Susanne Viktoria Haupt
25. Januar 2021

„Das kann ja jede sagen!“

Jede dritte Frau erlebt physische oder psychische Gewalt. Warum bei diesem Thema dennoch so viel Stille herrscht, darüber spricht die Strafverteidigerin Christina Clemm im Podcast des Literarischen Salons

Kämpft an vorderster Front und schreibt darüber: Strafverteidigerin Christina Clemm und ihre Publikation „AktenEinsicht“

Es wäre süß, wenn in unserer Gesellschaft von absoluter Gleichberechtigung von Mann und Frau gesprochen werden könnte, und es ist schlimm, dass die Folgen dieser Nichtexistenz so traurig und gefährlich sind. Liebe Frauen, nun mal bitte alle hier versammeln: Kennt Ihr das auch? Ein Mann bedrängt Dich mit der Aussage, dass Du ihm ja „eindeutige Signale“ gesendet hättest. Auf ein klares „Nein“ sagt er Dir, dass das Schwachsinn sei und nur das, was er sagt, wirklich Gewicht hätte. Oder kennst Du das, wenn Dir jemand ungefragt in einem Club an den Hintern grabscht und dann bei negativer Reaktion sagt: „Selbst schuld, dann zieh Dich halt nicht so aufreizend an“. Oder wenn Männer Frauen vergewaltigen, aber das wäre ja eigentlich gar keine Vergewaltigung gewesen, denn „tief in ihrem Inneren wollte sie es so“. Oder wenn Männer ihre Freundinnen oder Ehefrauen schlagen, aber hey, irgendwie „hat sie es ja verdient“ und andere Frauen sagen dann, dass sie ihn doch „einfach hätte verlassen können“. Weil das so richtig einfach ist. Oder wenn Frauen sich nach sexueller, psychischer oder physischer Gewalt zunächst ganz lange aus Angst und Scham nicht trauen, diese anzuzeigen, dann aber vorgeworfen bekommen, dass sie sich das ja nur ausgedacht haben. Denn sonst wären sie schließlich viel früher zur Polizei gegangen. Oder aber, wenn sie direkt zur Polizei gehen, es jedoch bis auf ihr Wort nun mal „keine Beweise“ gibt, wer soll Frau das glauben? Denn „vielleicht wollte sie das ja“ oder „das kann ja jede sagen“. Vielleicht „gab es nur einen dummen Streit“ und die Frau will sich rächen. Ja, genau. Wir denken an nichts anderes. Ironie off.

Das ist die Realität. Und genauso schlimm sind übrigens jene, die von solchen Taten wissen, aber schweigen. Solche Männer sind für mich nichts anderes als feige Mittäter. All diese Reaktionen, dieser organisierte Unglauben, dieses Totschweigen führt einzig und alleine zur Unsichtbarkeit der Opfer. Und schlussendlich zu einer Gesellschaft, die es den Opfern unglaublich schwer macht, nicht nur Gehör zu finden, sondern auch die Täter vernünftig anzuklagen. Als Gewaltopfer ist es immer schwer, den Schritt zur Anzeige zu wagen. Es überhaupt jemanden zu erzählen, ist verflucht schwer. Die Scham, die Angst und die falschen Schuldgefühle machen das Unsagbare noch so viel schwerer. Dann soll man aber zur Polizei und die Aussage machen. Sich vielleicht sogar untersuchen lassen, natürlich alles bei fremden Menschen. Dann soll man all das, was geschehen ist, auch noch vor Gericht erneut aussagen. Falls man überhaupt so weit kommt. Es ist nämlich nicht nur ein gesellschaftliches Problem, das die Opfer zum Schweigen verurteilt, sondern auch ein strukturelles Problem. Ein Problem, das viel lauter und deutlicher angesprochen werden muss. Denn ohne ein Ende dieses Problems werden wir die Gleichberechtigung niemals erreichen.

Darüber spricht heute Christina Clemm, Strafverteidigerin und Autorin aus Berlin im Podcast mit dem Literarischen Salon Hannover. Clemm hat sich vor allem in ihrer aktiven Laufbahn darauf spezialisiert, Opfer von sexualisierter und rassistisch motivierter Gewalt als Nebenklägerin zu verteidigen und war sogar Mitglied der Expertenkommission zur Reform des Sexualstrafrechts des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz. Ihre Erfahrungen hat sie nun in Form von Kurzgeschichten unter dem Namen „AktenEinsicht: Geschichten von Frauen und Gewalt“ eindrucksvoll und aufrüttelnd zusammengefasst. Ein Querschnitt, der ganz nah dran an der unschönen Realität ist. Aber wir müssen uns das heute anhören, einfach alle. Ein großer Dank daher auch mal an den Literarischen Salon, der sich nicht in einer Pandemie-Pause verkriecht, sondern weiterhin wichtige Themen auf den Tisch bringt.

Montag, 25. Januar 2021:
„AktenEinsicht: Geschichten von Frauen und Gewalt“, Podcast mit Christina Clemm, YouTube-Kanal des Literarischen Salons Hannover, Beginn: jederzeit möglich

(Foto: Pressefoto/Literarischer Salon)

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Kategorien: Politik, Tagestipps

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