Marc Mrosk
6. Oktober 2010

Mittelfelder Nächte (sind lang)

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 4: Unterwegs mit Ufos, Geistern und Bill Murray

Als die Glühlampen der Straßenlichter anfingen zu zittern, um dann schließlich nur zwei Sekunden später endgültig in ihrem grellen Schein zur leuchtenden Ruhe zu kommen und der Mond sich wie ein riesiger Scheinwerfer oben am immer dunkler werdenden Himmel postierte, entschloss ich mich noch mal raus zu gehen. Nach dem letzten Regenguss wollte ich noch ein wenig frische Luft an diesem herbstlichen Abend schnappen. Die Pfützen, die sich an den Straßenecken und vor den Bordsteinen angesammelt hatten, reflektierten die Lichter. Ein paar Leute sah man zur Haltestation traben oder in irgendwelchen Seitenstraßen verschwinden.

Bahnhaltestelle Mittelfeld

Über den Dächern und Straßen klebt der Mond

Ich ging ebenfalls zur Bahnhaltestellte Mittelfeld und rauchte zur Entspannung erstmal eine Zigarette. Über dem Dach der St. Eugenius Kirche sah man einen strahlenden Fleck, „das Licht am Ende des Tunnels“, dachte ich. Ein satter protziger Vollmond klebte dort am schwarzen Abendhimmel, doch das Jaulen der Werwölfe aus dem Viertel blieb aus. Stattdessen hörte man die quietschenden Räder und das Peitschen und Knallen an der Oberleitung der Linie 8 als die Funken sprühten. Ich überlegte einen Moment einzusteigen, beließ es dann aber bei einer Reise durch das Viertel zu Fuß. Was nützt schon ein Spaziergang in der Straßenbahn? Weit würde ich da nicht kommen.

„Zur Sonne, zur Freiheit…“

„Guck mal, Mama, eine Fledermaus“, rief ein kleiner Junge seiner Mutter zu, die zwei Einkaufstüten trug und die Straße Am Mittelfeld hinunter ging. Der Junge deutete auf die andere Straßenseite, doch die Mutter schaute gar nicht hin, sondern ging stur weiter. Ich erlaubte mir einen Blick zu den schwarzen Tannen gegenüber und sah wie sie leicht wackelten, doch ich konnte nicht sehen, woran das lag. Ich überholte die beiden und legte an Tempo zu. An der Kreuzung zur Ahornstraße blickte ich kurz die älteste Straße im Viertel rechts hinunter und erhaschte einen Blick auf zwei finstere Gestalten, die zwischen den geparkten Autos herumrannten. Der eine schien den anderen zu jagen, doch ein Ruf oder Schrei blieb aus. Dann waren sie hinter der Häuserecke verschwunden.

Leuchtschild “Zur Sonne”

Aus der „Sonne“ in die Schwärze der Nacht

Die Tür zur „Sonne“ ging auf und ein Typ, so um die Mitte 40, der aussah wie Bill Murray, torkelte aus der Kneipe. Die Zeit in der Sonne war vorüber, nun war der Mond an der Reihe noch mehr Schaden anzurichten. Bill schaute mich kurz an, blieb stehen und richtete dann seinen Blick hoch zum mittlerweile abendlichen Himmel. Er kniff seine Augen zusammen und hielt sich die Hand seitlich an die Stirn, als ob ihn etwas blenden würde.

Himmelslaternen

„Was zur Hölle ist das denn?“ fragte Bill und deutete auf die zahlreichen Lichter am Himmel. Kleine Leuchtkugeln schwebten dort oben, bestimmt so um die sieben bis zehn Stück. „Das sind Himmelslaternen“, sagte einer mit Schlapphut und Mantel, der von der anderen Seite rüber kam und ebenfalls hoch schaute. „Guck mal, Mama, Ufos“, sagte der kleine Junge, der mit seiner Mutter aufgeholt hatte. Diesmal schaute seine alte Dame tatsächlich zum Nachthimmel und wurde immer langsamer bis sie schließlich stehen blieb. „Was ist das?“, fragte sie in gebrochenem Deutsch und blickte dann in die Gesichter der herumstehenden Menschen, die lächelten und weiter zum Himmel stierten. „Schnell nach Hause, bevor sie landen“, sagte Bill und torkelte davon.

Leuchtlaternen am Himmel

Leuchtende Ufos über der Stadt der fremden Lichter

Die Zeit vergeht schnell, wenn man gedankenverloren durch die Straßen zieht. Die Lichter waren schon lange verschwunden, als ich an der Ecke Giesener Strasse und Eichelkampstraße plötzlich ein leises Quietschen vernahm. Ich blickte hinüber zum Spielplatz, der nun fast ganz in schwarz gehüllt war und sah die beiden golfballgroßen Lichter, die über den Asphalt sausten. Ein ferngesteuertes Auto fuhr an mir vorbei und düste dann weiter die Eichelkampstraße Richtung vietnamesische Pagode hinunter. Ich schaute mich genauer um, konnte allerdings niemanden sehen, der dieses Auto steuerte. Ich blickte auf die Uhr. Es war halb 12 Uhr abends. Langsam schlenderte ich die Straße weiter hinunter, hörte das Klimpern der Ketten von der Schaukel, die ganz gemächlich vor sich hinschaukelte und überhaupt nicht den Anschein machte, als würde sie demnächst langsamer werden. Sie schaukelte einfach weiter, als würde eine unsichtbare Hand ihr immer wieder Schwung geben.

Von Geisterhänden und gespenstischen Festen

Nach Fledermäusen und Ufos am Himmel wurden nun die Geister im Viertel aktiv. Einer jagte sein ferngesteuertes Auto durch die Gassen und der andere Schaukelte auf dem Messe-Spielplatz bei strahlendem Mondschein. Ich beobachtete noch eine Weile dieses mysteriöse Schauspiel und entscheid mich dann umzudrehen und die andere Richtung einzuschlagen. Auf der Hauptstraße bei der Pizzeria, die seit Monaten dicht war, hörte ich plötzlich Gemurmel von Leuten, das Klirren von Gläsern und Besteck und ganz leise aus dem Hintergrund spielte „Azzuro“ von Adriano Celentano. Umso näher ich kam, desto leiser wurde die Szenerie und alles was ich sehen konnte, war eine verlassene Pizzeria, die hinter einem metallischen Vorhang dahinvegetierte, während davor ein alter Coca Cola-Kühlschrank Wache stand.

Geschlossene Pizzeria

Hier feiern die Geister vergangener Tage

Ich blickte die Hauptstrasse Am Mittelfelde hinunter und sah einen Mann, der mir mit hoher Geschwindigkeit entgegenkam. Er stöhnte und hechelte ganz aufgeregt, als er an mir vorbei lief, in seinem Gesicht sah man die blanke Panik und schon in der nächsten Seitengasse verschwand er wieder. Er war der Gejagte von vor ein paar Stunden bei den geparkten Autos und hatte anscheinend gar nicht bemerkt, dass er seinen Verfolger schon lange abgehängt hatte. Wenig später donnerten die Kirchenglocken los und ich blickte auf meine Uhr. Es war Mitternacht. Zeit für das Ende meines Spaziergangs. Ich hatte auch genug gesehen und gehört, doch es sollte noch weiter gehen. Das Nächste, was ich sah, übertraf wirklich alles, was zuvor an diesem Abend geschehen war. Aber das ist eine andere Geschichte…

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur, Lokales, Lokalitäten

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