Anny Bader
31. August 2021

Punkerin und Bookerin

Eva Rölen erzählt im Interview von ihrer Band The Photsans, ihrer Booking-Agentur, Schwierigkeiten im Musik-Business und dem Band-Leben während der Pandemie

Eva Rölen als Frontfrau von The Photsans auf der „KommRaus“-Bühne in Ricklingen

langeleine.de: Endlich wieder auf der Bühne! Ist das Euer erstes Konzert seit Pandemie-Beginn?

Eva Rölen: Unser letztes Konzert war am 6. März 2020. Es war echt krass und war für viele Leute in Berlin das letzte Konzert vor Corona. Wir sind superhappy, dass das heute geklappt hat.

ll: Warum habt Ihr keine eigenen Songs?

Eva: Für uns war es wichtig, den Spaßfaktor vorne dran zu haben. Wir sind eher eine Party-Band. Viele aus unserer Band haben zweite Projekte. Caro hat als Schlagzeugerin mehrere Projekte, wie das ja oft bei Schlagzeuger*innen ist. Sie spielt bei Protokumpel und hat bei Divakollektiv gespielt. Ich kenne Caro seit ich 14 oder 16 bin, wir sind seitdem befreundet. Holle spielt in einer Band namens Deadly Habit. Ich hatte damals auch eine andere Band und wir haben einfach gesagt, es soll nicht darum gehen, Karriere zu machen, sondern einfach nur eine gute Zeit zu haben und ein bisschen auf Klassenfahrt zu fahren. Wir haben uns in einer Bar gegründet und gesagt: „Lasst uns doch einfach Coversongs von den geilen Songs aus unserer Jugend auf Punkrock machen!“

ll: Woher kennt ihr Euch?

Eva: Wir kennen uns über Freunde von Freunden und Freunden von Freunden. Also ich bin damals nach Berlin gezogen und hab die dann alle so kennengelernt, einfach über Bekannte. Witzigerweise ist die Punkrock-Musikszene aus Berlin sehr mit der in Köln verbunden, und ich hab damals in Köln in einer Band namens Strandgut gespielt. Das war meine erste Band.

ll: Was hat es mit dem Song „Punk-Opa“ auf sich? Das ist ja Euer einziger Track auf Spotify.

Eva: Ich hab zwei Jahre bei Audiolith im Booking gearbeitet. Und die haben einen Sampler rausgehauen. Darauf ging es darum, Audiolith-Bands zu covern. Da hat mich mein Chef gefragt, ob wir als Coverband nicht Lust hätten, etwas zu covern. Ich war damals die Bookerin von Tubbe und dann haben wir eben was von denen gemacht. Ehrlich gesagt, aus lauter Faulheit war das der einzige Song, den wir jemals aufgenommen haben. Ist ein bisschen schade, weil das eigentlich nicht repräsentativ zu unserem Set ist. Eigentlich machen wir 80er-/90er-/00er-Hits, aber es hat trotzdem viel Spaß gemacht, den Song aufzunehmen.

ll: Habt Ihr generell vor, mal etwas aufzunehmen, auch wenn es Covers sind?

Eva: Ja, definitiv. Bei uns war es immer so ein bisschen schwierig, weil wir nicht sicher waren, ob das jetzt okay ist mit dem Copyright. Und ob das zu viel Aufwand ist, das zu registrieren, und über irgendwelche Labels rauszubringen. Deshalb waren wir da ein bisschen faul. Aber jetzt haben wir auf jeden Fall den Plan, das Jahr noch auszunutzen und etwas aufzunehmen. Zumindest irgendwie drei Songs, so dass die Leute wissen, was wir so machen.

ll: Habt Ihr Vorbilder im Punk?

Eva: Me First and the Gimme Gimmes war einer der Gründe, warum wir uns gegründet haben. Die machen eigentlich das, was wir machen, aber eben aus dem Amerikanischen heraus. Die covern viele amerikanische Country-Songs. Wir haben dann gesagt: „Warum machen wir das nicht mit dem, was in unserer Kultur präsent ist und was wir halt in den 90ern mitgenommen haben? Sowas wie „Barbie Girl“ oder Roxette oder so. Dann können wir das ja ganz gut übersetzen. Me First and the Gimme Gimmes sind glaube ich der größe Einfluss, den wir haben.

ll: Ihr habt ja heute als Vorband von The Toten Crackhuren im Kofferraum gespielt. Wie kam der Kontakt zustande?

