Marc Mrosk
3. November 2010

Kräht kein Hahn nach

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 5: Auf der Jagd nach dem literarischen Phantom

Eine Initiative aus dem Jahr 2004 bescherte uns in Hannover die Bücherschränke. Stöcken machte damals den Anfang, dann kam Ahlem hinzu und mittlerweile sind die Schränke quer durch Hannover verstreut. Einer davon befindet sich Am Fiedelerplatz in Döhren. Vor ein paar Tagen, so um die Mittagszeit, schaute ich mich mal wieder im Schrank um. Ich stieß schließlich auf Henry Millers „Ein Teufel im Paradies“ und freute mich ehrlich über einen netten Fund. Als ich es gerade aus dem Regal zog, wurde ich auf ein schwarzes Taschenbuch mit der weißen Aufschrift „Kräht kein Hahn nach“, Autor anonym, aufmerksam. Irgendwie schien es interessant und so nahm ich mir das Buch mal vor. Leider gab es keine Inhaltsangabe oder sonstige Informationen zum Inhalt. Nichtmal Druckerei oder Verlagsname wurden irgendwo auf oder in dem schmalen Werk genannt. Es kam aus dem Nichts und sah aus wie nichts – das wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.

Öffentlicher Bücherschrank

Am Anfang war das Wort – im Buch, im Schrank, am Fiederplatz…

Ich schlug das mysteriöse Buch auf, blätterte langsam weiter und schon auf Seite drei – gleich unter dem Titel – stand in feinen, weichen Buchstaben mit Bleistift geschrieben: „Jeden Freitag um die Mittagszeit meine ganz persönliche Lesung dieses Titels – Peiner Straße, dort wo die Pferde grasen – in meinem Sessel verweile ich und lese ihnen vor… Herzlichst, der Autor dieses Buches.“ Die Vorstellung einer solchen Lesung war merkwürdig und ein wenig bizarr und genau das machte mich neugierig. Ich blätterte weiter und überflog die ersten Seiten. Auch ohne geschultes Auge konnte man den Zeilen schnell entnehmen, dass die versammelten Texte nicht aus der Feder eines literarischen Genies stammten, aber unbedingt schlecht waren sie auch nicht.

So wie es den Anschein hatte, handelten die Geschichten zunächst von einem Jungen der im Wald lebte. Doch schon in der Mitte des Buches schien der Verlauf eine vollkommen andere Wendung zu nehmen und der Leser befand sich urplötzlich in einer Telefonzelle, in der auf unerklärliche Weise Woche für Woche tausende Anrufe aus der ganzen Welt ankamen. Ich ließ die Seiten wie ein Daumenkino vorbeiziehen und gelangte zur letzten, auf der erneut mit weichem Bleistift geschrieben stand: „Man gab mir das Verlangen und beraubte mich der Begabung. Herzlichst, der Autor dieses Buches.“ Schnell packte ich das Buch in die Tasche und machte mich auf – es war Donnerstagmittag. In genau 24 Stunden ging die Lesung los.

Verwirrung und Neugierde

Freitagmittag. Ich trabte langsam die Hildesheimer Straße Richtung Peiner Straße entlang. Am letzten Abend hatte ich das Buch, das 123 Seiten fasste, durchgelesen und war nicht unbedingt schlauer was der Autor mir mit seinen Texten überhaupt sagen wollte. Die Enden waren meist so abrupt wie die Einstiege in die Geschichten. Es war eine Sammlung von Erzählungen, die allerdings alle mit einander vernetzt waren. Das Problem war nur, dass die Stories überhaupt nicht zusammen passten. Von der ständig klingelnden Telefonzelle brauchte der unbekannte Autor nur zwei Sätze und schon führte er uns plötzlich zur St. Bernward Pfarrkirche, auf dessen Parkplatz ich nun einbog, ganz auf den Spuren des Autors. Hier sei ihm laut Buch vor knapp zwei Jahren die Mutter Gottes erschienen. Direkt auf der schmalen Grünfläche neben dem kleinen Weg der zum Querhaus am hinteren Teil der Kirche führte.

Pfarrkirche St. Bernward

Heimat der Mutter Gottes? Die St. Bernward Pfarrkirche in Döhren

Nicht zum ersten Mal sei eine derartige Erscheinung in Hannover aufgetreten und nicht selten sei in diesen Fällen ein Buchschrank in der Nähe gewesen. Auch einem Leierorgel-Spieler und seinem Kumpel soll dieses göttliche Wunder einmal an der Marktkirche widerfahren sein. Umso bekloppter sich die ganzen Geschichten und der Termin mit der Lesung anhörte, desto mehr Freude bekam ich mit jedem Schritt, den ich in diese eigenartige Welt tat. Selbst wenn sich alles als totaler Unsinn herausstellen würde (wovon ich doch stark ausging), hatte es trotzdem bis hierhin schon einen guten Unterhaltungswert gehabt. Es war kurz vor zwölf. Auf ging’s zur Lesung…

