Henning Chadde
14. Juni 2006

Männer ohne Nerven

Die hannoverschen Chanson-Punker Sölter & Kirleis im Portrait

In Hannover laufen sich die Protagonisten der Kultur- und Entertainment-Branche über kurz oder lang über den Weg. Für einige mag das als weiterer Beweis für die viel beschworene Provinzialität der Landeshauptstadt gelten. Die Innenansicht sieht anders aus: In Hannover sind die Wege der effektiven Zusammenarbeit und des Austausches einfach kürzer und direkter. Uns so kommen Projekte, wenn man sie richtig anpackt, einfach schneller auf den Punkt. So geschehen bei dem Sänger Christian Sölter und dem Pianisten Holger Kirleis. Als diese beiden Titanen des hannoverschen Kultur-Zirkus aufeinander trafen, kam es sogleich zur Kernschmelze. Und seitdem ist unsere geliebten Metropole um einen hoch energetischen Bühnen-Vulkan reicher.

Christian Sölter & Holger Kirleis

In Startposition: Sölter & Kirleis

Startschuss bei Männer angstfrei

Anlass für das „Gipfeltreffen“ der besonderen Art war ein Auftritt von Sölter in der Kleinkunstreihe „Männer angstfrei“ im letzten Jahr. In dieser von Holger Kirleis und dem hannoverschen Autoren Peter Düker im Lister Café Artig bis Juli letzten Jahres veranstalteten Reihe war der Name Programm: Männer und Frauen, allesamt Künstler, mussten sich den spartenübergreifenden Anforderungen des äußerst schlagfertigen Duos Kirleis/Düker möglichst angstfrei stellen. Klar, dass Christian Sölter, der als Kurzgeschichten-Autor geladen wurde, ebenso seine Qualitäten als Sänger unter Beweis zu stellen hatte. Und so kam es an diesem denkwürdigen Abend zu einer ersten Zusammenarbeit mit Kirleis. Schnell wurde klar: Hier hatten sich zwei gefunden, die wie die Faust auf’s Auge passten. Das wurde nicht nur durch die Resonanz des Publikums bei „Männer angstfrei“ bestätigt. Auch die beiden Musiker waren sich schlagartig sympathisch und sahen in ihren Unterschiedlichkeiten ein gemeinsames Faustpfand für den Bühnenerfolg.

Christian Sölter & Holger Kirleis in schwarz-weiß

Auf den Spuren der Musikgeschichte: Sölter & Kirleis

Standortbestimmungen zwischen Ernst Busch, Punkrock und Arbeiterlied

Christian Sölter, der hauptamtlich das Mikrofon bei der hannoverschen Ska-Kapelle Hammerhai schwingt, pflegt seit langem ein Faible für Chansonlastiges. Vor allem für den alten Haudegen Ernst Busch. Hinzu kommt eine ausgeprägte Liebe zu deutschsprachigem Liedgut verschiedenster Couleur bis hin zu Punkrock und Hardcore.

Holger Kirleis wiederum ist als Pianist seit langen Jahren in vielen Bühnensparten zu Hause. Er ist Gründungsmitglied der hannoverschen Künstlergruppe hebebühne, fährt mit dem Siebten Orchester zusammen mit Bengt Kiene zur See und hat mit selbigem ein Georg Kreisler-Programm auf die Bühne gebracht. Zudem spielt er Barpiano und regelmäßig für verschiedene Improvisations-Theater. Außerdem hat Kirleis einen schweren Hang zum Komödiantischen und seit den 70ern eine harte Rot-Front-Vergangenheit inklusive entsprechendem Liedgut zu verarbeiten.

Christian Sölter & Holger Kirleis

Im neuen Gewand vor alten Steinen

Was nun wie Gruppentherapie und gemeinsame Vergangenheitsbewältigung anmutet, entpuppte sich bei den Herren Sölter und Kirleis als goldener Querschnitt. Unter dem Motto „Piano mit Punk – Chanson mit Punch“ entwickelten sie kurzum eine augenzwinkernde Melange aus ihren beiden Tätigkeitsfeldern.