Eva: Dadurch, dass wir alle in Berlin wohnen. Wir sind gute Freunde und haben den gleichen Freundeskreis. Dann haben wir gemerkt, dass wir vom Humor her und unserer ganzen Denkweise gut zusammen passen. Ich glaube, dass Leute, die die Crackhuren gut finden, vielleicht auch uns ganz gut finden.

ll: Spielt Ihr jetzt noch mehr Konzerte zusammen?

Eva: Mit Corona ist das ja relativ schwierig. Mit Lulu und die Einhornfarm haben wir schon zweimal gespielt, einmal in Hamburg und einmal in Berlin. Das ist Lulus (Anm. Luise Fuckface von den Crackhuren) anderes Projekt, das ein bisschen mehr punk ist. Echi, also Thomas Echelmeier, der Bassist, spielt auch da mit.

ll: Wann und wodurch stand dann fest, dass Ihr gemeinsam auftretet?

Eva: Weder wir noch die Crackhuren haben ein Management. Dadurch war es eher so, dass man sich in einer Kneipe trifft und sagt: „Ah, Ihr spielt in Hannover, können wir nicht Eure Vorband sein?“

ll: Achtet Ihr bei Eurer Crew darauf, dass viele FINTA+ Personen dabei sind?

Eva: Ich meine dadurch, dass wir natürlich auch Frauen sind, haben wir auch weibliche Freunde. Das ergibt sich dadurch ein bisschen. Man unterstützt sich gegenseitig sehr in der Szene, so dass man sagt: „Hey cool, Ihr macht Sachen, wir machen Sachen, lasst uns doch Sachen zusammen machen“. Es gibt keine Ausschlusskriterien, aber das ist etwas, das sich sehr angenehm ergibt.

ll: Du hast ja auch ein eigenes Label gegründet. Wie kam es dazu?

Eva: Ich mache Musik, seitdem ich ein Teenager bin. Nach dem Abi fragt man sich dann schon, was man eigentlich machen will. Bei mir stand außer Frage, dass es etwas mit Musik ist. Es ging in Richtung Management und ich war bei Booking-Agenturen angestellt. Dann hat man aber nicht so die Kontrolle darüber, wen man eigentlich bucht oder was man macht. Der Chef sagt dann: „Okay, buch mal die und die Band“, und du machst es dann halt. Das war auch cool für eine Weile und ich habe unglaublich viel gelernt, aber es war von der Diversität relativ langweilig für mich. Es hat irgendwo schon meinem Geschmack entsprochen, aber ich kannte viele andere Bands, die ich gern buchen wollte. Und das kannste halt machen, wenn Du selbstständig bist. Audiolith habe ich sehr geliebt, aber das war alles sehr elektronisch und nicht so ganz meine Szene, ich komme aus dem Punk und wollte Bands aus meiner Szene unterstützen.

ll: Worauf legst du am meisten Wert?

Eva: Ich lege am meisten Wert darauf, dass es Aufbauarbeit ist. Also dass man kleineren Bands eine Chance gibt, die vielleicht ein bisschen unterm Radar sind. Es ist kein Label, sondern eine Booking-Agentur. Es geht also nicht darum, die Platten rauszubringen, sondern die Bands live zu buchen. Und mit eigener Booking-Agentur und vielen Angestellten ist es schwierig, Aufbauarbeit zu leisten. Das ist sehr viel Arbeit und kostenintensiv, das heißt eher unrealistisch für große Booking-Agenturen.

ll: Du willst also, dass Deine Bands gebucht werden und somit bekannter werden. Wie machst Du das?

