Matthias Rohl
26. Oktober 2010

Filmgeschichte(n): „Chiko“

Scarface am Mümmelmannsberg: In seinem Regiedebüt erzählt Özgür Yildirim vom Aufstieg und Fall eines deutsch-türkischen Drogendealers

„Wenn Du der Beste sein willst, musst Du Respekt kriegen. Wenn Du Respekt kriegen willst, dann darfst Du keinem anderen Respekt zeigen!“ Isa alias „Chiko“ (Denis Moschitto) will hoch hinaus. Mit seinem besten Freund Tibet (Volkan Özcan) durchstreift er den Hamburger Stadtteil Billstedt. Hier gilt das Gesetz der Straße: Wer das Geld hat, hat die Macht – wer die Macht hat, kriegt Respekt. Doch der Weg nach oben führt nur über den Weg des „Big Boss“ Brownie (Moritz Bleibtreu), der als Musikproduzent und Drogendealer schwer im Geschäft ist. Tatsächlich gelingt es Chiko, sich bei Brownie als seine neue rechte Hand zu empfehlen – und er erhält seine große Chance, ins florierende Drogengeschäft einzusteigen.

“Chiko”, Filmplakat

Beeindruckende Milieu-Studie: „Chiko“, Filmplakat

Als Tibet jedoch Gewinne aus den Deals unterschlägt, um seiner todkranken Mutter eine neue Niere zu finanzieren, stehen die Loyalität zu Boss Brownie und die Freundschaft zu Tibet vor einer harten Probe: Chiko muss sich entscheiden – soll er seinen eingeschlagenen Weg kompromisslos weiter bis ganz nach oben gehen oder sich zu seiner Herkunft und damit zu seiner Freundschaft bekennen? Doch damit nicht genug, denn bald merkt Chiko, dass auch seine Tage im Geschäft gezählt scheinen: Er muss eine Entscheidung treffen, und die wird blutig sein…

Geld, Macht und Frauen

Mit seinem Regie-Debüt „Chiko“ (2007) gelang Özgür Yildirim eine beeindruckende Milieu-Studie über den Aufstieg und Fall eines deutsch-türkischen Drogendealers, der im Abspann dem großen Vorbild „Scarface“ von Brian De Palma seine Referenz erweist. Produziert von der Firma Corazón International, als deren Geschäftsführer Regisseur Fatih Akin fungiert, steht „Chiko“ in einer Reihe jüngerer deutscher Filme, die – hart und lakonisch – authentische Einblicke in kriminelle metropolische Brennpunkt- und Migranten-Milieus gewähren: Erinnert sei hier etwa an Akins eigenes Debüt „Kurz und schmerzlos“ (1998), an Züli Aladağs bundesweit heiß diskutierte und international mehrfach ausgezeichnete Fernsehproduktion „Wut“ (2005) oder auch an Detlev Bucks „Knallhart“ (2006) – stets stehen konfliktbeladene Beziehungsgeflechte jugendlicher Peer Groups unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft im Zentrum der Aufmerksamkeit.

“Chiko”, Filmszene

Klischee-Traum vom turbokapitalistischen Aufstieg: Chiko (Denis Moschitto) genießt das Leben als erfolgreicher Großdealer

In dieser Reihe stellt „Chiko“ mit seinem pulsierenden Funk- und Hip-Hop-Soundtrack und seinen an Tarantinos „Pulp Fiction“ erinnernden Dialog-Schusswechseln einen vorläufigen Endpunkt dar. Unübersehbar ist, wie stark das „Scarface“-Vorbild nachwirkt. Hier wie dort steht die Welt der Gangsterbanden und des Kokainhandels im Mittelpunkt. Beide Filme zeigen, wie Kokain-Sucht und Kokain-Handel unausweichlich in der Katastrophe münden, und typisch für beide Milieu-Studien ist nicht zuletzt die oft unvermittelt eruptive Gewalt und die von reichlich Vulgär-Slang durchströmte Sprache der Protagonisten. Nicht zuletzt zeigt sich in beiden Leinwand-Epen schnell die Kehrseite des skrupellosen Strebens nach Geld, Macht und Frauen. Auf die Sättigung folgen die Sucht und der ökonomische, psychische und physische Verfall. Ein Verfall, der bereits in der fatalen Steigerungslogik der aufstrebenden Dealer erkennbar ist.

Schuld und Sühne, Gras und Koks

Als weiterer Hauptdarsteller der konsequent und straff inszenierten Gangster-Ballade darf indes die Großwohnsiedlung „Mümmelmannsberg“ des Hamburger Stadtteils Billstedt betrachtet werden. Erbaut in den 70er-Jahren und mit einem Ausländeranteil von über zwanzig Prozent sowie einer hohen Arbeitslosen- und Sozialhilfeempfänger-Quote, ist dies die ideale Kulisse für ein wuchtiges Schuld- und Sühne-Drama, das in einer der ergreifendsten Schluss-Sequenzen des jungen deutschen Kinos der letzten Jahre mündet. In sozialen Verelendungs-Ghettos wie diesen gedeihen die Klischee-Träume des turbokapitalistischen Aufstiegs vom profanen Gras-Dealer zum Koks-Großdealer mit Leder-Sakko, überdimensionierter Rolex und weißem Mercedes-Benz mit goldenen Radkappen.

“Chiko”, Filmszene

Brownie (Moritz Bleibtreu) zeigt Tibet (Volkan Özcan), dass man seine Regeln besser befolgen sollte

Was „Chiko“ – bei aller grobkörnigen Zeichnung der Figuren – bedeutend macht, ist seine Liebe zum präzise beobachteten Detail in unzähligen Einstellungen und Dialog-Sequenzen, denen man anmerkt, dass sie in vielen Stunden des intensiven Improvisierens zur Filmreife gelangt sind (Im Making-Of der DVD sieht man Denis Moschitto und Reyhan Şahin alias „Lady Bitch Ray“ in einer ungeschnittenen Dialogprobe textfrei agieren). Kurz und gut: Özgür Yildirim hat mit seinem Debüt einen der überzeugendsten deutschen Filme der zurückliegenden Dekade vorgelegt. Wir werden hoffentlich noch mehr von ihm sehen.

nächste Folge:
„Derrida“
Denken in Bildern: Kirby Dick und Amy Ziering Kofman zeichnen ein fesselndes Porträt über einen der einflussreichsten Philosophen unserer Zeit

(Fotos: Maria Krumwiede/Corazón International)

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Kategorien: Film

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