Ein Spiegel für’s Publikum und ein Augenzwinkern für die Ladies

Selbstbewusst suchen die beiden Lebemänner seitdem ihre Zuhörer konsequent in all ihren bisherigen Publikumsschichten. So spielten sie unter anderem im hannoverschen Industriepfarramt vor rüstigen Rentnern, dann zum 25. Jubiläum des DGB-Chors, schließlich wieder bei einem Punkrock-Festival, vor Hausfrauen und Müttern und zur Krönung nun demnächst an der langenleine. Der Mix macht den Kick, denn scheinbar mühelos funktioniert ihr mittlerweile neunzigminütiges Programm in all diesen Kontexten.

Süffisant betont Sölter in diesem Zusammenhang, dass die beiden es „genießen mit den Erwartungen des Publikums zu spielen, die verschiedenen Milieus von Altpolitisch bis Punk zu kitzeln, ja ihnen allen den Spiegel vorzuhalten“. Und das tun sie dann auch. Eben noch rockt der Vortrag, trifft der alte Dead Kennedys-Klassiker „California über Alles“ auf Dackelblut und Funny Van Dannen. Im selben Moment aber schon erhebt sich die mahnende Arbeiterfaust und schließlich kippt die Show ins Komödiantische, hinüber zur Kleinkunst.

Christian Sölter & Holger Kirleis holen sich Geld

Geld ist schön, steht aber nicht im Vordergrund

Einmal Rentenversicherung und zurück

Sölter und Kirleis bezeichnen ihre gemeinsamen Auftritte als „Musik-Kabarett“. Lachend führt Sölter aus: „Das ist ein ganz neues Genre für mich, das kann ich selbst in dreißig Jahren noch machen“. Womit der 37-Jährige nicht auf seine musikalische Rentenversorgung nach Hammerhai angespielt haben will. Er ist sich vielmehr positiv bewusst, dass die Musik auch über die schweißtreibende Rock-Peitsche hinaus sein treuer Lebensbegleiter bleiben wird. „Soviel steht man fest! Ich mach das ja auch schon seit zwanzig Jahren“, betont der überzeugte Autodidakt. Fasziniert ist Sölter dabei immer wieder von den verschiedenen Assoziationen, die sein Bühnenleben hervorzurufen weiß: „Bei Hammerhai bin ich für alle immer die Rampensau. Zusammen mit Holger gelte ich plötzlich als der ideale Brecht- und Busch-Interpret und das schlucken auch meine Fans aus dem Hammerhai- und Punkumfeld.“

Von Rollenwechseln und Narrenfreiheit

Wen wundert es, denn neben den entsprechenden Gesangsqualitäten bringt Christian Sölter vor allem eines mit: Eine gehörige Portion Charme und eine durchschlagend schwergewichtige Bühnenpräsenz, die zu jeder Gelegenheit mitzureißen weiß. Den nötigen Punch eben. Doch der alte Punkrocker tritt bei den gemeinsamen Auftritten bewusst in den Hintergrund, denn in dieser Abteilung lebt sich Kirleis als „Neu-Punk“ an den Tasten aus. Das Ganze mit zunehmender Begeisterung und selbstverständlich auch hier mit gehöriger Ironie gegenüber ihren Zuhörern. Sölter & Kierleis dürfen das. Und niemand nimmt es ihnen übel. Mag es an ihrer waaghalsigen Kombination liegen, ihren Persönlichkeiten, ihrem Humor oder an ihren Unterschieden. Fakt ist: Sölter & Kirleis genießen in dieser Hinsicht beim Publikum Narrenfreiheit. Denn auf der Bühne leben die beiden zuallererst eines: ihre ureigene Auffassung von Authentizität. Garniert mit einem mächtigen Schuss Selbstironie, Augenzwinkern und weltmännischer Seefahrer-Weisheit.

Nicht verpassen:

Die Herren Sölter & Kirleis stehen am 23. Juni auf der Bühne der Faust-Warenanahme. Zu Gast auf der langeleine-Release-Party geben die beiden eine fulminanten Einblick in ihr gemeinsames musikalisches Oeuvre.

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Menschen, Musik

2 Kommentare

  1. […] wäre da noch seine Zusammenarbeit mit dem Pianisten Holger Kirleis, mit dem er als kongeniales Duo Sölter & Kirleis einen äußerst charmanten musikalischen Bogen von Kurt Weill über Rio Reiser bis zu den Dead […]

  2. […] den Herrn Kirleis beim Kulturkiosk von langeleine.de erlebt!” – 2006 mit dem Piano-Punk-Duo Sölter/Kirleis oder 2008 mit dem wunderbaren Projekt Neele singt!. Das war schön und das wollen wir wieder sehen. […]

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