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Umgenutzt statt ungenutzt

Was tun mit den Gotteshäusern, wenn die Gläubigen ausbleiben? Das Herrenhäuser Forum greift dieses Problem auf und diskutiert über den schmalen Grad zwischen Pragmatismus und religiösem Erbe

Einst eine Kirche, seit 2019 ein Wohnheim mit Platz für 31 Student*innen: die Gerhard-Uhlhorn-Kirche in Linden-Nord

Ja, die Gotteshäuser haben es nicht leicht. Während sich die Skandale über die Jahrzehnte hinweg gehäuft haben, haben das die Mitgliedszahlen definitiv nicht getan. Die Zahl der Beitritte zur katholischen oder evangelischen Kirche wären ein Traum für die Corona-Infektionsstatistik. Klingt jetzt makaber, aber so ist es nun mal. Nicht selten wird daher auf die Frage, warum Gottesdienste stattfinden, aber keine Kinos öffnen dürfen, geantwortet, dass die Gottesdienste schließlich deutlich schlechter besucht werden. Ohne hier die Gründe aufzuzählen, ist eines auf jeden Fall sicher: Wir haben mehr Gotteshäuser als notwendig. In Linden-Nord wurde deswegen die ehemalige Gerhard-Uhlhorn-Kirche von zwei Investoren kurzerhand zum Student*innen-Wohnheim umgebaut. Umgenutzt statt ungenutzt. Umdenken statt abreißen. Mittlerweile herrscht in den 31 geschaffenen Mini-Wohnungen reges Treiben und die Kirche erlebt damit etwas, was sie seit ihrer Schließung 2012 nicht mehr erfahren hat: Lebendigkeit. Und das ganz, ohne ihren Charme zu verlieren.

Die Umnutzung von Gebäuden ist nichts Neues. Da müssen wir nur ein paar Meter weiter auf das Gelände des Kulturzentrums Faust schauen, das nun mal eine umgenutzte Bettfedernfabrik ist. Die Umnutzung von Gebäuden hat etliche Vorteile. Dadurch, dass bereits bestehender Raum genutzt wird, können Kosten vermieden werden. Zudem können historische Gebäude, wie es beispielsweise Kirchen nun mal oftmals sind, erhalten bleiben und so weiterhin das Stadtbild prägen. Ihre Geschichte hört nicht auf, wenn der Glaube offiziell ausgezogen ist, sondern wird weitergeschrieben. Außerdem ist Leerstand weder ökonomisch noch sozial vertretbar. Er ist schlicht und ergreifend traurig. Was wäre zum Beispiel, wenn wir bespielte Kirchen, wie die Marktkirche, nicht nur nachts in den kalten Wintermonaten für obdachlose Menschen öffnen würden, sondern vollständig ungenutzte Kirchen im Stil der Gerhard-Uhlhorn-Kirche zu dauerhaften Unterkünften für Wohnungssuchende umfunktionieren würden?

Anderorts wurden Kirchen bereits in Banken, Kulturzentren oder aber Bibliotheken umgewandelt. Ihrer anmutigen Aura tut das keinen Abbruch. Das liegt oftmals schon am ikonischen Baustil alter Kirchen, der einen gewissen Respekt einflößen kann. Ganz so einfach gestaltet sich die Umnutzung religiöser Bauten allerdings nicht, denn dahinter steckt nicht nur die Kostenfrage, sondern auch zahlreiche Auflagen, die bei historischen Bauten erfüllt werden müssen, und nicht zuletzt der Anspruch der religiösen Gemeinden, die hinter den leerstehenden Gebäuden stehen. Es gilt den Spagat zu schaffen zwischen Respekt vor der religiösen Geschichte des Bauwerks, dem Denkmalschutz, den Kosten und einer sinnvollen Umnutzung. Zu diesem Thema wurde bereits gestern im Rahmen des Herrenhäuser Forums ein Online-Symposium abgehalten, an welches sich heute eine Podiumsdiskussion im Live-Stream zwischen Dr. Petra Bahr, der Regionalbischöfin des Sprengels Hannover der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Prof. Tim Rieniets, Architekt der Fakultät für Architektur und Landschaft der Leibniz Universität Hannover, und Dr. Stefan Krämer, stellvertretender Geschäftsführer der Wüstenrot-Stiftung Ludwigsburg, anschließt.

Dienstag, 16. Februar 2021:
„Vom Gotteshaus zur Sparkasse? Kirchenumnutzung in Deutschland“, Diskussion im Herrenhäuser Forum, Live-Stream auf der Website des Herrenhäuser Forums [1], Beginn: 19 Uhr

(Foto: Susanne Viktoria Haupt)

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