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Allein in der Wildnis

Seitenansicht: „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens

Magische Einsamkeit: Delia Owens‘ „Der Gesang der Flusskrebse“ ist endlich als Taschenbuch erschienen, Buchcover

Normalerweise hat die Literaturkritik beziehungsweise Rezension den Anspruch, superaktuell zu sein. Und klar, es ist spannend Bücher vor allen anderen zu lesen. Aber ganz oft kommen einem auch Werke in den Sinn, die man zu Zeiten der eigentlichen Veröffentlichung noch ganz und gar nicht auf dem Radar hatte. In diesem Falle hat man stets zwei Möglichkeiten. Entweder man kauft sich das Buch privat und genießt es auch ausschließlich privat, oder aber man wartet auf die Taschenbuch-Ausgabe und teasert einfach diese. Im Falle von Delia Owens „Der Gesang der Flusskrebse“ habe ich tatsächlich auf das Taschenbuch gewartet. Zum einen, um darüber schreiben zu können, aber auch, weil das Buch so unfassbar einem Hype unterlag, dass ich längere Zeit einfach zu skeptisch war. Nun ist Owens‘ Buch aber im Januar dieses Jahres im handlichen Paperback erschienen und ich konnte endlich einen Blick auf den viel beworbenen Bestseller werfen.

Man nennt sie längst nur noch das Marschmädchen, aber eigentlich heißt sie Kya. Kya war gerade einmal sechs Jahre alt, als ihre Mutter die Familie verlies. Ohne ein Wort des Abschieds stöckelte sie in ihren High Heels mit ihrem Koffer davon und ward nie wieder gesehen. Kya war damals schon klar, dass dies das letzte Mal sein würde, dass sie ihre Mutter sieht, auch wenn ihr älterer Bruder stets etwas anderes behauptete. Schließlich wollte er Kya nur schützen. Schützen vor der bitteren Wahrheit und vor allem vor dem alkoholkranken und gewalttätigen Vater. Aber peu à peu fliegen sie alle aus, die älteren Geschwister von Kya, weil niemand mehr den Vater ertragen kann – und die Kleine bleibt alleine zurück. Anstatt real zu flüchten, flüchtet sich Kya in die Welt der Natur. Als dann auch noch ihr Vater sie verlässt, und Kya vollkommen alleine zurückbleibt, wird die Marsch, die undurchsichtige Wildnis um sie herum zu ihrer einzigen Familie. Sozusagen eine tatsächliche Mutter Natur.

Trotz aller Widrigkeiten mausert sich Kya zu einer wissbegierigen und klugen jungen Frau. Sehr zur Freude der jungen Männer im Dorf ist sie auch äußerlich eine Augenweide und jeder möchte beim Marschmädchen gerne der Erste sein. Kya allerdings hat zunächst Besseres zu tun, als mit den Jungs anzubandeln, denn in dem jungen Tate findet sie nicht nur einen Seelenverwandten, der sich auch so für die Natur begeistern kann, sondern gleichermaßen eine Art Mentor, der sie im Lesen unterrichtet und sie mit allerhand Büchern versorgt. Als dann allerdings ein vermeintlicher Mord das Marschland erschüttert, gerät vor allem die einsame Kya unter Verdacht und muss sich vor Gericht verantworten. Aber war es wirklich Mord, oder war es gar ein Selbstmord? Und warum sollte unbedingt Kya die Täterin sein? Weil sie alleine ist und somit schutzlos den Mühlen des Gerichts gegenüber?

Delia Owens ist ursprünglich Zoologin – und ja, das merkt man ihren detaillierten Schilderungen des Marschlandes an. Wir sehen die Welt der Wildnis nicht nur mit den Augen einer begeisterten kleinen Kya, sondern auch mit denen einer Fachfrau, die uns jeden Stein, jede Muschel, jedes kleine Tier näherbringen kann. Doch das ist keinesfalls so ermüdend, wie es sich zunächst anhört. Es ist sogar deutlich lebendiger gehalten, als in Emily Fridlunds „Eine Geschichte der Wölfe“ [1]. Trotzdem hat auch Owens‘ Bestseller seine Schwächen. Während man sich in die Erzählungen aus Kyas Kindheit nahezu verlieben und kaum von den Seiten lösen kann, hält die von Owens inszenierte Magie leider nicht bis zur heranwachsenden Kya an. Viel mehr verlieren die einzelnen Figuren, so auch Kya, mit der Zeit an Substanz und müssen einer klassischen Jugendstory weichen. Das ist schade, insofern Delia Owens doch mehr als deutlich gezeigt hat, dass sie eine großartige Erzählerin ist, und Kya es auch als Figur gar nicht nötig gehabt hätte, ihren wilden Zauber zu verlieren.

Trotzdem lohnt sich „Der Gesang der Flusskrebse“ gerade als Taschenbuch-Ausgabe. Schon alleine, weil uns Owens mit auf eine Reise nimmt, die wir ansonsten niemals angetreten hätten. Und weil sich so langsam draußen der Frühling anbahnt, steht auch die ein oder andere entspannte Parkbank zur Verfügung, die zum Freiluft-Lesen einlädt. Hardcover sind dann einfach doch immer etwas schwerer in der Tasche, oder etwa nicht? Da die meisten Buchhandlungen außerdem „Der Gesang der Flusskrebse“ vorrätig haben, müsst Ihr auch gar nicht lange ausharren.

Delia Owens: „Der Gesang der Flusskrebse“, 464 Seiten, Heyne Verlag, ISBN-13: 978-3453424012, 11,99 Euro

(Foto: Buchcover)

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