Phantomlesung ohne Phantom

Das weite, knapp anderthalb Meter hohe Eingangstor stand offen und schon erblickte ich einen alten braunen Ledersessel, der vor einem kleinen Erdhügel stand. Doch niemand saß drin. Weiter hinten waren graue baufällige Häuser zu erkennen, die gut und gerne als Gartenlauben durchgegangen wären. Rechts daneben standen schließlich die vom Autor besagten „grasenden“ Pferde. Sie schauten erst zu mir herüber und blickten dann zum Lastwagenanhänger, der neben der kleinen Weide völlig verlassen stand. Wer oder was mag wohl mal da drinnen gewesen sein? Ich wartete eine Weile, die Minuten gingen dahin. Kein Autor nahm auf dem Sessel Platz, um aus seinem Buch vorzulesen. Niemand tauchte auf. Ein paar Autos kamen die Straße hinter mir herunter gefahren, Richtung Schrebergärten, die weiter östlich lagen. Doch niemand fand den Weg hier her.

Der leere Sessel

„Lesung jeden Freitag oder Samstag, dort wo die Pferde grasen…“

Um viertel vor eins brach ich wieder auf und ging zurück zur Hauptstraße. Da ich sowieso in der Gegend war, beschloss ich einmal mehr mein Glück mit einem Buchfund zu versuchen und ging erneut rüber zum Fiedelerplatz, um mich noch einmal im Schrank umzuschauen. Die meisten Titel sprachen mich nicht an. Doch dann sah ich es wieder, dieses schwarze Ding mit den fetten weißen Buchstaben: „Kräht kein Hahn nach“. Ich musste kurz lachen, zog das Buch heraus und schaute es mir genauso akribisch an, wie das gestrige Exemplar. Alles war gleich, natürlich, bis auf den Text auf Seite drei. Da stand nun: „Jeden Samstag um die Mittagszeit meine ganz persönliche Lesung dieses Titels – Peiner Straße, dort wo die Pferde grasen – in meinem Sessel verweile ich und lese ihnen vor… Herzlichst, der Autor dieses Buches.“ Morgen um die Mittagszeit wäre es wieder soweit – die allwöchentliche Lesung des Phantoms!

Wetterhahn der St. Bernward Kirche

Phantomlesungen – da kräht wohl nur der Wetterhahn der St. Bernward Kirche nach…

Gerade steckte ich das Buch in meine Tasche, als mir jemand auf die Schulter tippte. Ich drehte mich so schwungvoll um, dass ich dem Blinden dabei fast den Stock aus der Hand geschlagen hätte. „Oh, tut mir leid“, sagte ich. „Macht nichts. Können Sie mir vielleicht die Titel vorlesen, die auf dem obersten Regal stehen, bitte? Wären Sie so freundlich?“, fragte er und lächelte. Ich sah mein schwaches Spiegelbild in seiner dunklen Sonnenbrille und konnte dennoch klar und deutlich sehen, wie nachdenklich ich dreinschaute. Ich entschloss mich, ihm ohne irgendwelche blöden Fragen einfach den Gefallen zu tun. „Also, da hätten wir ‚Wir heißen euch hoffen‘ von Simmel, ‚Eisblumen‘ von Pilcher, ‚Die Frau des Hauses Wu‘ von Buck, zwei Kochbücher, ein Almanach aus dem Jahre ’83, ein altes Geschichtsbuch, ein Buch über Steuererklärungen, ‚Der Blaumilchkanal‘ von Kishon, eine Sammlung von Schiller, ‚Herzgesteuert‘ von Hera Lind, ein Rätselbuch und drei von Edgar Wallace. Und ich hätte hier auch noch ein Buch mit dem Titel ‚Kräht kein Hahn nach‘ anzubieten.“ „Nein, danke, das hab ich schon gelesen. Gib mir doch mal bitte den Simmel.“ Ich gab ihm den Simmel und der Blinde verschwand wieder. Ich wunderte mich nicht weiter, nahm mir einen Stift aus meiner Tasche und vermerkte meinen Besuch beim angekündigten Lesetreffpunkt vor gut einer Stunde in beiden schwarzen Büchern. Dann stellte ich sie wieder auf’s Regal. Wer immer der Autor war, er hatte die Straßen in Döhren zu seinem literarischen Revier erklärt. Verlassene Möbel waren nun sein zu Hause und sein Sprachrohr zu der Welt, die nicht zuhörte.

Am nächsten Tag kehrte ich um die Mittagszeit wieder zurück zum Schrank. Die beiden schwarzen Bücher waren verschwunden. Stattdessen stand nun ein dickes, weißes ohne Aufschrift an derselben Stelle. Ich zog es heraus, klappte es auf und war nun vollends verblüfft, was darin auf Seite drei geschrieben stand. Aber das ist eine andere Geschichte…

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur, Lokales, Lokalitäten

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