Susanne Viktoria Haupt
17. Mai 2021

Familiengeschichten auf Portugiesisch

Seitenansicht: „Vom Wesen der Götter“ von António Lobo Antunes

Eine der berühmtesten Stimmen der portugiesischen Moderne: António Lobo Antunes

Wenn wir ein Land bisher literarisch sehr selten zur Geltung gebracht haben, dann ist das sicherlich Portugal. Ja, Portugal, dieser süße Fleck Land, das als Teil der iberischen Halbinsel an Spanien klebt und zu dem einige der schönsten europäischen Inseln gehören. Und natürlich für diese fantastischen und farbenfrohen Fliesen bekannt ist. Portugal hat literarisch selbstredend viel mehr zu bieten als den berühmten Fernando Pessoa. Auch wenn dieser Dichter über Lissabon schwebt und wacht wie Goethe über Weimar. Nun gut, der Vergleich der beiden Herren hinkt inhaltlich, aber Ihr wisst sicherlich, was ich meine. Mit viel portugiesischer Literatur können meine Bücherregale tatsächlich nicht dienen, aber kürzlich stolperte ich in einer Buchhandlung meines Vertrauens über António Lobo Antunes‘ „Vom Wesen der Götter“. Ein bestimmtes Nicken der Buchhändlerin signalisierte mir auch direkt, dass mir das Buch gefallen würde. Tja, als ausgemachter Bücherwurm kennen die Buchhändler*innen der Stadt einfach Deinen Geschmack. António Lobo Antunes ist natürlich kein Unbekannter und so manche*r Literaturkritiker*in plädiert dringend für die Vergabe des Nobelpreises an den aus Benfica stammenden Schriftsteller und Psychiater.

In „Vom Wesen der Götter“ werden wir direkt mit allerhand klassischen Zügen eines Antunes-Roman konfrontiert. Das bezieht sich weniger auf seinen Erzählstil, denn hier bricht der Portugiese ohnehin nur zu gerne mit der Erwartungshaltung seiner Leserschaft. Viel mehr ist es seine Fähigkeit, vor allem die Geschichte Portugals literarisch einzubetten und dabei einen kritischen Blick auf die gehobene Gesellschaft zu werfen. Spannend daran ist, dass Antunes selbst aus aristokratischen Kreisen kommt und wahrscheinlich einen äußerst dezidierten Blick in das Innere dieser Kreise besitzen dürfte.

Dreh- und Angelpunkt des Romanes „Vom Wesen der Götter“ ist die Regierungszeit des Diktators António de Oliveira Salazar. Hier bereichert sich Senhor Doutor an der autoritären Diktatur. Er lebt im Lissaboner Vorort Cascais und terrorisiert seine Familie und seine Gefolgschaft tagtäglich. Kein Wunder also, dass sich seine Frau nach empathischer Gesellschaft sehnt und fortan die Buchhändlerin Fátima zu sich kommen lässt. An Literatur ist die Gemahlin allerdings nicht interessiert, sondern möchte all ihre Sorgen, Beobachtungen und Erinnerungen mit der Fremden teilen. Ab nun wird nicht nur Fátima, sondern natürlich auch die Leserschaft in eine skurrile und komplizierte Familiengeschichte ohnegleichen verstrickt. Antunes breitet nun Stück für Stück mit Hilfe der Multiperspektivität seiner Erzählweise das Puzzle einer ganzen Familie und allen, die auch nur annähernd mit dieser zu tun haben, aus.

„Vom Wesen der Götter“ ist purer Lesegenuss, aber nichts für Ungeduldige. Über 700 Seiten ist das Portrait der Familie Doutor stark. Dafür werden die Leser*innen aber immer wieder mit neuen überraschenden Wendungen und detaillierten und lebensnahen Schilderungen belohnt. Aber Vorsicht: Anschließend könnte sich akutes Fernweh einstellen. Nicht, weil der Senhor so unfassbar sympathisch ist und man sich nach einer südeuropäischen Diktatur sehnt, sondern weil man anschließend unbedingt durch dieselbe Stadt wandeln möchte, aus der António Lobo Antunes seine Inspiration gezogen hat.

António Lobo Antunes: „Vom Wesen der Götter“, Übersetzung von Maralde Meyer-Minnemann, 720 Seiten, Luchterhand Verlag, ISBN-13: 978-3630875712, 25 Euro

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur

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