Susanne Viktoria Haupt
7. Februar 2011

Hinter der Fassade

Seitenansicht: „Pigeon English“ von Stephen Kelman

Stephen Kelman: “Pigeon English”, Buchcover

Stephen Kelman: „Pigeon English“, Roman, 304 Seiten, Berlin Verlag, ISBN-13: 978-3827009753, 19,90 Euro

Harrison ist 11 Jahre alt und stammt aus Ghana. Nun lebt er mit seiner Mutter und seiner Schwester in London – aber nicht irgendwo zwischen Big Ben und Tower Bridge, sondern direkt im Sozialviertel, wo die Fahrstühle nach Pisse stinken. Schnell lernt er, auf welchen Spielplatz er gehen darf, welche Ecken welcher Gang gehören, und dass die Angst, einfach mal zusammengeschlagen zu werden, realer Natur ist. Er setzt alles daran, seine Umwelt besser zu verstehen, denn das meiste, was sich zwischen den hohen Plattenbauten abspielt, ist nur Fassade. Als ein Nachbarsjunge erstochen wird, stürzen sich Harrison und sein bester Freund zwischen jugendlichem Leichtsinn und intensiver Reflexion in die Detektivarbeit. Sie nehmen Fingerabdrücke mit Klebeband, philosophieren über verräterische Gesichtsausdrücke und geraten schließlich selbst ins Visier der Täter.

Stephen Kelman, aufgewachsen in einem Londoner Arbeiterviertel, hat sich jahrelang mit einfachen Arbeiten durchs Leben geschlagen. Nun ist ihm mit „Pigeon English“ ein bemerkenswertes Roman-Debüt gelungen, das die harte Seite des Daseins aus der Sicht eines intelligenten kleinen Jungen zeigt, ohne dabei die kindliche Naivität ins Lächerliche zu ziehen. So unschuldig wie eine Haribo-Tüte und gleichzeitig so rau wie Asphalt.

„Seitenansicht – die Kritik zum Einstecken“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius, wo sie als Postkarte erhältlich ist.

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Kategorien: Literatur

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