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Vielfalt im Line-up

Musik x Feminismus: Diversität scheint für manche Veranstalter*innen ein Fremdwort zu sein. Besteht dennoch Hoffnung auf mehr Musikerinnen in den Festival-Line-ups 2022?

Bald wieder Festivals? Aber bitte divers!

Im Mai veröffentlichten Rock am Ring und Rock im Park das bisherige Line-up für 2022 und gerieten damit in die Kritik: 107 Musiker*innen, aber nur zwei davon sind weiblich. Bei den meisten Festivals sieht das Problem ähnlich aus, denn fast überall stehen weit weniger Musikerinnen als Musiker auf der Bühne. Studien zeigen genauere Zahlen. Die Facts-Studie vom Netzwerk „Female Pressure“ fand heraus, dass der Anteil an Frauen* in Line-ups 2012 bei 9,2 Prozent lag und bis 2019 auf 24,6 Prozent anstieg. Allerdings untersuchte die Studie ausschließlich elektronische Festivals. Eine Studie von „Pitchfork“ zeigt die Differenzen bei großen internationalen Festivals im Mainstream-Bereich (Coachella, Lollapalooza und so weiter). 2018 standen im Schnitt 19 Prozent Musiker*innen auf der Bühne, im Jahr davor 14. Verzeichnet wurde überall ein prozentualer Anstieg, doch nach Gleichberechtigung klingt das alles noch lange nicht.

Bestehende Strukturen

Leila Döring, Bookerin vom Indiego Glocksee kritisiert die Programmgestaltung: „Das Ding ist, dass Männer es gewohnt sind, Männer zu buchen. Da sind Strukturen entstanden, über Jahrzehnte, die sich heute so weiterziehen, wenn man niemanden darauf aufmerksam macht“. In der gesamten Veranstaltungsbranche sei der Anteil an Frauen* gering, so auch im Booking. Rock am Ring gibt an, eine „Zusammenkunft diversester Menschen“ anzustreben, stellt aber fast ausschließlich weiße Cis-Männer auf die Bühne. Das wirkt sich, Leila zufolge, auch auf das Publikum aus: „Ich glaube einfach, dass Diversität insgesamt auch ein diverseres Publikum anzieht“, sagt die Bookerin.

Leila arbeitet auch im Booking-Team der hannoverschen Open Air-Konzertreihe „KommRaus“ mit. Dort wurde das Thema Gleichberechtigung immer wieder besprochen, damit nichts in gewohnte Strukturen zurückläuft, sondern stehts geistesgegenwärtig gebucht wird. Gemeinsam stellte das Team ein möglichst diverses Lineup auf die Beine und präsentiert unter anderem Finna, Thundermother und The Toten Crackhuren im Kofferraum. Bei Musiker*innen und Labels beachtet das Team deren politische Einstellung. Aber auch hier ist das Programm nicht 50/50.

Diskussion über Rock am Ring @ Instagram [1]

Quotenspielerinnen

Häufig diskutiert und als Lösungsmethode herangezogen wird eine Frauen*quote. Rock am Ring gaben auf ihrem Instagram-Account an, dass sie eine solche Quote nicht für die Lösung halten, „weil das Problem ja bereits vor dem Booking beginnt“. Eine Erläuterung, was damit gemeint ist, gibt es nicht. Leila sieht Booker*innen und Veranstalter*innen aber in der Verantwortung, divers zu buchen. Eine Frauen*quote lehnt sie ebenfalls ab: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass keine Band aus Quotengründen gebucht werden möchte. Also ich möchte auch niemanden aus Quotengründen anfragen, das ist respektlos der Kunst gegenüber“. Ein weiteres Problem sind Kritiker*innen, welche die Musikerinnen diskreditieren, indem sie ihnen vorwerfen, nur wegen der Quote gebucht worden zu sein. Das tun sie, Leila zufolge, sowieso, auch wenn es keine Quoten gibt. Männer hätten häufig Schwierigkeiten damit, zu akzeptieren, dass andere ihren Platz einfordern, und sich selbst zurückzunehmen. Vielleicht wäre eine vorübergehende Regelung keine schlechte Idee, um eine Art Selbstverständlichkeit herzustellen. „Doch wer will dann die Quotenspielerin sein?“, fragt sich Leila.

Bessere Lösungen

Die Lücke lässt sich auch anders schließen. Eine generelle Auseinandersetzung mit dem Thema ist wichtig, um überhaupt zu realisieren, dass die Differenz immer noch so groß ist. Fördergelder, die ein Festival gern nutzen möchte, können eine Rolle spielen. „Wenn du die Leute dazu zwingst, sich damit auseinanderzusetzen, weil sie die Gelder nutzen wollen, nimmt es vielleicht etwas von der Angriffsfläche mit der Quote“, sagt Leila dazu. Besonders, wenn Veranstalter*innen international buchen, sind weibliche Musikerinnen leicht zu finden. Warum nimmt Rock am Ring nicht Bikini Kill oder The Distillers ins Programm auf? Und kleinere Bands zu finden, mag vielleicht mehr Aufwand sein, aber es lohnt sich, sich mit diverser Musik zu beschäftigen, „weil man viel verpasst, wenn man es nicht tut“, so Leila. Für sie ist momentan noch offen, in welche Richtung sich die allgemeine Einstellung zu dem Thema entwickeln wird. Entweder schließen sich diejenigen unter den Booker*innen, die ihre Arbeit für gerechtfertigt halten, zusammen und stellen sich gegen mehr Diversität, oder es kommt genug öffentlicher politischer Druck auf, um die Prozentzahlen weiter Richtung 50/50 zu drücken.

(Foto: Pressefoto/songsimian.com/Copyright: CC BY-NC-SA 2.0 [2])

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