Susanne Viktoria Haupt
1. April 2021

Keine Ausreden mehr

Es gibt mehr als nur Corona: In der Mediathek des Literaturhauses Hannover findet ihr derzeit alle Diskussionsbeiträge zur Reihe „Check your Privilege“

In ihrem Debüt „Identitti“ stellt die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal die große Frage nach der eigenen Identität

Nur noch Corona? Nein, bei weitem nicht unser einziges Problem. Armut, Klimawandel, Sexismus und Rassismus sind durch die Pandemie keinesfalls ausgestorben. Allerdings wurden die Themen, was einigermaßen verständlich ist, für einige Zeit bei Seite gedrängt. Aber eine globale Pandemie sollte uns eigentlich doch auch irgendwie näher zusammenrücken. Zumindest sollte man das meinen. Schließlich hat genau diese Pandemie nun mittlerweile schon häufiger bereits bestehende Probleme und Krisenherde noch einmal befeuert. Das beginnt schon bei der Sicherung der Impfdosen durch die reichen Industrie-Nationen und reicht hin bis „Ja, natürlich, ich muss jetzt dringend einen Flieger nach Mallorca nehmen“. Money first. Von wegen „Wir sitzen alle im selben Boot“.

Klar, ein Großteil der Menschen ist mittlerweile gereizt und einfach übersättigt von der Pandemie und den zugehörigen Lockdowns. Ja, man darf jammern (wenn man möchte). Aber hier und da wäre es auch mal ganz gut, wenn man sich seiner eigenen Privilegien bewusst werden würde. Wenn man mal den Kopf wieder vollständig anschmeißt und das große Ganze im Blick behält. Das bedeutet nicht, dass es einem nicht schlecht gehen darf. Aber vielleicht hat man dadurch hier und da den Gedanken, dass es einen dann doch nicht allzu schlimm getroffen hat. Dass man ein Dach über dem Kopf hat und nicht in Angst leben muss. Und dass man uneingeschränkten Zugriff auf medizinische Verpflegung hat. Ja, manchmal sind es die ganz banalen Dinge, die uns glücklich machen könnten. Wer dankbar ist für das, was er hat, ist im Schnitt nun mal zufriedener. Jammern und Zuversicht müssen sich also die Waage halten.

Das Literaturhaus Hannover hatte ursprünglich eine ganz phantastische Live-Reihe für den März geplant: „Check your Privilege“. Und als ich das LineUp sah, hatte ich mich bereits gefreut, auch wenn mir klar war, dass diese Veranstaltungen bei allen Bemühungen um Öffnungen wohl nur im Netz stattfinden würden. Eine Reihe, die uns mal mit der Nase auf unsere Privilegien stupsen sollte. Besser gesagt, vornehmlich unsere weißen Nasen. Denn alle drei Diskussionen und Lesungen der Veranstaltungsreihe drehen sich um Rassismus und damit verbundene weitere Krisen wie Gewalt und Identitätskrisen. Für das erste Gespräch haben sich Autor Mohamed Amjahid, Emilia Roig, Direktorin des Center for Intersectional Justice, sowie Canan Topçu, Journalistin und Dozentin mit der HAZ-Redakteurin Jutta Rinas zusammen getan. Sie sprechen über erlebten Rassismus und darüber, wie man auch den eigenen Rassismus bekämpfen kann.

Wie baue ich Vorurteile ab? Und was macht Rassismus eigentlich mit denen, die davon betroffen sind? Was kann uns einen und was spaltet uns eigentlich? Anders als im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wurden hier zum Beispiel auch Menschen eingeladen, die selbst von Rassismus betroffen waren und sind. In einem weiteren Video wurde die Kulturwissenschaftlicherin und Autorin Mithu Sanyal per Video-Konferenz nach Hannover zugeschaltet und unterhält sich mit der Journalistin Martina Sulner über ihr bereits vielgelobtes Debüt „Identitti“. Ja, was ist denn überhaupt Identität und wie bildet sich diese? Und was ist, wenn man irgendwie deutsch, aber dann doch irgendwie nicht deutsch ist? Was macht das mit einem Menschen und wie kann man sich selbst verorten? Im letzten Video begegnen wir der Schriftstellerin Hengameh Yaghoobifarah und ihrem großartigen Debüt „Ministerium der Träume“. Verlust, Migration und das starke Band der Geschwister prägen den tiefgründigen Roman. Die Pandemie ist ohne wenn und aber ein großes und wichtiges Thema, das uns alle angeht. Aber genauso verhält es sich mit Rassismus.

Donnerstag, 1. April 2021:
„Check your Privilege“, Diskussionsreihe in der Mediathek des Literaturhauses Hannover, Beginn jederzeit möglich, frei abrufbar in der Mediathek des Literaturhauses Hannover

(Foto: Pressefoto/Buchcover)

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Kategorien: Literatur, Politik, Tagestipps

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