Susanne Viktoria Haupt
6. Mai 2021

R wie Rassismus

Und es geht weiter: Die Gesprächsreihe „ABC der Demokratie“ ist nun beim Buchstaben R angekommen. Ijoma Mangold diskutiert heute mit der Schriftstellerin Jackie Thomae über Rassismus

Wie viel Einfluss haben wir auf unseren eigenen Lebensweg? Diese und viele weitere Fragen stellt der Roman „Brüder“ von Jackie Thomae

Es war ein erster kleiner Schritt in die richtige Richtung: Die Verurteilung des weißen Polizisten Derek Chauvin. Am 20. April wurde dieser bezüglich der Tötung des Afro-Amerikaners George Floyd in allen drei Anklagepunkten für schuldig gesprochen. Er wartet nun auf sein Strafmaß. Ja, Amerika hat ein Rassismus-Problem, aber das haben wir auch. Das bezieht sich nicht nur auf offene rassistisch motivierte Straftaten, sondern ebenso auf den strukturellen Rassismus, der wie ein Dolch im Rücken unserer Gesellschaft für andauernde Schmerzen und Wunden sorgt. Und obgleich das Problem in unserer Gesellschaft offensichtlich ist, wird es – und hier greift nun mal auch die Struktur – gerne unter den Teppich gekehrt. Nicht von allen, aber von vielen. Es gilt also hier, genau wie bei allen anderen Krisen, die gerne klein geredet werden, dass der Mensch weiterhin laut bleibt und sich Gehör verschafft. Und das kann auf ganz vielfältige Weise passieren.

Ein gutes Instrument hierfür war schon immer die Spiegelung gesellschaftlicher Zustände in Kunst und Literatur. Denken wir nur mal an den Tabubruch Goethes mit „Die Leiden des jungen Werthers“. Und so findet auch der Rassismus in seinen leider vielfältigen Facetten aktuell immer stärker Einzug in die Literatur und macht lautstark auf das Thema aufmerksam. So zum Beispiel auch bei Jackie Thomae mit ihrem Roman „Brüder“. Thomae ist eine deutsche Journalistin und Schriftstellerin, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr im Leben schon mehrfach die Frage gestellt wurde, wo sie denn nun „wirklich herkommt“. Denn Thomae hat eine dunkle Hautfarbe und nicht selten wird davon ausgegangen, dass, wer auch nur halbwegs nicht wie ein deutsches Klischee aussieht, auch keinesfalls hier geboren sein kann. Da wird dann auch mal gerne dazu gratuliert, dass man ja „so gut Deutsch spreche“.

In ihrem Roman „Brüder“ hat sich Thomae auf ganz wirkungsvolle Weise mit dem auseinandergesetzt, was unsere Lebenswege beeinflussen kann. Hautfarbe, soziale Herkunft und individuelle Entscheidung sowie schlicht und ergreifend Schicksal sind wohl bestimmend. Im Zentrum ihres Romans stehen zwei junge Männer, die ohne es zu wissen Halbbrüder sind. Und beide sind sie von dunkler Hautfarbe. Der eine lebt in Ostberlin, der andere in Leipzig. Beide wachsen sie bei alleinerziehenden Müttern auf. Beide haben also in etwa die gleichen Ausgangsvoraussetzungen, aber dennoch verlaufen ihre Leben völlig unterschiedlich.

Mit diesem Panorama zweier Lebenswege katapultierte sich Thomae 2019 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Heute ist sie im Schauspielhaus Hannover zu Gast bei Ijoma Mangolds „ABC der Demokratie“ und spricht mit ihm über den Buchstaben R wie Rassismus. Hier geht es nicht nur um den offensichtlichen Rassismus, sondern eben auch um die strukturelle Form. Es geht um die Prägung der Herkunft auf den eigenen Lebensweg, und wieviel davon tatsächlich in unseren Händen liegt. Hier wird ein breites Feld eröffnet, das der Gesprächsreihe durchaus gerecht wird. Wie immer ist für die Reihe „ABC der Demokratie“ der Eintritt zum Live-Stream zwar frei, aber eine Anmeldung von Nöten.

Donnerstag, 6. Mai 2021:
„Digitale Bühne: ABC der Demokratie. R – Rassismus“, Online-Diskussion mit Ijoma Mangold und Jackie Thomae, eine Veranstaltung des Schauspielhauses Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt frei, Anmeldung notwendig

(Foto: Buchcover)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur, Politik, Tagestipps

Kommentiere diesen Artikel