Marc Mrosk
3. Dezember 2010

Stadt der Bengel

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 6: Mit Luke und Glühwein auf dem Skywalk

Wie in einem Freizeitpark zur Hochsommerzeit tummeln sich die Leute in der Innenstadt vor und in den Geschäften. Eine große Masse abertausender Frisuren, Glatzen, Hüte und Mützen. Einkaufstüten in allen möglichen Farben und Formen schweben auf Kniehöhe durch die Menge und gleich daneben schwingen die Beine mit. Der Akkordeonspieler, der auf einem Klappstuhl zwischen H&M und Schmorl & von Seefeld sitzt schaut durch die Menschen hindurch, lächelt bei jedem Klingeln der Geldstücke in seiner Mütze und neigt seinen Kopf zur Seite, um seinen eigenen Klängen zu lauschen.

Weihnachtsmarkt am Kröpcke

Konsum- und Glühweinwelten: Die Pyramiden liegen leuchtend am Kröpcke

Der Quetschkommodenspieler gibt Stille Nacht an einem lauten hannoverschen Nachmittag des ersten Advents. Ich stehe mit meinem Glas Glühwein in der kalten Hand im ersten Stockwerk der hölzernen Weihnachtspyramide am Kröpcke. Ein bisschen einschläfernd ist es schon, sich diesen Einkaufs-Exodus, der sich auf der Bahnhof- und Georgstraße abspielt, anzuschauen. Dazu kommt dann auch noch der Glühwein, von dem bald nur noch das leere Glas übrig bleibt. „Kann ich das haben?“ Eine kindliche Stimme, die von der Seite ertönt, reißt mich aus meiner billigen Hypnose. Neben mir steht ein Junge von knapp zehn Jahren, winterlich eingekleidet mit Pudelmütze, dicker grüner Winterjacke und Jeanshose, durch deren zerfetzte Kniestellen der schwarze Stoff einer Strumpfhose zu erkennen ist. „Willst du das Pfand haben?“, frage ich ihn und in seinem eingefrorenen Gesicht zeichnet sich ein Lächeln ab. Er scheint ohne irgendeine Begleitung hier zu sein und hat sich anscheinend auf das Schnorren des Pfandgeldes spezialisiert. „Mein Großvater macht das auch“, erzählt er mir ganz ungeniert, „er arbeitet am Maschsee.“

Dem Glühwein auf den Leim gegangen

Kurzerhand gebe ich dem Jungen, der sich mir als Luke vorstellt, meinen leeren Becher und zusätzlich noch fünf Euro, damit er sich zum Aufwärmen eine heiße Schokolade kaufen kann. Er bedankt sich und stimmt das erste Gesprächsthema an: Geldsorgen. Ich klopfe ihm aufmunternd auf die Schulter, muss ihm aber gestehen, dass ich nicht sonderlich weiterhelfen kann. Er spricht von Reisen, die er noch nie unternommen hat und von Orten, die er noch nie gesehen hat und seiner Meinung auch bestimmt nie mehr sehen wird. „Du bist doch noch jung, Kleiner. Du wirst noch die ganze Welt sehen.“ Er scheint nicht sehr überzeugt von meinen Worten und verschwindet schließlich mit dem Geld zwischen den plaudernden Glühweintrinkern. Nach kurzer Zeit kommt er wieder, ein wenig wacklig auf den Beinen, aber immer noch verhandlungsfreudig, während er sich die Lippen leckt. Ich drücke ihm noch mal zehn Euro in seine kleine kalte Hand, mit der festen Überzeugung, dass er sich davon auch einen Kakao kaufen würde.

Als wir wieder aufeinander treffen, war klar, dass er keine Lust auf Kakao gehabt hat. Seine Nase ist knallrot, seine Augen glasig, seine Lippen blutrot vom Wein. „Du hast dir von dem Geld Glühwein gekauft“, sage ich geschockt, aber im Flüsterton, damit uns niemand belauschen kann. „Alkohol wärmt besser als Kakao“, sagt er beschwipst und der Schleim läuft ihm buchstäblich wie Rotz und Wasser aus der Nase. Ich wische ihm mit einem Taschentuch über’s Gesicht und führe ihn langsam die Treppen hinunter, tief besorgt, dass jemand auf meinen angetrunkenen, minderjährigen Saufkumpanen aufmerksam wird.

