Susanne Viktoria Haupt
3. Mai 2021

Wir waren doch alle lange genug gut

Seitenansicht: „Verzauberter April“ von Elizabeth von Arnim

Gerade jetzt dürfte der bereits 1922 erschienene Roman „Verzauberter April“ von Elizabeth von Arnim so manchen Menschen aus der Seele sprechen

Seit über einem Jahr hangeln wir uns von Beschränkung zu Beschränkung. Und egal, wie sehr man diese auch nachvollziehen kann, so bleibt es nicht aus, dass hier und da einfach die Luft raus ist. Der neue Begriff dafür heißt „mütend“. Wir sind die Beschränkungen müde, einfach leid. Und gleichzeitig wütend, das alles so schleppend vorangeht und für etliche Probleme keine Lösungen gefunden werden. Ganz gleich, aus welchen Gründen auch immer. Wir waren (größtenteils) alle brav, haben uns den Einschränkungen gebeugt und auch zu Hause keine Partys gefeiert. Wir haben vielleicht sogar aufs gemeinsame Grillen im Sommer im Garten verzichtet. Mütend. Wie schön wäre es da, wenn ein legaler Ausbruch möglich wäre. Wenn es nur an uns liegen würde, einen Schritt aus der Beschränkung zu wagen. Wenn es eben keine lebensnotwendigen Beschränkungen wären, sondern gesellschaftliche Regeln, die uns zu all diesem braven Verhalten zwingen würden. Das würde einen Exit eigentlich leichter machen. Zumindest geht es so Mrs. Wilkins in Elizabeth von Arnims Roman „Verzauberter April“. Ihr Mann ist ein unverbesserlicher Geizkragen. Von neuen Kleidern kann Mrs. Wilkins nur träumen. Und auch sonst steht sie ganz im Zeichen eines Mauerblümchens ausschließlich im Dienste ihres Mannes. Sie kocht für ihn, sie bügelt für ihn, sie kauft für ihn ein. Nein, der Roman spielt glücklicherweise nicht in der Gegenwart, sondern in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.

Als die unscheinbare Mrs. Wilkins aber eines besonders verregneten Tages im Londoner Februar eine Anzeige in der Times liest, ist sie hin und weg. Angeboten wird ein Castello in Italien und das auch noch für einen ganzen Monat. Urplötzlich beginnt Mrs. Wilkins zu träumen. Von der Wärme der Sonne Italiens, von einem Blumenmeer, von dem echten Meer, von Ruhe, Entspannung und von Distanz zu ihrem fordernden Ehemann. Und sie überlegt, ob ihr kleines Erbe über 90 Pfund vielleicht für einen Ausflug nach Italien reichen könnte. Mrs. Arbuthnot wiederum liegen solche Tagträumereien eigentlich noch viel ferner. Ihr Mann Frederick ist zwar alles andere als ein Geizkragen, aber sie steht ganz im Dienste der Kirche und der Nächstenliebe. Kein Tag vergeht, an dem sie ihre Zeit, Kraft und das Vermögen ihres Mannes nicht den Bedürftigen opfert. Sie sieht diese Tätigkeit als ihre persönliche Pflicht an, und über die Jahre hat sich ein so immenses Pflichtgefühl aufgebaut, dass sie gar nicht mehr anders kann, als alles zu geben. Als sie jedoch genauso wie Mrs. Wilkins die Times in die Hände bekommt, bleibt trotz aller Frömmigkeit auch ihr Blick auf der Anzeige für das Castello hängen. Was Mrs. Arbuthnot nicht weiß, ist, dass die sonst so zurückhaltende Mrs. Wilkins sie beobachtet und ganz genau zu wissen scheint, was sie gerade denkt: Wie schön wäre ein Monat in Italien? All ihren Mut zusammen nehmend, geht Mrs. Wilkins nun auf die fromme Mrs. Arbuthnot zu und unterbreitet ihr einen kühnen Plan. Sie beide könnten gemeinsam nach Italien reisen. Denn schließlich, so sieht Mrs. Wilkins das, waren sie beide doch nun lange genug viel zu gut. Und wer immer nur anderen Gutes tut, der kann auf Dauer nicht glücklich sein. Sozusagen die frühe Version der Selbstfürsorge.

Obgleich „Verzauberter April“ bereits 1922 erschienen ist, lässt sich diese Geschichte rund um die vermeintlich ungleichen Frauen sehr gut nachvollziehen. Mrs. Wilkins und Mrs. Arbuthnot haben Mut. Sie suchen sich noch zwei weitere mitreisende Damen, um die Kosten besser tragen zu können und lassen das verregnete London hinter sich. Ganz gleich, ob es ihre Männer stört oder nicht. „Und als sie am Nachmittag des folgenden Tages in Italien einfuhren, waren England, Frederick, Mellersh, der Vikar, die Armen, Hampstead, der Club, Shoolsbred’s, jeder und alles, all die schwärende Trostlosigkeit, verblaßt zu einem undeutlichen Traum“, heißt es in Elizabeth von Arnims literarischem Juwel und jede und jeder, der mal nach einer sehr kräftezehrenden Zeit eine erholsame Reise angebrochen hat, dürfte diese Empfindungen genau verstehen. In Italien lernen die vier Damen dann noch so viel mehr über sich, das Leben und vor allem über die Liebe in all ihren Facetten. Ein besonderes Talent besaß die 1866 geborene britische Schriftstellerin von Arnim vor allem für detaillierte Beschreibungen der Umwelt und Gefühlswelt. Daher tauchen wir nicht nur sehr in die Gedanken- und Lebenswelt der Figuren ein, sondern erleben Italien im April so hautnah, wie es ein Roman nur ermöglichen kann. Seien es das Rauschen des Meeres oder aber die duftende Blütenpracht – alles wird uns hier auf rund 300 Seiten besonders nahe gebracht. Und auch, wenn uns der Ausbruch in ein italienisches Exil derzeit nur auf diesem Wege möglich ist, schauen wir voller Anerkennung und Wohlwollen auf Elizabeth von Arnims kühnes Quartett aus dem verregneten London.

Elizabeth von Arnim: „Verzauberter April“, Übersetzung von Adelheid Dormagen, 306 Seiten, Insel Verlag, ISBN-13: 978-3458359203, 10 Euro

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur

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