Sie will ihre verschwundene Mutter wiederfinden, den sogenannten Helden „The Axe“, eine Art kanadischer Supermann, befreien und Kanada gegen den „New Vatican“ verteidigen. Little Bird als furchtlos zu betiteln, wäre dabei noch untertrieben.

Auf ihrem Kreuzzug gegen die klerikale Bedrohung stößt Little Bird allerdings immer wieder auf neue Probleme. Zum Beispiel, dass der vermeintliche Superheld, der eigentlich alles wieder ins Lot bringen soll, keinesfalls den Erwartungen entspricht und ihr nicht die erhoffte Hilfe ist. Oder auch, dass Little Bird auf wirklich düstere, unangenehme Familiengeheimnisse stößt, die für jeden schwer zu verdauen wären. Und zwischendurch trifft sie noch auf die wohl letzte freie Bastion im kanadischen Norden, die Kolonie Elders Hope, wo noch Hoffnungen und Träume zu finden sind.

Ein dystopisches Meisterwerk, dass hier und da tatsächlich Raum lässt, um die Bildgewalt wirken zu lassen. Dafür geht Autor Darcy van Poelgeest auch mal einen Schritt zurück und verlässt sich auf wenige, dafür aber pointierte und dramatische Kurzmonologe von Little Bird. Dieses Buch nimmt man einmal in die Hand und legt es tatsächlich erst nach der letzten Seite wieder zur Seite.

Darcy van Poelgeest (Autor), Ian Bertram (Illustrator) und Matt Hollingsworth (Colorist): „Little Bird: Der Kampf um Elders Hope“, Übersetzung von Peter Schadt, 208 Seiten, Cross Cult, ISBN-13: 978-3966582100, 35 Euro

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Kunst, Literatur

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