Susanne Viktoria Haupt
18. Januar 2021

Zwei Halbe ergeben ein Ganzes

Seitenansicht: „Die verschwindende Hälfte“ von Brit Bennett

Schrieb sich mit ihrem zweiten Roman in die literarische Oberliga: Brit Bennetts „Die verschwindende Hälfte“, Buchcover

Kaum ein Roman schlug im vergangenen Jahr so ruhige, aber dennoch hohe und beständige Wellen wie Brit Bennetts „Die veschwindende Hälfte“. Bennett, die sich selbst in der Öffentlichkeit stets sympathisch zurückhaltend, aber klug und eloquent zeigt, war und ist bis zum heutigen Tag hin und Weg von der Resonanz, die sie für ihre Geschichte rund um ein ungleiches Zwillingspärchen bekam. Der Umstand, dass niemand Geringeres als der ehemalige US-Präsident Barack Obama ihren Roman mit auf seine Liste der Lieblingsbücher von 2020 setzte, verursachte bei der gerade einmal 31-jährigen Autorin Schnappatmung. Und ja, ihr Roman kann sich genau wie ihr Debüt „Die Mütter“ sehen lassen. Besser noch: Er liest sich wie geschnitten Brot. Denn wenn Bennett etwas kann, dann ist es, Geschichten zu erzählen.

Stella und Desiree könnten als Zwillingsschwester nicht ungleicher sein. Stella ist ruhig und träumt von einem College-Besuch, Desiree ist rebellisch, möchte in die große Stadt hinaus, am liebsten nach New Orleans, und Schauspielerin werden. Beide befürchten allerdings, dass sie wohl ewig im kleinen Dorf Mallard festsitzen werden. So klein und eigenartig, dass es auf keiner Landkarte verzeichnet ist. Was Mallard so eigenartig macht, ist der Umstand, dass die Bewohner*innen Mallards immer weißer zu werden scheinen, jedoch nicht so weiß, dass sie in der amerikanischen Gesellschaft der 1940er- und 1950er-Jahre wirklich als weiß gelten würden. Weiß werden, darauf sind die Familien hier besonders stolz. Und wehe dem Menschen, der durch Heirat wieder mehr Farbe nach Mallard bringt. Stella und Desiree haben so ihre Probleme mit der Weißwaschung der Menschen um sie herum, fiel doch ihr Vater völlig grundlos einem weißen Lynchmob zum Opfer. Und das auch noch vor den Augen seiner kleinen Töchter.

Einfach nur raus aus Mallard

Als die beiden die zehnte Klasse abgeschlossen haben, eröffnet ihre Mutter ihnen die neuen Pläne für ihre Zukunft. Aus dem College würde nichts werden und auch nichts aus der Schauspielkarriere. Beide Mädchen sollten putzen gehen, bei vornehmen Familien, die noch einige Nuancen weißer und eben auch reicher sind, als Stella und Desiree Vignes. Anstatt sich jedoch ihrem Schicksal zu fügen, packen die beiden ihre Koffer und verlassen Mallard. In New Orleans versuchen sie sich ein neues und vor allem selbstbestimmtes Leben aufzubauen. So unterschiedlich die beiden Schwestern sind, so unterschiedlich sind auch ihre Vorstellungen vom neuen Leben. Vor allem Stella möchte gerne die Seiten wechseln und so schnell es geht selbst wirklich zur weißen Schicht gehören. Nicht dieses ewige irgendwo dazwischen, das sie bisher kannte. Als sie die Möglichkeit hat, endgültig ihre Träume von einem weißen und vermeintlich perfekten Leben zu verwirklichen, verlässt sie ihre Schwester sang und klanglos.

Während Stella sich auf einen durch und durch weißen Mann einlässt, ihn heiratet, ein Kind bekommt und in ein besonders vornehmes und sehr weißes Viertel von Los Angeles zieht, gerät Desiree in eine gefährliche Abwärtsspirale. Sie verliebt sich, heiratet und bekommt ein Kind, allerdings entpuppt sich ihr Ehemann als brutaler Schläger. Desiree muss mit ihrer Tochter Jude flüchten und findet keinen anderen Ausweg, als ins sichere Nest Mallard zurückzukehren. Problematisch nur, dass ihr Ehemann ein Schwarzer ist und ihre Tochter so dunkel, dass es die Menschen in Mallard aus den Latschen haut. Aber auch Stellas Leben erscheint nur auf den ersten Blick perfekt. Nachdem die erste farbige Familie Einzug ins Viertel erhält, muss sie sich gezwungenermaßen mit ihrer wahren Herkunft auseinandersetzen.

Großes Erzählkino, kleine Mankos im Lektorat

„Die verschwindende Hälfte“ von Brit Bennett ist ein erstaunliches, sprachlich ausgefeiltes und kritisches Panorama. Denn wir verfolgen nicht nur Stella und Desiree, sondern auch beispielsweise Jude, die Tochter von Desiree. Und alle, ganz gleich, ob sie eine Generation auseinanderliegen oder nicht, tragen dasselbe Problem mit sich herum: die Hautfarbe und alles, was damit zusammenhängt. Identität, Ausgrenzung, Hass, Scham und Verunsicherung. Während Desiree sich wenig um die Farbe ihrer Haut kümmert, ist sich Jude von Kindesbeinen auf viel zu dunkel und muss in Mallard ordentlich einstecken. Stella hingegen möchte jede noch so sanfte farbige Nuance am liebsten von sich abschneiden und vergraben, so sehr verteufelt sie ihre Herkunft. Auch wenn sie gleichzeitig durch ihre eigenen Erfahrungen Angst vor den Weißen hat. Und dazwischen haben wir zwei Zwillingsschwestern, die sich zwar nicht gleich sind, aber die zueinander gehören, sich sehnen, auch wenn sie sich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen haben. Zwei Schwestern, die nur gemeinsam ein Ganzes ergeben, aber Stella ist nun mal verschwunden und für Desiree besteht ihr Leben nun aus nur noch einer Hälfte.

„Die verschwindende Hälfte“ hat ber 400 Seiten, aber keine einzige davon fühlt sich belanglos an. Nicht einmal reist Bennett an einen Nebenschauplatz und verliert sich im irrelevanten Getümmel. Jeder der Charaktere ist stark und scharf gezeichnet und wirft immer wieder die Frage auf, ob wir heute wirklich schon so fortschrittlich sind, wir wir immer glauben wollen. Ob sich in den letzten Dekaden wirklich so viel geändert hat, wie wir meinen. Bennetts Stärke ist wahrlich, dass sie Gesellschaftskritik, wichtige und grundlegende Fragen und einen starken Erzählstil miteinander vereinen kann. Ein cleverer Zug vom Hanser Verlag auch, sich für die Übersetzung die renommierte Schriftstellerin Isabel Bogdan und den mehrfach ausgezeichneten Übersetzer Robin Dietje ins Boot zu holen. Der erhaltene Groove von Bennetts Sprache tröstet sogar über den ein oder anderen übersehenen Tippfehler vom Lektorat hinweg. „Die verschwindende Hälfte“ ist ein Roman, den man nur schwerlich aus der Hand legen kann. Bisher gefällt mir das Lesejahr 2021 sehr gut.

Brit Bennett: „Die verschwindende Hälfte“, Übersetzung von Isabel Bogdan und Robin Dietje, 416 Seiten, Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3498001599, 22 Euro

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur

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