Von Wolkenkratzern und unglaublichen Panoramen

„Wie hast du denn überhaupt den Glühwein bekommen?“, frage ich und schlängele mich, mit Luke an der Hand, durch die Menschen vor der Kröpcke-Uhr. „Ich habe einfach gesagt der Wein wäre für dich“, antwortet er und so langsam durchblickte ich seinen Schwindel. Der Wein an seinen Lippen war der letzte Tropfen aus meinem Becher gewesen. „Sag mal, du erzählst mir hier doch…“ sage ich und werde durch das plötzliche Ziehen an meinem Arm unterbrochen. „Guck mal“, sagt Luke, den Blick starr zum Horizont gerichtet. „Der Wolkenkratzer. Den hab ich schon mal auf einem Foto gesehen.“ „Was für einen Wolkenkratzer?“, frage ich leicht irritiert, wage aber kaum zu widersprechen, denn seine eh schon so glasigen Augen fangen an zu leuchten.

Kröpcke mit Empire State Building

Absolut von Welt: Das Empire Kröpcke Building

In den Fängen eines vorgetäuschten Glühweinrauschs zeigt mir Luke ein Hannover, in dem ich vorher noch niemals war. Auf die Frage, wo er den wohne, gibt es keine Antwort, doch ich entsinne mich an die Geschichte über einen alten Mann, der am Maschsee Pfandflaschen sammelt. „Komm, wir suchen deinen Großvater. Ich glaube, ich kenne ihn“, sage ich und mache mich mit dem Jungen auf zum Maschsee.

Looking for Opa

„Wenn uns jemand erwischt, kommst du ins Heim und ich in den Knast“, sage ich scherzhaft, während ich mit dem Jungen am Westufer des Maschsees entlang spaziere und mir vorkomme wie Charlie Chaplin in „Der Vagabund und das Kind“. „Woher kennst du eigentlich meinen Großvater?“, fragt er und setzt sich erschöpft auf eine Bank. „Das ist eine andere Geschichte“, sage ich und als ich gerade anfangen will zu erzählen, schießt Lukes Arm hoch und sein kleiner Finger zeigt rüber zum Rathaus. „Da, das ist die große grüne Statur mit der Fackel in der Hand. „Die Freiheitsstatue?“, frage ich und blicke über den See. „Ja, genau so heißt die.“ „Ich sehe nichts“, sage ich. „Du hast wohl zu wenig Glühwein getrunken.“ „Und du vielleicht genau einen Tropfen zu viel. Jetzt sag mir endlich wo du wohnst. Ich muss dich jetzt nach Hause bringen.“

Freiheitsstatue auf dem Maschsee

Maschsee Liberty – das hannoversche Freiheits-Panorama, hier noch sommerlich begrünt…

Sein Großvater bleibt unauffindbar und Luke gibt schließlich klein bei. „Hinter’m Raschplatz“, sagt er und wir zwei verlorenen Bengel wandern wieder los. Nach einer knappen Stunde stummen Spazierengehens erreichen wir unser Ziel. „Da oben wohne ich“, sagt er und zeigt auf’s Hochhaus Lister Tor. „Kannst du das Haus wenigstens sehen?“, fragt er auf seine ganz kindliche, aber doch leicht sarkastische Art. „Ja, das Haus kann ich sehen“, antworte ich. „Gut“, sagt er und verabschiedet sich mit diesem Grinsen, das man von Zwiebackpackungen kennt.

Wunderschöne Skylines, überall…

Ich bleibe noch eine Weile an der Kreuzung stehen und lächele vor mich hin, während ich an seinen fantasievollen Trip denke, den ich nur zu gerne geteilt hätte. Eine Frau hämmert mit ihren hohen Absätzen an mir vorbei und beäugt mich und meine grinsende Visage misstrauisch, als wäre ich ein entlaufender Patient aus der Nervenheilanstalt. „Sehen Sie das?“, frage ich sie und deute zum Himmel über’m Raschplatz. Sie schaut auf und schüttelt nur verwundert den Kopf. „Wunderschön diese Skyline“, sage ich.

Skyline am Raschplatz

Hannover by night – Stadt der Lichter: Die unwahrscheinliche Skyline am Raschplatz

Ich genieße für eine Sekunde den Ausblick, während es anfängt zu dämmern und mir plötzlich aus dem Nichts ein Brief vor die Füße fliegt. „Nicht vor Weihnachten öffnen!“, steht drauf, doch der Warnung trotzend reiße ich das Kuvert gleich auf. Im Inneren ein Brief, zweimal gefaltet mit Fettspuren an den Rändern. „Ich hätte den Brief wirklich nicht öffnen sollen“, sage ich mir, als ich die ersten Zeilen lese. Doch das ist eine andere Geschichte…

(Fotos: hannover-verkehr.de (1), Marc Mrosk (2-4))

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur, Lokales, Lokalitäten

Kommentiere diesen Artikel