Anny Bader
29. Dezember 2020

Vom Nonnenchor zur Punkerin

Musik x Feminismus: Dass Frauen musizieren, ist historisch betrachtet relativ neu. Ein Blick auf Frauen in der Musik bis in die 1970er-Jahre

Eine Ikone ihrer Zeit: Sängerin Aretha Franklin 1967

Das 19. Jahrhundert und die Moderne

Stark verfestigte Geschlechterrollen prägten die Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Musikerinnen und Komponistinnen waren rar und wurden für ihr Schaffen verspottet. Als Frau zu musizieren gehörte sich nicht, da die Tätigkeit als Verführung galt. Deshalb waren komponierende Frauen, wenn überhaupt, Nonnen im Kloster, die einander Kirchenlieder vorsangen. Erst mit der Zeit der Moderne, vor allem zwischen 1890 und 1920, besserte sich der Situation. Zwei Klassikerinnen prägten die Moderne im deutschsprachigen Raum: Grete von Zieritz (1899-2001) und Ilse Fromm-Michaelis (1888-1986). Beide waren Pianistinnen und komponierten zahlreiche avantgardistische Werke. Außerdem begannen Frauen zu dieser Zeit, Musik zu unterrichten. Zuerst nur andere Frauen, doch später durften Musikerinnen auch Männer unterrichten. Dadurch veränderte sich das Frauenbild in der Musikgeschichte immer mehr.

Die 1940er- und 1950er-Jahre

Ende der 1940er-Jahre wurde die Sängerin Édith Piaf, zunächst in Frankreich und letztendlich weltweit, immer bekannter. Sie sang über den Alltag in Paris. Die Menschen auf der Straße konnten sich mit ihr identifizieren. Der Song „La Vie en Rose“ ist bis heute weltberühmt. (Erst Ende letzten Jahres sah ich jemanden in einer Bar bei einem Karaoke-Wettbewerb dieses Lied singen und damit gewinnen!) Frauen in der Musik trauten sich mehr, aber noch nicht viel. Die Texte blieben brav und wiesen kaum Kontroversen auf, was sich später ändern sollte. Rassismus spielte leider ebenfalls eine Rolle, beispielsweise für LaVern Baker. Sie wurde 1929 in Chicago geboren und behauptete sich als „Hebamme bei der Geburt des Rock’n’Roll“ Anfang der Fünfziger Jahre. Rassismus stand Musikerinnen of Color im Weg, da Konzerthallen teilweise nur für Weiße zugänglich waren. Außerdem sollten Songs von schwarzen Interpretinnen, die bekannt werden könnten, schnellstmöglich von Weißen gecovert werden. Dadurch fegte Georga Gibbs zum Beispiel „Tweedle Dee“ von LaVern Baker beiseite.

LaVern Baker: „Tweedle Dee“

Die 1960er-Jahre

Anfang der Sechziger Jahre gehörten besonders Aretha Franklin, Joan Baez und Dusty Springfield zu den wichtigen musikalischen Größen. Dominiert von den Genres Folk, Blues und Jazz, trauten sich die Musikerinnen und Komponistinnen immer mehr, gegen bestehende Verhältnisse zu rebellieren. Wie etwa Dusty Springfield, die Sexismus nicht mehr ertrug und sich mit dem Jazz-Schlagzeuger Budy Rich schlug, nachdem er sexistische Ideen geäußert hatte. Joan Baez‘ Protest zeigte sich durch ihre Songtexte, aber auch durch ihr Handeln als Aktivistin. Als sie realisierte, dass bei ihrer Show nur Menschen mit weißer Hautfarbe im Publikum saßen, trat sie bei ihrer nächsten Tour ausschließlich an Universitäten für People of Color auf. Aretha Franklin, die Queen of Soul, erhob als afroamerikanische Sängerin ebenfalls ihre Stimme gegen Rassismus.

Janis Joplin im Blues und Joni Mitchell im Folk – zwei wichtige Sängerinnen der späten 1960er-Jahre. Beide kämpften für Emanzipation, sind aber eher berühmt für ihren psychischen und körperlichen Niedergang. Solche Lebensläufe werden bei Männern als „typisch für Musiker“ dargestellt, „Sex, Drugs, Rock’n’Roll“ halt. Als Frau hingegen eine Tragödie und total uncool. Janis Joplin starb im Alter von 30 Jahren allein in einem Hotelzimmer an einer Überdosis Heroin. Joni Mitchell musste sich für ihre wechselnden Beziehungen und Liebhaber stets rechtfertigen. Bei den Männern war und ist das gleiche Verhalten noch immer cool. Warum?

Janis Joplin: „Summertime“

Die 1970er-Jahre

Punk, Punk, Punk. In den Siebzigern gilt alles Untypische als Punk – und alles schien untypisch, weil Frauen endgültig keine Lust mehr auf ihre festgelegten Geschlechterrollen hatten. Hier fiel auch mal das Wort Feminismus, wenn auch damals noch verpönt. 1975 sangen die Fyling Lesbians den Song „Wir sind die homosexuellen Frauen“. The Slits, auch Punkerinnen, sahen für die Herrenwelt so gefährlich aus, dass sich der Tourbus-Fahrer immer wieder weigerte, sie einsteigen zu lassen. Cosey Fanni Tutti war neben ihrer musikalischen Karriere auch Stripperin und Porno-Darstellerin. So etwas wäre ein paar Jahre zuvor noch undenkbar gewesen, aber in den 1970er-Jahren, als alles Punk war, durchaus möglich. Eine der bekannten Punk-Bands dieser Zeit kommt sogar aus Hannover: Hans-A-Plast. 1978 gegründet wurde die Band berühmt mit Texten wie „Ich bin so gut im Kinderkriegen / Ich bin so gut im Hintern wackeln / Ich bin so gut im Tüten schleppen / Ich kann auf hohen ‚Schuhen gehn / Für ’ne Frau – gut“.

Natürlich erklangen in den Siebzigern auch andere Genres. Marcia Griffiths behauptete sich als First Lady of Reggae. Sie war ein wesentlicher Bestandteil von Bob Marley & The Wailers, auch wenn von ihr seltener die Rede ist als von Bob Marley selbst. Marcia galt damals als Jamaikas wichtigste Sängerin. Und auch Annie Lennox darf bei den 70er-Jahren nicht vergessen werden. Ihre Karriere begann gegen Ende des Jahrzehnts gegen 1979. Bekannt wurde sie als Sängerin mit der Band The Tourists, später mit den Eurythmics sowie als Solo-Künstlerin. Heute ist Lennox mehr Aktivistin als Musikerin. Sie engagiert sich für Feminismus innerhalb von Projekten wie „March4Women“ in London und kämpft bereits seit Beginn ihrer Karriere mithilfe ihrer stetig wachsenden Bekanntheit für LGBTQ-Rechte und grundlegende Menschenrechte weltweit. 

Hans-A-Plast: „Für ’ne Frau“

(Foto: Pressefoto/Atlantic Records)

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Kategorien: Musik, Politik

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