Susanne Viktoria Haupt
5. April 2021

Detox Männlichkeit

Seitenansicht: „Sei kein Mann: Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist“ von JJ Bola

Ein Plädoyer für mehr individuelles Sein, anstelle eines künstlichen Konstruktes von Männlichkeit: JJ Bolas Essay „Sei kein Mann“, Buchcover

Der Diskurs kommt nur sehr schleppend in Gang, aber ja, hier und da wird versuchsweise darüber geredet, dass diese sogenannte Gleichberechtigung von Männern und Frauen ein Trugbild sei. Gender Pay Gap, Catcalling und von Männern gemachte Gesetze zur Reproduktion sind da nur ein kleiner Ausschnitt. Wie habe ich neulich so schön treffend gelesen: „So lange wir fragen, was eine Frau zum Zeitpunkt der Vergewaltigung an Kleidung trug, kann es keine Gleichberechtigung geben“. Hinsichtlich der Auseinandersetzung mit diesem Thema ist noch wahnsinnig viel Luft nach oben, aber ich bin optimistisch, dass da gerade unter unseren diskussionsmüden Blicken eine Generation heranwächst, die bereits im Teenageralter durchaus die Sprengkraft besitzt, solche starren Geflechte deutlich stärker aufzubrechen als bisher. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir Älteren uns nun zurücklehnen und alles in die Hände der nachfolgenden Generation legen dürfen. Wir könnten beispielsweise den Diskurs auch von zwei Seiten anstoßen. Nämlich nicht nur für die Gleichberechtigung der Frauen einstehen, sondern – und hier bitte erstmal durchatmen – auch gleichzeitig Gleichberechtigung für die Männer einfordern.

Ja, Männer besitzen zahlreiche Privilegien. Darüber müssen wir nicht diskutieren. Und es wäre schön, wenn sich zumindest die breite Masse ihrer Privilegien bewusst wäre. Beispielsweise werden werdende Väter auf der Arbeit nicht oder nur selten gefragt, wie sie denn Beruf und Familie künftig unter einen Hut bringen wollen und wie lange sie in Elternzeit gehen wollen. Sie werden auch nicht dafür geächtet, wenn sie schnell wieder ins Berufsleben einsteigen. Ganz zu schweigen davon, dass sie keinesfalls bei einem Bewerbungsgespräch nach ihren Reproduktionsplänen gefragt werden. Klar, legal ist das längst nicht mehr, aber diese Fragen werden dennoch weiterhin viel zu oft gestellt. Es gibt allerdings auch noch eine andere Seite der Medaille, und diese nennt sich „toxische Männlichkeit“. Der in London lebende Schriftsteller JJ Bola versucht in seinem 160 Seiten starken Essay, der nun unter dem Titel „Sei kein Mann: Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist“ auch in deutscher Sprache vorliegt, genau für dieses Problem zu sensibilisieren. Nämlich für den Umstand, dass wir größtenteils immer noch eine sehr archaische Ansicht von Männlichkeit haben.

Männer weinen eben nicht. Männer sind hart im Nehmen, sie sind stark und vor allem weniger emotional. Der Mann bringt das Geld mit nach Hause und nimmt sich, was er will. Er ist ein Alpha-Tier und dafür gemacht, zu herrschen. Also keine Tränen, kein Glitzer, kein Kuschelbedürfnis und vor allem keine Anzeichen von irgendwelchen Schwächen. Das ist für die allermeisten immer noch der Inbegriff von Männlichkeit, und auch JJ Bola ist genau mit diesem Verständnis aufgewachsen. Doch bereits als Jugendlicher wurde ihm bewusst, dass sich diese Definition von Männlichkeit keineswegs mit der Realität deckt und sie für jeden, der nicht dieser Norm entspricht, nur schwer zu ertragen ist. Der Mann wird verallgemeinert und damit in ein enges Korsett der Erwartungen geschnürt. Wer diesen nicht entspricht, hat nämlich schlechte Karten und verspielt sich damit seine Privilegien sowie die Anerkennung der Gesellschaft. Und gerade diese Privilegien wollen die meisten Männer keinesfalls abgeben, so Bola. Es gilt also, diese Erwartungen zu erfüllen, auch wenn sie nicht der eigenen Persönlichkeit entsprechen.

Das Resultat sind verunsicherte junge Männer, die sich auch gerne mal übertrieben betont männlich geben, weil sie glauben, dass das so sein müsse. Jungen und Männer, die ihre Gefühle herunterspielen und verstecken, weil es „nicht sein darf“ und sich dabei selbst emotional schaden. Wer sich dann aber dennoch mal weit über die Norm hinaus frei auslebt, erfährt nicht selten sogar Gewalt und offene Anfeindungen. Nicht umsonst gibt es immer wieder gewaltvolle Übergriffe auf Männer, die sich beispielsweise schminken, Zärtlichkeiten miteinander austauschen oder aber sich in „Frauenkleidern“ zeigen. JJ Bolas Essay ist geprägt von diesem zweischneidigen Schwert aus Belastung und Verantwortung. Von der Schwierigkeit, Männlichkeit als von Menschen gemachtes Konstrukt zu entlarven und sich selbst dagegen zu stellen. „Sei kein Mann“ ist also gleich bedeutend mit: Du musst nicht stark, unverwüstlich und heteronormativ sein. Auch wenn das schlussendlich bedeutet, dass Du Dich selbst ins Aus schießt.

Toxische Männlichkeit – ein spannender Begriff. Ein Begriff, der uns wachrütteln sollte. Gleichberechtigung ist keinesfalls eine Einbahnstraße, wir müssen unsere sozialen Konstruktionen in beide Richtungen in Frage stellen. Und auch, wenn die Privilegien der heteronormativen Männer schwer wiegen, bedeutet das nicht, dass wir uns mit der herrschenden Definition von Männlichkeit zufrieden geben dürfen. Vielleicht würde es sogar einiges ändern, wenn wir die allgemeinen Erwartungen an den Menschen und nicht an sein soziales Geschlecht anpassen würden. „Sei kein Mann: Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist“ von JJ Bola bietet dafür die ideale Diskussionsbasis und gehört in das Bücherregal eines jeden heranwachsenden jungen Mannes, damit sich dieses starre Bild nicht weiter verfestigt.

JJ Bola: „Sei kein Mann: Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist“, Übersetzung von Malcolm Ohanwe, 160 Seiten, hanserblau, ISBN-13: 978-3446267985, 16 Euro

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur, Politik

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