Eva: Eine Mischung aus Support, Festivals und Headline-Shows mit lokalen Vorbands. Das ist eigentlich die Herangehensweise. Also, zu versuchen, auf ein Festival zu kommen, auch wenn sie dann nur Opener sind und um 18 oder 19 Uhr spielen. Damit sie eine möglichst gute Reichweite haben. Support ist supersuperwichtig am Anfang, wenn die Bands noch nicht so bekannt sind. Es ist wichtig, dass geguckt wird, dass es passt. Ich bin immer Fan davon, Bands zusammenzulegen, die nicht hundertprozentig die gleiche Musik machen, aber trotzdem aus der gleichen Szene kommen. So bleibt es auf eine Art und Weise interessant, denn keiner will fünf gleiche Bands an einem Abend sehen. Das ist megalangweilig. Das hat Audiolith auch immer gut gemacht. Heute Abend ist auch ein gutes Beispiel. Unsere Musik ist total anders als die Crackhuren, aber wir sprechen das gleiche Publikum an. Obwohl wir mehr Punk sind und die mehr Elektro, sprechen wir die gleiche Zielgruppe an.

ll: Was ist Dir beziehungsweise Euch im Publikum wichtig?

Eva: Dass die Leute eine gute Zeit haben.

Schlagzeugerin Caro: Dass sie uns ein gutes Gefühl geben. Dumme Sprüche wie „Ausziehen!“ habe ich zum Glück schon lange nicht mehr gehört. Das Publikum heute, nach dem langen Lockdown, hat uns ein richtig geiles Gefühl gegeben. Die haben nicht nur gesessen, sondern mitgemacht, mitgetanzt und mitgesungen. Die haben uns viel gegeben.

Eva: Ich glaube, darum haben diese Online-Streams in der Pandemie nicht so gut funktioniert. Du brauchst halt diese Reflexion vom Publikum. Das ist ein Energie-Austausch, Du gibst was heraus und es kommt was zurück.

ll: Was habt Ihr denn die ganze Pandemie über gemacht?

Eva: Überlegt, wie man weiter macht im Leben (lacht). Ne, also ich meine für mich war es eine Identitätsfrage. Wenn Du Dein ganzes Leben lang Musik gemacht hast und mit Bands gearbeitet hast und plötzlich ist alles weg. Man identifiziert sich ja zu einem gewissen Teil darüber und fragt sich, wie man die Zeit mit anderen Dingen verbringen kann. Es war aber auch eine gute Chance. 2020 war für mich ein extrem wichtiges Jahr, um mal runterzukommen von den vielen Touren und dem Stress. 2021 war dann eher frustrierend, weil es einfach nicht wieder losging. Der ausschlaggebende Punkt war dann dieses Konzert heute, weshalb wir viel geprobt haben.

Gitarrist Holle: Wir sind auch richtige Corona-Streber und haben uns ein Jahr lang nicht getroffen. Wir haben die Regeln immer eingehalten, und wenn es verboten war, sich mit mehr als einer Person zu treffen, haben wir das auch nicht gemacht. Auch nicht heimlich.

Eva: Man nimmt sich sehr viel vor, und wir haben uns gesagt, wir nehmen nun endlich mal etwas auf. Das machen wir jetzt auch. Bei Konzerten fragen Leute immer, ob wir irgendwelche Aufnahmen haben. Und wir haben halt keine. Das ist ein Copyright-Issue, deshalb bin ich ein bisschen vorsichtig. Aber wir haben uns auf jeden Fall dieses Konzert zum Anlass genommen, zu proben und alles zu verfeinern.

ll: Woher kommt eigentlich der Name GRöli?

Eva: Ich heiße Rölen mit Nachnamen. Mir war es ein großes Anliegen, mit dieser Firma klarzumachen, dass ich das buchen will, worauf ich Bock habe. Deswegen habe ich meinen Namen da mit reingebracht. Caro nennt mich immer Röli. Dann war mal ein Kumpel von uns im Proberaum, hörte mich singen und sagte: „Haha, Röli ist eher GRöli“. Und dann war mein Spitzname GRöli. Wie gesagt, mir geht es einfach darum, die Leute zu unterstützen, auf die ich Bock habe und die ich musikalisch gut finde. Deswegen wurde es dann GRöli Musik.

(Foto: Anny Bader)

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Kategorien: Menschen, Musik

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