Matthias Rohl
30. November 2010

Filmgeschichte(n): „Derrida“

Denken in Bildern: Kirby Dick und Amy Ziering Kofman zeichnen ein fesselndes Porträt über einen der einflussreichsten Philosophen unserer Zeit

Die Kamera gleitet zu den hypnotisch schwebenden Klängen des Oscar-Preisträgers Ryuichi Sakamoto über flüchtige Großstadt-Impressionen hinweg. Aus dem Off ertönt dazu die Stimme des Hauptdarstellers: „Ich unterscheide zwischen Zukunft und ‚Avenir‘, der zukünftigen Zeit. Zukunft ist das, was morgen, später, im nächsten Jahrhundert sein wird – das, was absehbar ist, was geschehen wird. Es gibt also eine vorprogrammierte, vorhersehbare Zukunft, die festgelegt, vorgeschrieben, das heißt irgendwie geplant und absehbar ist. Ich bevorzuge das Wort ‚Avenir‘, das Kommende, die zukünftige Zeit, denn es bezieht sich auf jemanden oder etwas, das kommt und das in seiner Ankunft nicht vorhersehbar ist. Für mich ist das die wahre Zukunft. Das Unvorhersehbare. Das oder der Andere kommt, ohne, dass ich es oder ihn erwarte. Wenn es also eine wahre Zukunft jenseits der Zukunft gibt, dann ist es die zukünftige Zeit im Sinne des Kommenden des Anderen, und zwar dann, wenn ich es nicht vorhersehen kann.“

“Derrida”, Filmplakat

„Mit rhetorischer Geschmeidigkeit jeden Versuch einer dogmatischen Position unterlaufen“: Jacques Derrida als Film

Ist es möglich, das Denken eines Philosophen zu verfilmen, dessen Texten der zweifelhafte Ruf vorauseilt, sie seien äußerst schwer verdaulich? Tatsächlich kennen wir aus der jüngeren Geistesgeschichte nur wenige Schriftsteller, deren Nachleben in solchem Ausmaß gleichermaßen von schwärmerischen Projektionen und aggressiven Ablehnungen flankiert wird. Wer also war Jacques Derrida (1930-2004), der als Jugendlicher von einer Karriere als Fußballspieler träumte und dessen Grabkammer, wie der Fachkollege Peter Sloterdijk in seinem Nachruf „Derrida ein Ägypter“ in hymnischer Verehrung notierte, „an einen hohen Himmel rührt“?

Das wahre Kino

Mit „Derrida“ (2002) gelang Amy Ziering Kofman und ihrem Co-Regisseur Kirby Dick ein filmgeschichtliches Novum: Noch nie zuvor gab es einen Kinofilm über einen lebenden Philosophen, und von Jacques Derrida bis dahin nicht eine einzige Filmaufnahme. Kofman, geboren 1962 in Massachussetts, hatte bereits mit 16 Jahren ein starkes Interesse für die Texte des Innovators entwickelt, und in den frühen 1980er-Jahren bei Derrida an der Yale University studiert. Wie die Regie-Debütantin es aber geschafft hat, den Meisterdenker für das Dokumentarfilm-Projekt zu begeistern, bleibt ihr Geheimnis: Schließlich galt der Begründer der sogenannten Dekonstruktion zeitlebens nicht nur als äußerst medienscheu, sondern hat sehr lange jede Veröffentlichung, die ihn auf Fotos oder in Filmaufnahmen zeigen, untersagt.

“Derrida”, Filmszene

Auf den Filmstills beinahe eine Dekonstruktion seiner selbst: Jacques Derrida bei der Arbeit

Man ahnt, welch angespanntes Verhältnis Derrida zu Bildmedien wohl hatte, bekennt er doch im Film verschmitzt, er habe beim Betrachten von Fotos und Bildern stets ein „Verlangen nach Zerstörung“. Eine halbe Dekade begleitet Kofmans Kamera Derrida schließlich gemeinsam mit Co-Regisseur Kirby Dick in oft alltäglichen Situationen: beim Frühstück in der Küche mit Kaffee und Honig-Brötchen, beim Friseur, beim Überqueren einer dichtbefahrenen Straße in New York, beim Telefonieren im Arbeitszimmer seiner Pariser Wohnung, beim Spaziergang mit seiner Frau, der Psychoanalytikerin Marguerite Aucouturier, schließlich bei einigen seiner legendären Vorlesungen, bei denen sich seine dunklen, stets hellwach schelmisch blitzenden Augen und vor allem die Gesten seiner Hände einprägen, denen die punktgenaue Präzision eines Dirigenten anhaftet.

