Susanne Viktoria Haupt
8. Februar 2021

Lesen und Loslaufen

Spazieren, Flanieren, Wandern. So heißen die drei neuen Hobbys im Lockdown. langeleine.de liefert Euch dafür die ideale literarische Playlist

Nur eine von zahlreichen passenden Lektüren zum derzeitigen Spaziergangs-Boom: „Wanderlust: Eine Geschichte des Gehens“ von Rebecca Solnit, Buchcover

Einst war es so ruhig, wenn man im Winter bei leichtem Nieselregen am Fluss entlanglief. Links und rechts Bäume, hier und da vereinzelt ein Hund mit Anhang. Ansonsten war der Winter die Schonzeit. Eine Zeit, in der die kleinen Natur-Oasen in Hannover auch irgendwie soziale Rückzugsorte waren. Mittlerweile allerdings drängeln sich jeden Tag unzählige Menschen am Fluss entlang. Manchmal ist hier mehr Verkehr, als auf der Limmerstraße – und das trotz Nieselregen und kalten Temperaturen. Aber klar, was soll man schon machen? Das Limmern hat – zugegeben – nicht nur durch die Temperaturen an Reiz verloren, sondern auch durch die Maskenpflicht. Außerdem treffen hier zwei Dinge zusammen, die eine durchaus beruhigende Wirkung haben: Natur und Bewegung. Kein Wunder also, dass es die Menschen nicht nur raus in die Natur zieht, sondern dies auch mit einer bestimmten Tätigkeit verbunden ist: dem Spazierengehen.

Der Natur ganz nahe

Das Spazierengehen, aber auch das Flanieren sind ganz wunderbare Zeitvertreibe. Ich liebe beides so sehr, dass ich (natürlich) sogar eine kleine Literatursammlung zum Thema angehäuft habe. Wer also nicht genug vom Fußweg bekommen kann, der darf sich hier nun über fünf inspirierende Lektüren zum Thema Spaziergang und Flanieren freuen. Schließlich gibt es zahlreiche Buchhandlungen, die einen auch im tiefsten Lockdown-Winter mit Büchern versorgen können. Ganz oben auf der Liste steht ein echter Klassiker der Spazier-Literatur. Von Henry David Thoreau kennen viele natürlich die Aussteigerlektüre „Walden“, aber mit „Vom Spazieren“ hatte er auch einen Essay verfasst, bei dem sich das Unterwegssein in der Natur dem Ursprünglichen annähert. Auf schmalen 90 Seiten entfalten die Worte Thoreaus erneut die magische Energie der Natur, zeigen aber zugleich, dass Stadt und naturbelassenes Umfeld sich keineswegs in ihrer Existenz gegenseitig ausschließen müssen. Ein Kurzweiliger Genuss zum Nachdenken.

Die Bibel der Wanderlust

Einen wunderbar kulturwissenschaftlichen Abriss über das Umherwandern bietet Rebecca Solnit mit „Wanderlust: Eine Geschichte des Gehens“. Auf Englisch erschienen ist diese Wanderlust-Bibel bereits im Jahr 2000, aber durch Solnits Talent als Essayistin mit scharfem Verstand hat dieses Werk auch nach über 20 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt. „Wanderlust“ bietet einen idealen Querschnitt literarischer, kulturtheoretischer und philosophischer Ansätze zur Thematik, ist dabei aber keineswegs ein dröges Theorie-Werk. Zudem beleuchtet sie anders als Thoreau nicht nur das Wandern in der Natur, sondern auch das Flanieren und Spazieren in der Stadt. Umfassender und trotzdem kompakter geht es eigentlich gar nicht mehr. Mehr auf die weiblichen Fußgängerinnen konzentriert ist das Werk „Flâneuse: Frauen erobern die Stadt – in Paris, New York, Tokyo, Venedig und London“ von Laura Elkin. Dabei nimmt sich Elkin nicht nur aus der Kulturgeschichte bekannte Flâneusen vor, sondern hat sich für dieses Buch sogar selbst auf die Reise gemacht und streifte durch die Straßen großer Metropolen. Hier werden demnach zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Wir lernen etwas über das (weibliche) Flanieren, besänftigen aber auch gleichzeitig ein wenig unser Fernweh.

Auf nach Mordor!

Wahrscheinlich einer der längsten, aber auch legendärsten Spaziergänge der Literaturgeschichte bietet bis heute die „Herr der Ringe“-Trilogie von J.R.R. Tolkien. Ob das ein Witz sein soll? Keineswegs. Denn der Epos rund um den einen Ring und die mutigen Hobbits enthält viele charakteristische Merkmale eines wirklich guten Roadtrips zu Fuß. Mut, Durchhaltevermögen und vor allem Gemeinschaft prägen dieses monumentale Fantasy-Werk, ohne dass das Genre wahrscheinlich nie richtig hätte gedacht werden können. Wie heißt es schließlich so schön: „One does not simply walk into Mordor“. Das ist richtig, aber wer gedanklich diesen Weg einmal durchgenommen hat, dem wird eine Wanderung durch den Deister bei flauschigen Minusgraden wie ein Kaffeekränzchen vorkommen.

Richtig flanieren

Zu guter Letzt kommen wir noch zum Vater des Flanierens: Walter Benjamin. Um Euch nicht gleich mit seinem wuchtigen Passagenwerk zu stressen (obgleich ich es liebe und daher allen empfehle), bringe ich an dieser Stelle seinen übersichtlichen Essay „Stadt des Flaneurs: Berliner Orte“ an. Nun gut, nach Berlin reisen geht gerade nicht, aber an Benjamins Beobachtungen und seiner Praktik des Flanierens kann man sich durchaus auch für die niedersächsische Landeshauptstadt einiges an Tricks für das Unterwegssein abgucken. Auf knappen 150 Seiten lassen wir uns zudem in ein Berlin zurückfallen, das wir so definitiv nicht mehr kennengelernt haben. Ich würde mal sagen, dass Euch jetzt nur noch eines übrig bleibt: Lesen und Loslaufen!

Montag, 8. Februar 2021:
„Lesen und Loslaufen“, Fünf Lektüre-Empfehlungen für passionierte Fußgänger*innen, Beginn jederzeit möglich, die Lektüren sind bei jeder lokalen Buchhandlung bestellbar

Henry David Thoreau: „Vom Spazieren; Ein Essay“, Übersetzung von Dirk Van Gunsteren, 96 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN-13: 978-3257234633, 10 Euro

Rebecca Solnit: „Wanderlust: Eine Geschichte des Gehens“, Übersetzung von Daniel Fastner, 384 Seiten, Matthes & Seitz Berlin, ISBN-13: 978-3957575630, 30 Euro

Laura Elkin: „Flâneuse: Frauen erobern die Stadt – in Paris, New York, Tokyo, Venedig und London“, Übersetzung von Cornelia Röser, 400 Seiten, btb Verlag, ISBN-13: 978-3442757732, 22 Euro

J.R.R. Tolkien: „Herr der Ringe – Gesamtausgabe“, Übersetzung von Wolfgang Krege, 1568 Seiten, Klett-Cotta Verlag, ISBN-13: 978-3608939842, 35 Euro

Walter Benjamin: „Stadt des Flaneurs: Berliner Orte“, 144 Seiten, be:bra Verlag, ISBN-13: 978-3898091312, 12 Euro

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur, Tagestipps

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