Roman Kansy
7. Februar 2021

Zeit für einen Winterspaziergang

Das Verhör: „Vökudraumsins Fangi“ von Auðn

Von reißenden Stimmbänden und sphärischer Herrlichkeit: „Vökudraumsins Fangi“

Ein klassischer Zufallsfund: Manche Alben fliegen einem einfach so zu. Ohne dass man sie gesucht hätte, gerade in der digitalen Zeit ist dies ein Leichtes. Es war also Sonntag, plötzlich machte sich mein Smartphone bemerkbar. Ein guter Freund, mit dem ich einen Großteil meines Musikgeschmackes teile, schrieb mir. Wobei schreiben eigentlich zu viel gesagt ist. Die Nachricht bestand nur aus einem Link zu einem Album. Zugegeben, das Cover sprach mich nicht an, aber weil seine Empfehlungen in der Regel hörenswert sind, setzte ich mir ohne große Erwartungshaltung meine Kopfhörer auf.

Tüdelü, ja, dachte ich. Ein bisschen Folk-Geträller im Intro weckte Skepsis in mir. Hätte ich von meinem Kumpel jetzt nicht erwartet. Doch ich sollte falscher nicht liegen. Plötzlich ging das Licht aus und meine Augen auf. Rasendes Geballer, das herrlicher nicht sein könnte, getränkt in organischen Melodien, fegte mir durch die Ohren. Ich war gleichermaßen entzückt und neugierig. Das Album namens „Vökudraumsins Fangi“ hatte mich am Haken. Die lärmfreudige Kapelle, die dahinter steckte, schimpft sich Auðn, kommt aus Island und macht genau solche Musik, wie man sie von Menschen erwarten würde, die ihr Leben auf einer eisigen Insel ohne Bäume verbringen müssen.

Donner und Gloria, warmkalt, voller Hass und Liebe, kommt das Album schnellen Schrittes durch das nicht vorhandene Unterholz gefegt. Vocals, die bis an die Grenzen dessen gehen, was man den menschlichen Stimmbändern zutrauen kann. Dazu infernales Geballer, Wut, rasende Gitarren, schönste Melodien und Klänge, die einen in die Sphären von Islands Himmel befördern. Erhabenheit war der erste Begriff, der mir beim Hören des Werkes durch den Kopf ging. Ein Album für den Waldspaziergang, wenn der kalte Wind der dunklen Jahreszeit die Augen zum Tränen und die Bäume ins Wanken bringt.

Black Metal, der gerade noch in die Melodic-Schiene fällt und die seltene Kunst beherrscht, trotz seiner melodischen Tendenzenen nie in Kitsch zu verfallen. Sondern die ruhigen Momente authentisch integriert und die Hörer*innen verträumt treiben lässt. Der Sound von „Vökudraumsins Fangi“ erinnert subtil an alte Koldbrann-Aufnahmen, wirkt aber keinesfalls abgekupfert, sondern besticht durch eine Eigenständigkeit, die sofort auffällt. Für Freunde des Genres eine absolute Hörempfehlung, für Außenstehende wahrscheinlich eine Spur zu krass. Dass Islands Black Metal-Szene blüht, wurde mal wieder eindrucksvoll bewiesen.

Auðn: „Vökudraumsins Fangi“, CD, 10 Songs, 55:11 min., Season Of Mist

reinhören auf Bandcamp:
Auðn: „Vökudraumsins Fangi“

 

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Kategorien: Musik

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