- langeleine.de – Das Online-Journal für Hannover - http://www.langeleine.de -

Vom Februar direkt in den Spätsommer

Seitenansicht: „Alte Sorten“ von Ewald Arenz

Eine gelungene Auszeit vom Februar: Ewald Arenz‘ „Alte Sorten“, Buchcover

Es gibt sie nun mal, diese Bücher, die einem durch ihr Cover direkt und unweigerlich ins Auge fallen. Da wird der Klappentext auch mal einfach „nur“ überflogen. So war es für mich mit Ewald Arenz‘ Roman „Alte Sorten“. Ich verkneife mir hier einmal einen Lobgesang auf Birnen (sie sind nun mal lecker, besonders frisch zur Erntezeit), aber es muss zumindest angeführt werden, dass mir beim Anblick dieser köstlichen Cover-Birnen sofort das Wasser im Mund zusammenlief. Zwei Birnen, die einen sofort an den späten Sommer und frühen Herbst denken lassen. Zwei Birnen, die gerade jetzt mit der Kälte da draußen zu kleinen Sehnsuchtsobjekten werden können. Wir unterschätzen wahrscheinlich viel zu häufig die Macht der Bilder und damit auch die Gestaltung von Buchcovern. Problematisch ist nur, dass, je schöner und aufwendiger die Cover-Gestaltung ist, desto höher gleichzeitig die Erwartung an den Inhalt steigt. Die gute Nachricht vorweg: „Alte Sorten“ ist kein Fehlkauf und hat mich bestens ganz weit aus dem Januar und Februar herausgetragen.

Liss ist eine eher unkonventionelle Frau Mitte 40, die alleine auf einem Bauernhof lebt. Hier kümmert sie sich um die Hühner, bestellt alleine die Kartoffelfelder, mahlt den Roggen und erntet die alten Birnensorten, die in einem geheimen Garten wachsen. Um Liss herum verläuft eine unsichtbare, aber dennoch meterdicke Mauer, die sie von all den anderen Dorfbewohner*innen trennt. Nur die Annie, die eben auch wirklich immer „die Annie“ genannt wird, eine alte Frau, die stets mit dem Fahrrad und einer Tüte Brezeln unterwegs ist, ist Liss freundschaftlich zugewandt. In Liss‘ Leben gibt es weder einen Mann, noch Kinder oder anderweitig Familie. Bis sie eines Tages mit ihrem Traktor zwischen den Feldern entlangfährt und die 17-jährige Ausreißerin Sally aufgegabelt. Sally hat, genau wie Liss, eine Mauer um sich herum gebaut. Und genau wie bei Liss ist ihr Rucksack voller Geheimnisse und Probleme. Wie zwei Kakteen stehen die beiden nebeneinander, und können ihre Nähe gegenseitig erst einmal nur mit Mühe ertragen. Trotzdem zieht Sally bei Liss ein. Vornehmlich, weil dieser Platz immer noch besser ist, als gar kein Platz. Und auch, weil Liss keine Fragen stellt. Sie möchte von Sally ja auch keine Fragen gestellt bekommen.

Sally ist nämlich nicht bloß eine gewöhnliche Ausreißerin, sondern aus einer psychiatrischen Klinik abgehauen. Deswegen wird sie auch tatsächlich nicht nur von ihren Eltern, sondern auch dringend polizeilich gesucht. Und Liss ist nicht einfach frei gewählt alleine auf dem Hof, sondern verarbeitet immer noch die desaströse Beziehung zu ihrem eigenen Vater, den sie ganz offen verabscheut. Sally muss auch schnell erkennen, dass die meisten Dorfbewohner*innen offensichtlich einen „guten Grund“ haben, Liss nicht nur zu meiden, sondern sie offen zu verachten. Und dazu gibt es dann auf dem Hof noch dieses ominöse Fahrrad, bei dem Sally nur weiß, dass es irgendwann mal einem Mann gehört hat, aber nicht, wer das genau war. Stück für Stück entfaltet der deutsche Schriftsteller Ewald Arenz die Geheimnisse der gar nicht mal so ungleichen Frauen. Stück für Stück bringt er sie beide einander nicht nur näher, sondern zeigt zudem, was die beiden geschundenen Seelen dringend benötigen, und warum sie genau das in der jeweils anderen finden. Während für Liss die jugendliche Intensität und Unverfrorenheit von Sally eine echte Erfrischung darstellt, genießt die auf Selbstoptimierung und Leistung getrimmte Sally die Ruhe und Sinnhaftigkeit des Lebens auf dem Hof mit Liss.

„Alte Sorten“ ist dabei keine allgemeingültige Anleitung für ein zufriedenes Dasein oder zeigt gar einen Ausweg für problembeladene Situationen. Viel mehr ist Arenz‘ Story ein intensives Konzentrat von zwei individuellen Persönlichkeiten, die durch Zufall zusammenfinden und erst dadurch ihre eigenen Ketten lösen können. „Alte Sorten“ ist nicht bis zur Formvollendung geschliffen, aber eine hervorragende kurzweilige Auszeit aus dem erwartbar trüben Jahresbeginn mitten ins spätsommerliche Landleben. Denn neben der ganzen Ereignisse rund um die beiden Protagonistinnen sind es vor allem auch Ewald Arenz‘ eindrucksvolle und poetische Erzählungen vom Land, von der Ernte und den Eigenheiten der Natur, die einen ganz schnell forttragen.

Ewald Arenz: „Alte Sorten“, 256 Seiten, Dumont Verlag, ISBN-13: 978-3832183813, 20 Euro

(Foto: Buchcover)

[1]
Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed [2]!