Jörg Smotlacha
11. März 2021

Die Schönheit des Außenseitertums

Das Schauspielhaus Hannover zeigt Wolfgang Herrndorfs Vermächtnis „Bilder deiner großen Liebe“ als digitale Premiere

"Bilder deiner großen Liebe", Pressefoto

Wie man leben kann: „Bilder deiner großen Liebe“, Pressefoto

Wolfgang Herrndorf ist ohne Frage einer der bedeutendsten deutschprachigen Schriftsteller der Gegenwart. Sein 2011 erschienener Roma „Sand“ ist einer meiner liebsten, er ist gleichzeitig Krimi, Gesellschftsroman und Historiendrama in einem. Aber, ach, was sollen immer diese Schubladen? Herrndorf selbst hat geäußert, das „Sand“ dem „Genre des Trottelromans“ zuzuordnen sei. Ein, wie ich finde, in Zeiten wie diesen weithin unterschätzes Genre, das gepflegt werden sollte, zumal es unsere Gegenwart bestens abbildet.

Natürlich ist Herrndorf den meisten Menschen durch seinen so wunderbaren wie seltsamen 2010 veröffentlichten Jugendroman „Tschick“ ein Begriff. Jugendroman? Nein, nicht unbedingt, denn natürlich schwebte auch „Tschick“ zwischen den Welten, wie es nur große Literatur tun kann. Den Preis der Leipziger Buchmesse hat Herrndorf bekommen, nicht für „Tschick“, aber dann eben ein Jahr später für „Sand“. Dabei hätte er auch schon ausgezeichnet werden dürfen für seine Malerei, zum Beispiel für sein Gemälde des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl im Stil von Vermeer. Oder für seinen Kurzgeschichtenband „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“, in welchem Herrndorf mit dem Stilmittel des unzuverlässigen Erzählers spielt. Aber das ist eine andere Geschichte und etwas für Science Fiction-Fans.

Wolfgang Herrndorf war ein großartiger Literat und aber eben auch ein Chronist seines Lebens. Nachdem bei ihm im Februar 2010 ein bösartiger Hirntumor festgestellt worden war, begann Herrndorf den Blog „Arbeit und Struktur“ zu schreiben, mit dem er auch über seinen Tod hinaus Maßstäbe setzte. Dann entschied sich Herrndorf für den Freitod, gerade einmal 48 Jahre alt. Doch sein Werk wirkt nach, auch sein unvollendetes. Und so ist 2014 „Bilder deiner großen Liebe“ erschienen, eine Art Fortsetzung von „Tschick“, bei der die Protagonistin Isa wieder auftaucht – als totale Außenseiterin in einer Welt, in der jede und jeder verloren ist und in der die Außenseiterin trotzdem beschließt, ihren Weg zu finden und herauszufinden, wie man leben kann.

Isa ist unterwegs, und durchschreitet ziellos Wälder, Flüsse, über Wiesen, Felder, Straßen und Parkplätze. Sie trifft einen Mann, der so ist wie sie und doch wieder nicht, denn nirgends gibt es Halt. Beide sind Reisende, getrieben von ihrer Suche und gefangen auf ihrem Weg durch die innere und äußere Wildnis. Und dann trifft Isa auf Maik und Tschik, die beiden Jungs, die man schon als Protagonisten aus „Tschick“ kannte und begleitet sie eine Weile – auf deren Reise in Richtung Walachei.

Mehr Einsamkeit geht nicht. Und mehr Schönheit auch nicht. Seit 2015 steht „Bilder deiner großen Liebe“ auf der Liste der Theaterstücke, die auf den deutschsprachigen Bühnen gespielt werden. Nun wird es vom Schauspiel Hannover inszeniert – pandemiebedingt hat es Regisseur Markus Bothe gemeinsam mit seinem Filmteam speziell für eine Live-Stream-Ausstrahlung via Video konzipiert. Die Vorstellung findet im Ballhof Eins statt und wird mit sechs Kameras live auf der Homepage des Schauspielhauses ausgestrahlt.

Donnerstag, 11. März 2021:
„Bilder deiner großen Liebe“, Theaterstück nach Wolfgang Herrendorf, Schauspielhaus Hannover, Digitale Bühne, Premiere, Live-Stream, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 10 Euro, Online-Ticket

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Kerstin Schomburg)

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Kategorien: Bühne, Medien, Tagestipps

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