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Seitenansicht: „Getriebene“ von Armin Wühle

Armin Wühle: „Getriebene“, Buchcover

Von den Auswirkungen eines Bürgerkriegs, dem Kampf um Menschlichkeit und dem Verlust der ersten Liebe: Armin Wühles Debüt „Getriebene“

Wie gehen wir mit dem Elend in der Welt um? Was sagt Kriegstourismus eigentlich über unsere Gesellschaft aus? Und wie funktioniert guter Journalismus? Diesen und noch vielen weiteren Fragen stellt sich der Autor Armin Wühle in seinem Debüt-Roman „Getriebene“, der im Februar 2021 im S. Marix Verlag beziehungsweise im Verlagshaus Römerweg erschienen ist.

In Thikro herrschen auch einige Zeit nach dem Bürgerkrieg noch immer Ausnahmezustände. Die fiktive, aber von der erschütternden Realität inspirierte Stadt, ist gezeichnet von Bombardierungen und fehlender Menschlichkeit. Der Kriegstourismus hat sich breit gemacht, weil die Menschen in Thikro einen Ausweg aus der prekären Lage suchen. Das kommt den neugierigen Tourist*innen gerade recht. Während auf der einen Seite der Mauer ein buntes Treiben à la Ballermann herrscht, müssen auf der anderen Seite noch immer Menschen im Krieg um ihr Leben bangen.

In dieser erschreckend ambivalenten Welt aus Angst und Hoffnung treffen wir auf die drei Protagonist*innen des Romans. Der Journalist Vincent reist nach Thikro, um eine reißerische Reportage über die Lage dort zu verfassen. Die junge Aktivistin Cora muss nach einem komplizierten Vorfall in ihrem Heimatland Zuflucht in Thikro suchen. Und der Dolmetscher Milo ist selbst in der Stadt aufgewachsen und hat somit den Krieg hautnah miterlebt. Vielseitiger und unterschiedlicher könnten die Charaktere nicht geschrieben sein. Alle drei gehen auf individuelle Weise mit ihrem Schicksal um und werden immer wieder mit Fragen der Moral konfrontiert. Außerdem wird das Geschehen aus allen drei Perspektiven erzählt. Dennoch gibt es einige spannende Zusammenhänge zwischen den Figuren, welche sich im Laufe der Handlung immer wieder zeigen und diese zu etwas ganz Besonderem und vor allem zu einer emotionalen Achterbahnfahrt machen…

Es gelingt Armin Wühle mit seinem klaren und dennoch kreativen und detaillierten Schreibstil, eine Welt aus sprachlichen Bildern zu kreieren, die den Leser*innen das Geschehen unmittelbar nahebringen und in ihren Bann ziehen kann. Trotz der vielschichtigen Handlungstränge schafft es Wühle, eine in sich stimmige Geschichte zu schreiben, die definitiv zum Nachdenken und eventuell sogar zur Selbstreflexion anregt. Letzteres bedeutet zwar auch, dass es durchaus nötig ist, den Roman sehr aufmerksam zu lesen, aber gerade das ermöglicht es den Leser*innen, sich in die Situation hineinversetzen und auch ein wenig zwischen den Zeilen lesen zu können. Trotz der grausamen Beschreibung einer realitätsnahen Welt, bietet der Roman auch einige Lichtblicke, welche die Handlung gelungen abrunden.

Der Autor macht deutlich, wie mannigfaltig die unterschiedlichen Akteur*innen unserer Gesellschaft mit solchen Situationen umgehen. Die einen zeigen Mitgefühl, die anderen müssen es ertragen, und manch einer versucht aus dem Leid anderer Profit zu schlagen. Armin Wühle zeigt mit „Getriebene“, dass sich Literatur durchaus engagieren und positionieren kann und manchmal sogar muss. Er betont selbst, dass Autor*innen dieses Potenzial als Personen der Öffentlichkeit nutzen sollten.

Im Rahmen eines Seminars an meiner Universität durfte ich den Autor bereits selbst treffen und zu seinem Schaffen befragen. Besonders beeindruckt hat mich im Gespräch mit ihm seine emotionale Bindung zu seinem Debüt-Roman und mit welcher Sorgfalt er die Grundlage dafür recherchiert und letztlich verschriftlicht hat. Ich möchte dieses Buch insbesondere denjenigen ans Herz legen, die beim Lesen nicht davor zurückschrecken, sich auch mit kritischen Themen auseinanderzusetzen. Aber ich bin mir sicher, dass „Getriebene“ auf Grund der vielschichtigen Handlung und Charaktere in der Tat einen breiten Leser*innenkreis beeindrucken kann.

Armin Wühle hat Kreatives Schreiben in Hildesheim und anschließend Geschichte und Soziologie an der Universität in seiner aktuellen Heimat Hannover studiert. Im Jahr 2016 reiste er im Rahmen eines Fellowhsips nach Sarajevo und begab sich im folgenden Jahr auf eine Recherchereise in den Libanon. Wühle war Finalist des 25. Open Mike, Stipendiat des Klagenfurter Literaturkurses und hat mit seinem Theaterstück „Die Ungetrösteten“ den dritten Platz beim Kosmodrom-Stückewettbewerb belegt. „Die Ungetrösteten“ Stück wurde im Mai 2021 in Bregenz uraufgeführt.

Inzwischen schreibt Wühle bereits an seinem nächsten Buch, welches laut eigener Aussage etwas ganz anderes als der letzte Roman werden soll – und auch in der Welt des Theaters können wir uns in Zukunft noch auf einige spannende Projekte des Hannoveraners freuen.

Armin Wühle: „Getriebene“, 360 Seiten, S. Marix Verlag/Verlagshaus Römerweg, ISBN: 978-3-7374-1160-8, 20 Euro

(Foto: Buchcover)

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