Jörg Smotlacha
24. Dezember 2020

Holy days

Zum heiligen Abend ein paar Gedanken über eine unwürdige Weihnachts-Politik

Weihnachtsbaum

Alles leuchtet!

Es ist ja so eine Sache mit Weihnachten. Und die Regierung hat es uns nicht leichter gemacht. Zu schön war die so harmlos christlich anmutende November-Story, dass wir all die Entbehrungen dieser nun ja leider mal vorhanden Corona-Krise – Fußballstadien ohne Publikum, Glühweintrinken verboten, Freund*innen nicht mehr sehen – nur auf uns nehmen müssten, um dann in Ruhe und Frieden Weihnachten mit der Familie feiern zu dürfen. Gleichzeitig sollten wir aber auch unbedingt ordentlich die Wirtschaft ankurbeln, um mit den richtigen Geschenken ein tolles besinnliches Fest mit den Lieben garantieren zu können. Quasi im Vorbeigehen würde Deutschland so auch die Wirtschaftskrise abwinden und es den anderen europäischen Ländern mal wieder so richtig zeigen. Wie es geht, wenn die Wirtschaft rund läuft. Wie man Krisen gewinnt. Und andere verlieren. Denn so muss das sein. In diesem Zusammenhang wurde Einkaufen zum „patriotischen Akt“ (Peter Altmeier). Und es gab noch schnell einen „Black Friday“ und den Vorschlag, dass alle Läden auch sonntags bis 24 Uhr öffnen sollten. Herje, da war der Neoliberalismus glücklich!

Gleichzeitig wurden Museen geschlossen und Kinos dichtgemacht und die Kulturzentren dieses Landes müssen nun ihre Integrationsarbeit und ihren sozialpolitischen Auftrag nach Abstimmung mit den Gesundheitsbehörden per Zoom-Konferenz abhalten. Alles im Sinne des Infektionsschutzes. Haben alle kapiert und mitgemacht. Doch zu früh gefreut: Hat alles nicht funktioniert. Die Bevölkerung war nicht brav genug. Hat zwar einigermaßen viel eingekauft und ordentlich die Volkswirtschaft angekurbelt, aber eventuell doch gleich zwei Freund*innen in einer Woche getroffen. Dabei ist jeder Kontakt einer zuviel, haben wir doch gelernt. Wobei mit Kontakten nicht die Begegnungen in den Großraumbüros, an den Fließbändern der deutschen Vorzeigeindustrie und in der Straßenbahn gemeint sind und auch nicht die in den überfüllten Arztpraxen, sondern Deine. Ja, Deine ganz privaten! Denn Du hast doch letzte Woche eine Freundin getroffen, der Du auch per WhatsApp hättest schreiben können. Und damit hast Du das Leben Deiner Oma riskiert. Da schimpfen die Ärzt*innen auf den Intensivstationen. Die Infektionszahlen steigen sehr stark. Also dürfen sich nun auch Weihnachten nur fünf Menschen aus Deiner Crew treffen. Und wenn Du jetzt zwei Kids hast und Deine*n Partner*in liebst, dann darf Oma kommen, aber Opa nicht. Alles klar!?

Also braucht es Ausgangssperren, um die gesundheitspolitische Situation zu verbessern, das scheint dringend nötig. Österreich macht es ja immer mal wieder gerne vor. Vor die Tür treten nur noch bis 15 Uhr, danach nur noch mit Passierschein. Natürlich mit Ausnahmen, denn da war ja noch was mit Einkaufen und Patriotismus. Also rausgehen ja, aber nur zum Kaufen.

Gut, dass all der Konsum immerhin über Weihnachten mal ein paar Tage nicht möglich ist. Und natürlich wünsche ich allen von Herzen eine schöne Zeit! Es möge jede*r selbst entscheiden, in verantwortungsvoller Art und Weise seine Familienmitglieder zu kontaktieren. Doch vielleicht sollten wir uns auch einmal Gedanken darüber machen, wie neoliberal dieser Lockdown eigentlich ist und ob es nicht solidarischere Alternativen gäbe. Frohe Weihnachten!

Donnerstag, 24. Dezember 2020:
Weihnachten, gibt es ja trotzdem

(Foto: Henning Chadde)

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Kategorien: Politik, Tagestipps, Unrat

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