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Fürsprache aus philosophischer Sicht

Im Forschungsinstitut für Philosophie setzt sich Marvin Dreiwes heute Abend mit der Thematik der Fürsprache auseinander: „Für andere sprechen. Überlegungen zu einer verkannten Praxis“

Marvin Dreiwes

Hält heute Abend eine Fürsprache für die, nun ja, Fürsprache: Marvin Dreiwes

Der Begriff der Fürsprache wird nicht selten mit Religion oder Justiz verbunden. So gibt es in der katholischen, aber auch in der anglikanischen und der orthodoxen Kirche das Fürbitten-Gebet, bei dem eine dritte Person Gott für jemand anderes um etwas bittet. Auch Rechtsanwälte nehmen eine Fürsprecherrolle ein, in der Schweiz wird der Rechtsanwalt mancherorts direkt als Fürsprecher bezeichnet. Aber auch im alltäglichen Sprachgebrauch ist der Fürsprecher bekannt. Ein Fürsprecher, wie der Ich-Erzähler in Franz Kafkas kurzen Prosatext „Fürsprecher“ darlegt, sei überall nötig, „ja man braucht ihn weniger bei Gericht als anderswo“, denn so sei anzunehmen, „das Gericht spricht sein Urteil nach dem Gesetz“. Im Leben sei es „dringend nötig, Fürsprecher zu haben, Fürsprecher in Mengen, die besten Fürsprecher, einen eng neben dem andern, eine lebende Mauer“, wie der Ich-Erzähler weiter ausführt, während er auf der Suche nach Ziegeln für diese Mauer ist, dabei aber vornehmlich auf alte dicke Frauen stößt, die sich behäbig fortbewegen.

Eigentlich ein klarer Fall: Fürsprecher kann jeder gut gebrauchen. Dennoch scheint der Fürsprache häufiger ein negativer Beigeschmack anzuhaften, besonders, wenn die Fürsprache ungefragt zum Ausdruck gebracht wird. Sicherlich gut gemeint, aber doch ein Eingriff in die Autonomie derjenigen Person, für die gesprochen wird. Eltern nehmen ebenfalls eine Fürsprecherrolle für ihre Kinder ein, stellen auch mal Lehrer oder den Klassenklopper – oder dessen Eltern – zur Rede. Doch ab einem bestimmten Punkt, dabei noch lange nicht volljährig, wird es Kindern meist unangenehm, wenn Eltern zu sehr Fürsprache für sie halten, immerhin sei man doch kein kleines Kind oder kein Baby mehr. Mit Mündigkeit, mit Erwachsensein wird das Fürsichsprechen verbunden, im Umkehrschluss wird denjenigen, die nicht für sich selbst sprechen (können), diese Mündigkeit abgesprochen, sie zumindest infrage gestellt. Wer erwachsen ist, kann Dinge auch ohne Mama und Papa, ohne Anwalt, ohne Priester oder fremde Menschen auf der Straße klären. Fürsprache, so könnte man meinen, untergräbt diese Fähigkeit, entmündigt im schlimmsten Fall, ist ein dicker Kratzer im Stolz.

Aber selbst erwachsenen, mündigen und unabhängigen Menschen ist es nicht immer möglich, in ausnahmslos jeder Situation des Lebens für sich selbst zu sprechen. Wer vor Gericht gänzlich auf das Gesetz vertraut und sich nicht von einem Anwalt mit seinem Expertenwissen entmündigt wissen will, wird den Nutzen von Fürsprache vermutlich ebenso erkennen, wie jemand, der Fürsprache vor einer größeren, ihm nicht gewogenen Gruppe erhält. Im Forschungsinstitut für Philosophie setzt sich heute der Philosoph Marvin Dreiwes in dem Vortrag „Für andere sprechen. Überlegungen zu einer verkannten Praxis“ mit der Thematik der Fürsprache auseinander, der er ethische Bedeutsamkeit beimisst, und die aus bestimmten philosophischen Gesichtspunkten auch weniger als eine Art „advokatorische Rede“, denn als „sichtbare Mehrstimmigkeit“ zu sehen sei, die dem Sprechen innewohne.

Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr und findet via Zoom statt. Anmeldungen sind telefonisch (0511/164 09 30) oder per E-Mail (wittkamp@fiph.de [1]) möglich.

Mittwoch, 13. Januar 2021:
„Für andere sprechen. Überlegungen zu einer verkannten Praxis“, Vortrag von Marvin Dreiwes, Forschungsinstitut für Philosophie Hannover, Live-Stream via Zoom, Beginn: 19 Uhr, Eintritt frei

(Foto: Pressefoto/Forschungsinstitut für Philosophie Hannover)

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