Susanne Viktoria Haupt
1. Mai 2021

Arbeit neu denken?!

Der Tag der Arbeit wird heute mit Sicherheit anders begangen werden als in den meisten Jahren. Aber ist das nicht auch eigentlich endlich mal eine Chance, Arbeit neu zu denken?

Feste wie das Internationale 1. Mai-Fest auf der Faust-Wiese sind dieses Jahr undenkbar. Aber über Arbeit sollten wir dringend reden

Arbeit ist momentan ein Reizthema in Deutschland. Die einen dürfen nicht, die anderen werden zu schlecht bezahlt und wieder andere arbeiten viel zu viel und werden überhaupt nicht entlohnt. Noch nie offenbarten sich die Schwachstellen unserer vom Kapitalismus durchzogenen Gesellschaft so sehr, wie seit Beginn der Pandemie. Da hätten wir beispielsweise auf der einen Seite das Pflegepersonal, dass bereits vorher schon viel zu wenig Gehalt für viel zu viel Arbeit bekam. Und zusätzlich nicht selten völlig überlastet war. Während wir vergangenes Jahr noch abends fein geklatscht haben (was nun mal einfach gar nichts brachte), gehen die Klagelaute des Pflegepersonals mittlerweile bei all den anderen Klagelauten nahezu unter. Kultur-, Tourismus- und Gastronomie-Branche gucken derweil gemeinsam in die Röhre. Von Lösungsansätzen wird geträumt und der Dschungel der Soforthilfen wäre selbst für Tarzan eine Herausforderung. Und dann wären da noch all die Einzelhändler*innen und all jene, die auf Grund der Pandemie ihre Jobs verloren haben. Und natürlich auch jene, die zu Hause zwischen Home Office und Kinderbetreuung eingeklemmt sind. Die Liste ist verdammt lang, und der einzige Trost dürfte sein, dass es für uns alle die erste Pandemie ist und wir zusammen in einem Boot sitzen.

Nun wird es dieses Jahr keine großen Demonstrationen, Paraden oder internationale Feste anlässlich des Tages der Arbeit geben. Aber vielleicht könnte uns diese Pandemie auch dazu verleiten, dass wir uns mal Gedanken darüber machen, ob wir Arbeit nicht neu denken sollten. Und damit meine ich nicht nur wir hier, sondern auch alle in den Chefetagen und auch alle in der Politik. Was wäre, wenn wir beispielsweise mehr ortsunabhängige Arbeit einrichten würden? Oder aber die Arbeitszeit weiter reduzieren würden? Was wäre, wenn die Menschen in Büros eben nicht mehr 40 Stunden die Woche sitzen würden, sondern nur noch 25 bis 30 Stunden? Bei gleichem Lohn? Was wäre, wenn wir Elternzeit für Männer attraktiver gestalten würden? Care Arbeit besser entlohnen würden? Was wäre, wenn wir eines Tages wirklich ein bedingungsloses Grundeinkommen hätten, das vor allem den kreativen Sektor besser absichern könnte? Auch Ehrenämter wären bei solchen Modellen häufiger denkbar. Was wäre, wenn wir gemeinschaftlich aus diesem Stress-Karussell aussteigen würden? Ich weiß leider, dass das alles ausgemachte Utopien sind. Oder etwa doch nicht? Wir müssen anfangen, wirklich darüber nachzudenken, damit wir aus Utopien echte Vorstellungen machen können. Und wir müssen diese Krise nutzen, um umzudenken. Trotz fehlender Festivitäten sollten wir daher heute laut sein und auch über diesen Tag hinaus uns immer wieder bewusst machen, dass Arbeitszeit nun mal echte Lebenszeit ist.

Samstag, 1. Mai 2021:
Tag der Arbeit, ganztägig

(Foto: Susanne Viktoria Haupt)

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Kategorien: Politik, Tagestipps

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