Matthias Rohl
28. Dezember 2010

Filmgeschichte(n): „Terminator“

Nach einem Vierteljahrhundert endlich ungeschnitten: James Camerons meisterliche Cyborg-Phantasie

In der postnuklearen Welt des Jahres 2029 kämpfen die letzten überlebenden Menschen, angeführt von John Connor, in einem verzweifelten Guerilla-Krieg gegen eine Übermacht intelligenter Maschinen. Der Zentral-Computer „Skynet“ schickt den Cyborg T-800 (Arnold Schwarzenegger) zurück in die Vergangenheit des Jahres 1984. Um den Widerstand der Menschen zu brechen, soll der „Terminator“ Connors Mutter Sarah (Linda Hamilton) töten, damit deren Sohn niemals geboren wird. Im Gegenzug schickt John Connor seinen besten Freund und Kampfgefährten Kyle Reece (Michael Biehn) in die Vergangenheit, um seine Mutter und damit die Menschheit zu retten. Auf den Straßen des nächtlichen Los Angeles entbrennt zwischen Mensch und Maschine ein erbarmungsloser Kampf auf Leben und Tod, der nur einen Sieger kennt…

“Terminator”, Filmplakat

Intelligent konstruierte Zeitreise: „Terminator“, Filmplakat

Traum vom Übermenschen

Mit „The Terminator“ (1984) gelang James Cameron, einst Schüler des „King of B-Movies“ Roger Corman, bei lediglich sechs Millionen Dollar Produktionskosten sein bis heute bester Film. Fast mag es dem Betrachter vorkommen, als sei Camerons Version der „Mensch-Maschine“ nicht nur jenes seit Fritz Langs Meilenstein „Metropolis“ (1927) wohlbekannte zentrale Element im Bilderkosmos des Science-Fiction-Genres, sondern zudem eine kinematographische Variation auf Nietzsches Zarathustra: „Und Zarathustra sprach also zum Volke: Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll.“ Schon in Nietzsches Figur des altpersischen Weisen schwingt die anthropotechnische Phantasie der Vorstellung von einem künftigen Menschen mit, der als Zwittergestalt und hybrider Held in orientalisch eingefärbter Bildersprache eine Vorahnung auf das 20. Jahrhundert wirft, in dessen Kinowelt Androiden, Replikanten und Cyborgs den gefährlichen Traum vom „Übermenschen“ in eine zeitgemäße Bildersprache übersetzen.

“Terminator”, Filmszene

Die Rolle seines Lebens: Arnold Schwarzenegger als „Terminator“

Folgt man den hellsichtigen Anregungen des Philosophen Josef Früchtl, lässt sich in Camerons meisterlicher Regie eine Fortschreibung der großen religioiden Erzählung erkennen, derzufolge die paradoxe Zeitreise der beiden Gegenspieler Terminator und Kyle Reece der rückwirkenden Kraft der Geschichts(um)deutung eine jüdisch-christliche Wendung gibt: Das Jüngste Gericht macht retroaktives Handeln und Erlösung erst möglich – ein Umstand, auf den die Sequels „The Terminator – Judgement Day“ (1991) und „Terminator Salvation“ (2009) bereits in ihren Untertiteln anspielen. Die Figur der Sarah Connor, Mutter des Guerilla-Kämpfers, fungiert in dieser Lesart bereits mit ihrem Vornamen als Anspielung auf die biblische Urahnin des auserwählten Volkes Israel. Ihr Sohn John wiederum, den sie mit Kyle Reece bei seiner Ankunft im Jahr 1984 auf der Flucht vor dem Terminator in einem Motelzimmer zeugt, hat die Initialen J.C., die man als diejenigen des Gottessohnes Jesus Christus deutet darf (indes wäre an dieser Stelle auch die profane Pointe J.C. = James Cameron nicht ohne Reiz).

Postfuturistische Selbsterschaffung

Doch Josef Früchtl geht noch einen Schritt weiter, wenn er den Terminator in seiner Hypermaskulinität als Archetypus männlicher Übermenschlichkeit deutet – als „Supermaskulinität, die sich als Legierung eines prämodernen virilen Körperbildes und hochmoderner, filigraner Technik erweist, als Techno-Gladiator“. Es ist in dieser Hinsicht dann keineswegs mehr überraschend, in der postfuturistischen Verschmelzung des industriellen Stahlskeletts mit menschlichem Gewebe ein Produkt des Frankenstein-Traums zu erblicken – den der menschlich-männlichen Selbsterschaffung. John Connor erschafft sich im zweiten Teil der Terminator-Welt nicht nur seinen Ersatz-Vater und Beschützer, indem er ihn „erzieht“, er programmiert ihn zudem im Kampf gegen „Skynet“ und schickt ihn in die Vergangenheit zurück, um nicht nur seine Mutter, sondern vor allem sich selbst und damit die Menschheit zu retten.

“Terminator”, Filmszene

Paradoxes Paar: Sarah Connor (Linda Hamilton) schmiegt sich an den aus der Zukunft stammenden Kyle Reece (Michael Biehn), mit dem sie gleich ihren Sohn John zeugen wird

Mary Wollstonecraft Shelleys 1818 veröffentlichter Roman „Frankenstein oder Der neue Prometheus“ wusste noch nichts von „kybernetischen Organismen“, doch die Schauergeschichte des Wissenschaftlers Victor Frankenstein, der eine Kreatur aus Leichenteilen erschafft, darf motivgeschichtlich als Vorläufer all jener Androiden und Cyborgs ins Kalkül gezogen werden. Arnold Schwarzeneggers Techno-Gladiator „T-800“, Ridley Scotts Replikanten in „Alien“ und „Blade Runner“, der Android David in Steven Spielbergs „A.I.“ sowie die „Pre-Cogs“ in „Minority Report“: Stets konfrontieren uns diese Übermenschen-Träume an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine respektive Biologie und Mathematik mit einer der zentralen Fragen in der Geschichte der Philosophie: Wie lässt sich, entlang des Körper-Geist-Problems, die Grenze zwischen Selbst- und Fremdreferenz ziehen und beschreiben? Nicht selten avancieren dabei im Kino die Maschinen zu „besseren“ Menschen“. James Camerons Meisterstück, das ein Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen endlich ungeschnitten zu sehen ist, lässt in keiner Sekunde die souveräne Ökonomie und Logik des Plots schleifen. Sein filmgeschichtlich bedeutender Beitrag zur intelligent konstruierten Paradoxie der Zeitreise gewann dem Science-Fiction-Genre noch einmal neue Schauwerte ab und endet offen: Am Schluss des Films zieht ein schwerer Sturm auf – Vorbote einer atomar-dystopisch versinkenden Welt.

nächste Folge:
„Bram Stoker’s Dracula“
Mythen-Reservoir der Überschreitung: Francis Ford Coppola schwelgt im opulenten Blutrausch

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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