Susanne Viktoria Haupt
19. April 2021

7. Januar 2015

Seitenansicht: „Der Fetzen“ von Philippe Lançon

Nicht die Stimme eines Helden, sondern die eines Überlebenden: „Der Fetzen“ von Philippe Lançon

Vor über sechs Jahren, am 7. Januar des Jahres 2015, stürmten Terroristen die Büroräume des französischen Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ in Paris. Elf Menschen kamen bei dem grauenvollen Anschlag ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt. Die Leben der Überlebenden wurden für immer verändert. Einer von ihnen ist der französische Journalist Philippe Lançon. In seinem autobiographischen Roman „Der Fetzen“ hat er auf über 500 Seiten den Horror, seine Genesung, aber vor allem seinen Kampf mit dem Überleben und der Suche nach dem Sinn festgehalten. Aber „Der Fetzen“, der nicht nur in Frankreich wie eine Wucht einschlug und Erfolge feierte, ist doch noch so viel mehr als der bloße Bericht eines Überlebenden. Denn das, was Lançon schreibt, ist schonungslos ehrlich und legt alles offen.

Der Roman setzt kurz vor den Anschlägen an, die am 7. Januar 2015 stattfanden. Die Welt von Philippe Lançon war noch eine andere, sie war in Ordnung, sie war gut. Er war mit dem Fahrrad durch Paris gefahren, hatte abends eine Theatervorstellung mit einer guten Freundin angeschaut und sich dabei spontan entschlossen, eine Kritik über das Stück zu verfassen. Nach der Vorstellung saß er zusammen mit dem Regisseur und einigen der Schauspieler*innen noch in einem Café und unterhielt sich. In absehbarer Zeit sollte es ihn sogar in die USA ziehen, als Gast-Dozent an die renommierte Universität Princeton. Das Leben war gut, das Leben war sicher. Bis der 7. Januar seine Welt aus den Angeln hob und er schwer verletzt wurde. Nur zwei Minuten trennten ihn vom Tod, so glaubt Lançon. Hätte er die Redaktion an diesem Tag nur zwei Minuten eher verlassen, wäre er nicht mehr am Leben. So blieben ihm zahlreiche Operationen im Gesicht, die die Spuren der Schussverletzung verwischen sollten.

Aber nicht nur die Welt von Philippe Lançon wurde anschließend eine andere, sondern auch er ein anderer Mensch. Der Anschlag zog einen tiefen Graben in sein Dasein. Es gibt einen Philippe Lançon davor, und einen danach. Und dieser Danach-Philippe muss sich immer wieder durch die eigenen Textnachrichten wühlen, um die Zeit unmittelbar vor und nach dem Anschlag überhaupt einigermaßen rekonstruieren zu können. Die Erinnerungen hängen wie Fetzen in der Luft. Sein altes Leben aus ihm herausgetrennt. Und es gibt für ihn keine Chance auf ein Zurück. Was macht das also mit einem Menschen? Und wie überwindet man die Frage nach dem Sinn des Ganzen? Wo ist denn der Sinn, wenn alles, was einen vom Tod trennte, nur zwei Minuten sind? Philippe Lançon stellt die dringenden und wichtigen Fragen und gewährt dabei auch einen sehr persönlichen Einblick in seine eigene Gefühlswelt.

Gleichzeitig scheut er sich nicht davor, weitere brisante Themen anzusprechen. Zum Beispiel, dass der Anschlag selbst das Magazin überhaupt erst wieder relevant gemacht habe. Nachdem die Mohammed-Karikaturen veröffentlicht wurden, hatte sich die Presselandschaft allgemein eher von „Charlie Hebdo“ distanziert. Es war zu heikel, es war zu gewagt, zu riskant. „Charlie Hebdo“ drohte an der eigenen Risikobereitschaft unterzugehen. Im Grunde war es ein sinkendes Schiff. Aber auf einmal waren alle Charlie Hebdo. „Je suis Charlie Hebdo“ konnte man damals überall im Internet lesen. Das Magazin kam wieder raus aus der Versenkung. Philippe Lançon verurteilt diesen Prozess nicht, er legt ihn nur ganz ehrlich offen. Und auch sonst geht es ihm nicht darum, irgendjemanden anzuklagen, geschweige denn Mitleid zu bekommen oder als Held gefeiert zu werden. Er hat nur einfach überlebt und teilt mit, was das mit ihm gemacht hat.

„Der Fetzen“ ist eine Wucht, die nur schwer zu verdauen ist. Schon alleine deswegen, weil Lançon den 7. Januar 2015 sehr ausführlich beschreibt. Und gleichzeitig ist dieses Buch eine Wucht, weil es uns zeigt, was Sprache alles kann und in welchem Umfang Literatur Kraft geben kann. Denn neben allen Menschen, die Lançon durch diese sehr schwere Zeit begleitet haben, sind es doch auch immer wieder die Literatur und das Wort, die ihn halten und tragen und einen neuen Philippe Lançon möglich machen.

Philippe Lançon: „Der Fetzen“, Übersetzung von Nicola Denis, 551 Seiten, Tropen Verlag, ISBN-13: 978-3608504231, 25 Euro

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur

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