Susanne Viktoria Haupt
15. März 2021

Die letzten Wochen

Seitenansicht: „Im Frühling sterben“ von Ralf Rothmann

Über Freundschaft, Schuld und Moral: „Im Frühling sterben“ von Ralf Rothmann, Buchcover

Viel Frühling liegt noch nicht in der Luft, zugegeben. Irgendwie ist alles immer noch etwas frostig – und die Sonne, wenn sie dann mal durchkommt, hat noch keinen nennenswerten wärmenden Effekt. Da passt es eigentlich, sozusagen einen Klassiker der deutschen Gegenwartsliteratur zu empfehlen, nämlich „Im Frühling sterben“ von Ralf Rothmann. Das einzig frühlingshafte an diesem Roman ist tatsächlich der Begriff im Titel. Ansonsten lässt uns Rothmanns literarischer Coup von 2015 genauso frostig und erstarrt zurück wie ein Spaziergang im eisigen März-Regen von 2021. Es geht um Schuld und Unschuld, um Moral und um das grausame Verderben des Kriegs. Besser gesagt: des Zweiten Weltkriegs. Es geht um Walter und Friedrich, der gerne Fiete genannt wird. Zwei junge Burschen aus Norddeutschland. Die Köpfe voller Träume und beide sind Freunde. Nun müssen sie allerdings auf den letzten Drücker, im Frühling 1945, doch noch ihren Dienst an der Waffe leisten. Man weiß ja, dass gegen Ende des Krieges nicht nur die Munition knapp wurde, sondern auch die Männer. Ab dem zarten Alter von 14 Jahren wurden sie fortan von zu Hause abgeholt, um das „Vaterland“ nicht nur zu verteidigen, sondern auch zu „erweitern“.

Entsprechend werden Walter und Fiete an die Front katapultiert. Zwei Jungen, die bisher wenig mit Kriegsspielen am Hut hatten. Während sie an der Front verweilen und erbittert ums Überleben kämpfen, sterben Fietes Eltern bei einem Luftangriff und Walters Vater ebenfalls. Für Fiete zu viel, zumal er selbst verwundet im Lazarett liegt. Sein Freund Walter ist zwar auch in Ungarn an der Front, aber als Fahrer für die Versorgung tätig. Die Trauer und Einsamkeit verleitet Fiete zu einem rückblickend unklugen Schachzug, denn er desertiert. Er hat genug vom Krieg, vom Leid, vom Tod und der Angst. Wir müssen an dieser Stelle keine Historiker*innen sein, um zu wissen, das ihm genau das den sicheren Tod bringen könnte. Und dieser, so das Schicksal es offenbar will, soll durch Walter vollzogen werden…

„Im Frühling sterben“ von Ralf Rothmann ist ein tief aufwühlender Roman, der mit aller Symbolkraft hart an die Grenzen des Erträglichen geht. Er legt die Unmenschlichkeit des Krieges offen, blickt in die rohe Gewalt und scheut sich nicht davor, unmittelbar vom Leid zu erzählen. Nein, das ist kein Frühlingsroman für eine Parkbank in der Sonne. Das ist ein Roman, den man zwischenzeitlich zur Seite legt, weil man von den Grausamkeiten eine Pause benötigt. Nur um ihn dann doch wieder in die Hand zu nehmen, weil man weiß, dass hier an der Darstellung der Wahrheit gearbeitet wird. Auch wenn wir – glücklicherweise – niemals wissen werden, wie grausam der Zweite Weltkrieg wirklich war und auch die Literatur dies nicht abzubilden vermag. Rothmann für seinen Teil ist bereits längst eine feste Größe der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Seine unmittelbaren Geschichten treffen ins Mark und spiegeln vor allem die Entwicklungen unserer Republik seit dem Zweiten Weltkrieg wider. Wer nach „Im Frühling sterben“ einen weiteren Rothmannschen Blick auf eben diesen werfen möchte, dem sei die Fortsetzung „Der Gott jenes Sommers“ empfohlen.

Ralf Rothmann: „Im Frühling sterben“, 233 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN-13: 978-3518466803, 11 Euro

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur

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