Als die Kamera den Philosophen einmal in sein Arbeitszimmer verfolgt, witzelt er höchst anspielungsreich, einen Stapel Bücher in der Hand, dies sei also „Cinéma vérité“, das wahre Kino. Eine scheinbar flüchtige Bemerkung, der man nicht genug Bedeutung beimessen kann im Gegenlicht der Erkenntnis, die Amy Ziering Kofman gewann: „Er traut den Medien nicht, aus gutem Grund. Er hat Angst, dass seine Aussagen zu stark vereinfacht werden und dass die Übertragung seiner Schriften in ein anderes Medium unzulänglich sind. Das war seine größte Angst. Allein die Anwesenheit einer Kamera ist störend. Der ganze Trubel unterbricht Gedankengänge. Ihn hat das ganze Drumherum mit dem Aufbau von Kamera und Licht ganz schön genervt. Aber auf einer anderen Ebene versteht er schon, dass die Medien die Welt sind, in der wir nun mal leben. Ich war überrascht, dass er sein Schutzschild nicht ein einziges Mal herunternahm. Er war immer auf der Hut.“

Différance

Doch worin genau besteht die historische Leistung der Dekonstruktion? Derridas Texte beeindrucken vor allem durch ihre unerbittliche Konsequenz, mit der sie gegen die alteuropäische Tradition der Metaphysik streiten. Während letztere unter anderem auf der Präsenz des Seins in der Stimme beharrt hatte, stellte Derridas am Beispiel der Schrift heraus, dass sie keine festgezurrte Bedeutung repräsentiert. Wenn also Metaphysik bedeutet, mit dem Dolch der Erkenntnis ins Herz der letzten Dinge zwischen Sein und Nichtsein vorzustoßen, so zielen Derridas dekonstrukive Denkfiguren darauf ab, in ihrer innovativen Einbildungskraft mit höchster rhetorischer Geschmeidigkeit jeden Versuch einer dogmatischen Position zu unterlaufen. Seine Schriften lassen sich wohl am besten verstehen als ein reflexiver Kommentar zu einem intellektuellen Klima, in dem die Philosophie endgültig in ihr nachmetaphysisches Stadium übertritt.

“Derrida”, Filmszene

Punktgenaue Präzision eines Dirigenten: Jacques Derrida bei der Produktion des Filmes „Derrida“

Aus der Überfülle von Derridas Wort-Neuschöpfungen, die diesen Umstand markieren, ragt die berühmteste einsam hervor – die „différance“. Derrida spielt hier mit der Unhörbarkeit der abweichenden Schreibweise von „différence“ mit „a“ und bezeichnet damit „zugleich die Bewegung, durch Aufschieben (‚différer‘), Übertragen, Zurückhalten, Abweichen oder Umweg Differenzen herzustellen, und die gemeinsame Wurzel aller begrifflichen Gegensätze, die sich im Spiel der unentscheidbaren und unaufhebbaren Spannung entfalten“ (Michael Wetzel). Sinn, so lässt sich diese Einsicht pointieren, bildet sich immer erst in einem Gewebe von Verweisungen und Aufschüben. Um dieses Doppelspiel plastisch in die Sprache des Films zu bannen, nutzten Amy Ziering Kofman und Kirby Dick einen höchst effektiven Trick, indem sie Derrida, der sonst niemals unvorbereitet Interviews gab, zu den Themen Liebe, Körperteile und Narzissmus improvisieren ließen und den Meister so mehrfach gehörig aus der Reserve lockten – mehrfach gar bis zum Abbruch seiner Antwort-Versuche.

Auf diese Weise entstand ein kunstvoller Versuchsaufbau, ähnlich einer mehrstimmigen musikalischen Fuge, in der sich Themen, Variationen, Verbindungen einstellen über Liebe, Archiv, Zeugnis und Tod. Wie soll man den 2004 verstorbenen Derrida nach all dem in Erinnerung behalten? Vielleicht so, wie er selbst in seinem Buch „Vom Geist“ einst Heidegger beschrieb, dessen Philosophie sein Denken die wesentlichen Impulse verdankt: „Wenn ich an Heidegger denke, wenn ich seine Texte lese, achte ich auf diese doppelte Vibration. Stets sind sie furchtbar gefährlich und zugleich wahnsinnig witzig, stets ist das Behauptete sehr schwerwiegend und dennoch ein bißchen komisch.“ Es bleibt tatsächlich zu hoffen, dass Derridas Vibrationen noch weit in das 21. Jahrhundert hinein spürbar bleiben – sein Werk verdient es, nicht vergessen zu werden.

nächste Folge:
„Terminator“
Nach einem Vierteljahrhundert endlich ungeschnitten: James Camerons meisterliche Cyborg-Phantasie

(Fotos: Filmstills)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Film

Kommentiere diesen Artikel