Marc Mrosk
5. Januar 2011

Zwischenstationen

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 7: Warten auf Anschluss am Kröpcke

Um kurz vor ein Uhr nachts knisterte das Zigarettenpaper, als ich es aus der Schachtel zog, in meiner Hand. Sonst war nichts zu hören. Es herrschte vollkommene Stille. Ich nahm mir eine Zigarette aus der Schachtel, steckte sie mir in den Mund und kitzelte den Filter hinten mit meiner Zunge. Ich überlegte, ob ich sie mir anstecken sollte, trotz des vorgeschrieben Rauchverbots, doch mein Innerstes verlangte nach Nikotin. Ich blickte zu meiner rechten Seite, sah die silbernen Sitze und frage im Flüsterton, ob es jemanden der Fahrgäste vielleicht missfallen würde, wenn ich hier und jetzt eine Zigarette rauchen würde.

Station Kröpcke

U-Bahn-Station Kröpcke: die wichtigste Station in Hannover mit täglich bis zu 150.000 Fahrgästen

Was folgte, war allgemeines Schweigen. Ich bedankte mich für das kollektive Entgegenkommen mit einem Nicken, griff in meine Umhängetasche, um an mein Feuerzeug zu gelangen, und bekam stattdessen eine Flasche Bordeaux zu fassen. Kurz darauf fischte ich auch noch einen 0,2-Liter-Plastikbecher heraus. „Würde es die hier anwesenden Fahrgäste eventuell stören, wenn ich zu meiner Zigarette ein Becher Rotwein trinke?“ Die Reaktion war wie erwartet nicht viel anders, als nach meiner ersten Frage. Ich bedankte mich bei meinen toleranten hannoverschen Mitbürgern mit einem Nicken, das diesmal fast zu einer Verbeugung wurde.

Gebratene Nudeln und Tampons

Ich rauchte und trank, und niemand störte sich daran. Auch nicht der salopp gekleidete Mann in den frühen Vierzigern, der um kurz nach 18 Uhr auf dem dritten Sitz von links Platz genommen hatte, um auf die Linie 2 nach Rethen zu warten. In seinem Rucksack befanden sich ein Buch über Hydraulik, eine Packung Mentos, reduzierte Rasierklingen aus dem Supermarkt und ein gebrannter Pornofilm auf einem DVD-Rohling. Ich trete vor seinen Sitz, proste ihm zu, doch er blickt einfach durch mich hindurch. Ich versuche mein Glück bei seiner Nachbarin. Sie wäre seine Nachbarin geworden, hätte er auch noch zwei Stunden später hier gesessen. Er wäre vermutlich auf ihre China-Box gefüllt mit gebratenen Nudeln, die sie in sich hineinschaufelte wie ein ausgehungerter Wolf, aufmerksam geworden. Was er nicht gewusst hätte, wäre, dass sie in ihrer heutigen Zigarettenpause nicht wenige Meter vor dem Mobilfunk-Fachgeschäft, in dem sie arbeitete, stand, um eine zu rauchen, sondern auf der Mitarbeiter-Toilette einen Schwangerschaftstest machte. Das Ergebnis war positiv. Sie wartete auf die Linie 1 Richtung Laatzen. In ihrer schwarzen Damen-Handtasche lag zwischen einem Lidschattenstift und einigen Tampons ihr Handy, auf dem vier Anrufe in Abwesenheit angezeigt wurden, und jeder der erfolglosen Anrufer könnte der Vater sein.

Plakatwand in U-Bahn-Station

Überall Augen. So weit das Auge reichte…

Auf der anderen Seite mit dem Fahrtziel Langenhagen-Zentrum wartete die 33jährige Nelli um die Mittagszeit auf die Linie 1, während ihr Blick an einem kleinen Mädchen haften blieb, das stumm ein Lied aus ihrem Mp3-Player mitsang. Nelli verfolgte die Lippenbewegungen und versuchte den Song zu erraten, allerdings ohne Erfolg. Vielleicht hätte ihr die Wahrsagerin, die um halb fünf auf der Sitzreihe weiter links den Klappentext einer Max Schmeling-Biografie durchlas und dauernd dabei die Stirn runzelte, helfen können. Wahrscheinlich ahnte sie hier schon, dass das doch nicht das richtige für ihren Sohn war, den sie schon seit sieben Jahren nicht mehr gesprochen hatte und mit dem sie nun mit einem kleinen Geschenk wieder Frieden schließen wollte.

Verzögerungen und schwarze Gedanken

„Liebe Fahrgäste, auf Grund der Wetterbedingungen kommt es zu Verzögerungen unserer Stadtbahnen“, hallte es wenig später aus den Lautsprecherboxen. „Ich hab’s doch gewusst“, flüsterte die Wahrsagerin in sich hinein. Um Punkt 13:45 Uhr ging ein junger Mann, dessen Arbeitsvertrag bei einer Reinigungsfirma nicht verlängerte wurde, nervös auf dem Bahnsteig auf und ab. Dann schließlich suchte er sich einen Platz, wischte mit seinem Taschentuch über die Sitzfläche und setzte sich hin. Er stieg sechs Minuten später in die Linie 8 Messe/Nord und dachte sich, dass er genauso gut auch hätte drunter liegen können.

Sitzplätze in U-Bahn-Station

U-Bahn-Wartesitze: Plätze, die früher oder später jeder Hannoveraner einmal einnehmen wird

Nur eine halbe Stunde später setzte sich ein Mann Anfang zwanzig genau auf jenen geputzten Sitz, den der junge Mann gerade geputzt hatte, und war erleichtert, am heutigen Tag seine Prüfung als Sanitäter bestanden zu haben. Plötzlich musste er lachen, als er über einen Fall nachdachte, bei dem ein 16-jähriger auf einer Party versucht hatte, betrunken mit seinem Penis eine Wallnuss zu knacken. Die Wallnuss blieb ganz und der Bruch war inzwischen verheilt. Die Leute blickten verwundert zu dem in sich hineingrinsenden jungen Mann. Am Ende des Bahnsteigs stand ein Junge von knapp zwölf Jahren und filmte mit seinem Handy die vorbeiziehenden Stadtbahnen. „Ich werde den Film ‚U-Bahn-Dschungel‘ nennen“, sagte er zu sich und puzzelte geistig schon die Dramaturgie zusammen. Um kurz vor 18 Uhr wurde es dann richtig voll. Feierabend. Alle Plätze waren nun belegt und ich musste meine Zigarette ausmachen, bevor sich am Ende doch noch jemand beschwerte. Ich trank meinen letzten Becher Wein leer und verließ den Schauplatz. Alles in allem war es ja nur eine Zwischenstation. Man steigt ein, man steigt aus, man steigt um. Das Schöne ist doch, dass es immer weiter geht, auch wenn es manchmal, meine lieben Fahrgäste, zu einigen Verzögerungen kommt…

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur, Lokales, Lokalitäten

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