Sebastian Albrecht
18. Januar 2021

„Ungerechtigkeit an irgendeinem Ort bedroht die Gerechtigkeit an jedem anderen“

In den USA wird heute der Martin Luther King Day begangen. Das hat mit uns auf den ersten Blick wenig zu tun – dabei sind seine Botschaft und sein Einsatz für Toleranz, Chancengleichheit und Menschenrechte universell

Martin Luther King Jr.

Sein Traum von einer Welt, in der die Hautfarbe keine Rolle mehr spielt, ist bisher leider noch nicht in Erfüllung gegangen: Martin Luther King

Es liegt nahe, bei einem Text über den Martin Luther King Day an die Bewegung Black Lives Matter zu denken und damit beginnen zu wollen, dass Gedenktag und Martin Luther King selbst in der heutigen Zeit wohl aktueller denn je seien. Aber natürlich stimmt das nicht ganz, denn das ließe die Jahre seines Wirkens außer acht, die Fünfziger- und Sechziger-Jahre des 20. Jahrhunderts, als Martin Luther King zum bekanntesten Sprachrohr und Gesicht der Bürgerrechtsbewegung aufstieg, in denen in zahlreichen Staaten der USA noch Rassentrennung herrschte und die nicht-weiße Bevölkerung generell unter Rassismus zu leiden hatte. Ebenso die Zeit davor, die Jahre seit dem Amerikanischen Bürgerkrieg, dessen Ende 1865 zwar auch das Ende der Sklaverei in den Vereinigten Staaten bedeutete, nicht jedoch das Ende rassistischer Diskriminierung. Und natürlich die Zeit der Sklaverei auf nordamerikanischem Boden selbst, die bis in die Jahre der Entdeckung Amerikas zurückreicht.

Doch nur, weil früher für die afroamerikanische Bevölkerung in den USA alles noch viel schlechter war, ist der Aktivismus Martin Luther Kings und der Bürgerrechtsbewegung in unserer Gegenwart leider noch nicht zu einem Anachronismus, zu einer nur wichtigen Erinnerung an ein düstere, aber lange vergangene Zeit geworden. Auch fast 52 Jahre nach Kings Ermordung am 4. April 1968 in Memphis, Tennessee sind Rassismus und Ungleichheit in der US-amerikanischen Gesellschaft noch längst nicht verschwunden. Martin Luther Kings Traum von einer Welt, in der Hautfarbe keine Rolle mehr spielt, blieb bislang unerfüllt, der Kampf gegen Rassismus bleibt weiterhin aktuell.

Heute wird in den den USA der Martin Luther King Day begangen, der immer auf den dritten Montag im Januar fällt und damit um den – oder am – Geburtstag Kings am 15. Januar herum stattfindet. Bereits kurz nach seinem Tod wurden Äußerung laut, Martin Luther King mit einem Gedenktag zu ehren, noch im selben Jahr brachte der afroamerikanische Abgeordnete John Conyers einen Gesetzesentwurf dazu in den Kongress ein. Trotz zahlreicher Bemühungen dauerte es bis 1983, als der damalige US-Präsident Ronald Reagan, der einen solchen Tag ebenfalls ablehnte, das von einer Mehrheit des Kongresses beschlossene Gesetz schließlich verabschiedete, 1986 fand der Gedenktag dann das erste Mal statt. Inzwischen ist der Martin Luther King Day nicht nur auf staatlicher Ebene, sondern auch von Seiten der Bundesstaaten als Feiertag festgelegt.

Mit Deutschland und Hannover scheint dieser Tag auf den ersten Blick nicht viel zu tun zu haben. Dabei ist die Botschaft für Chancengleichheit und Toleranz, für Menschenrechte und einen gewaltfreien Kampf gegen Rassismus eine universelle. Galt Kings Engagement in der Bürgerrechtsbewegung anfänglich in erster Linie der afroamerikanischen Bevölkerung, erkannte er schon bald, dass Ungerechtigkeit kein Problem war, das sich nur auf die Vereinigten Staaten beschränkte, sondern ein internationales. Eine weitere Gemeinsamkeit mit der Black-Lives-Matter-Bewegung, die 2013 als Reaktion auf dem Freispruch George Zimmermans, der im Jahr zuvor den afroamerikanischen Jugendlichen Trayvon Martin erschossen hatte, in den USA ins Leben gerufen wurde und seit 2015 international agiert. Was mit dem Hashtag #BlackLivesMatter begann, ist längst zu einem großen Netzwerk geworden, das nicht nur in den Sozialen Medien, sondern auch auf den Straßen für Sichtbarkeit und Zusammenhalt sorgt, Demonstrationen und Proteste organisiert, gegen Rassismus und Polizeigewalt, aber auch wirtschaftliche Ungerechtigkeit kämpft.

Der Impuls, dies als reines Problem der „durchgeknallten Amis“ abzutun, als ein Problem, das es hierzulande nicht gäbe, ist auch in Deutschland vorhanden. Laissez-faire-Waffengesetze, Polizisten, die deswegen die Waffe schneller ziehen als ein Western-Held, ein Präsident, der protestierende Sportler und Demonstranten in den Sozialen Medien rüde beschimpft, Polizeigewalt, Ghettoisierung, die historische Vergangenheit der USA, generell die Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft. Beide Länder ließen sich nur schwer miteinander vergleichen.

Dabei braucht es einen Vergleich gar nicht, um festzustellen, dass es auch in Deutschland genug Probleme mit Rassismus und Polizeigewalt gibt. Während in den USA Racial Profiling, also das Anwenden von Polizei- und Sicherheitsmaßnahmen aufgrund von ethischer und äußerlicher Merkmale, zumindest gesetzlich verboten ist, gibt es in Deutschland keine juristischen Regelungen hierfür, ebenso wenig wie eine rechtliche Definition. Obwohl immer mehr über (rassistische) Vorfälle von Polizeigewalt berichtet wird und gefühlt im Wochentakt ein rechtes Polizei-Netzwerk oder eine rechte Polizei-Chatgruppe auffliegt, sieht der deutsche Innen-, Bau- und Heimat-Minister Seehofer weiterhin keinen Grund, eine explizite Studie zu Rassismus in der Polizei durchführen zu lassen. Anschläge wie in Hanau und Halle sorgen zwar für regelmäßige Bestürzung und Solidaritätsbekundungen, darüber hinaus geschieht in Politik und Gesellschaft jedoch nur wenig.

Dabei fängt Rassismus schon weit vor Gewaltverbrechen und Morden an: So haben es beispielsweise auch 2021 immer noch alle diejenigen schwerer, eine Wohnung oder eine Arbeit zu finden, die den falschen Namen und/oder das falsche Aussehen haben. Der Martin Luther King Day könnte also ein guter Anlass sein, auch in Deutschland mehr über Rassismus – auch den strukturellen – und Ungleichheiten nachzudenken und nach Lösungen zu suchen. Denn leider gibt es hier auch in der Gegenwart noch immer viel zu tun.

Montag, 18. Januar 2021:
Martin Luther King Day

(Foto: Wikipedia/Marion S. Trikosko)

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Kategorien: Politik, Tagestipps

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