Marc Mrosk
5. Februar 2011

Straße der Dämmerung

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 8: Zwei Location-Scouts checken die Stadt

Als es langsam anfing zu dämmern, gingen wir los. Becker hatte sich am Flughafen in Langenhagen ein Taxi genommen und ließ sich am Berliner Platz absetzen. Wir überschritten die Grenze nach Hannover und machten uns auf in Richtung Innenstadt. „Wie war dein Flug?“, fragte ich ihn. „Hoch“, gab er knapp zurück. „Freut mich, und was jetzt?“ „Jetzt zeig mir die Gegend. Ich brauche ein paar Eindrücke für den Film, den ich in Hannover drehen will.“

Kreuzung auf der Vahrenwalder Straße

Zu Fuß unterwegs Richtung Hannover-City: Startpunkt Vahrenwalder Straße

Wir gingen rauchend die Vahrenwalder Straße entlang und er erzählte mir von seinem Filmprojekt, dass er vor einigen Tagen, als er mir seinen Besuch in Hannover am Telefon ankündigte, schon erwähnt hatte. Ich sagte ihm, dass wir einmal quer durch die Stadt gehen sollten, damit er sich in aller Ruhe an den Ecken und Kanten der „exzentrischen“ hannoverschen Lebenskultur ergötzen könnte, um so Inspiration zu sammeln. Ich sagte ihm außerdem, dass ich vor hatte darüber einen kleinen Artikel zu schreiben und nach kurzer Überlegung gab er sich einverstanden. Unter einer Bedingung: Dass ich nicht seinen echten Namen verwenden würde. „Ich möchte nicht, dass die Presse schon jetzt davon Wind bekommt. Erst muss ich die Gelder an Land gezogen und alles in trockenen Tüchern haben. Sonst steh ich wieder da wie ein Idiot.“ Ich würde natürlich seinen Namen nicht preisgeben, auch würde ich nicht sagen, dass sich für seine bisherigen zwei Filme so gut wie kein Schwein interessiert hat und selbst wenn ich Beckers richtigen Namen nennen würde, diesen sowieso keiner kennt. Außer seiner Mutter. Aber was tut man nicht alles für einen guten Freund. Außerdem hingen wir beide mit unseren Projekten ganz schön durch und da darf man sich schon mal gegenseitig helfen.

Erste Treffer

„Ich brauche eine Straße für eine Verfolgungsjagd“, sagte Becker und seine Zigarette zappelte zwischen seinen Lippen auf und ab. „Zu Fuß oder im Auto?“ „Zu Fuß“, gab er zurück und fuhr fort: „Ist ja auch egal. Die Vahrenwalder wäre perfekt. Sie ist lang und breit, breiter als die Hildesheimer, und schafft echt eine wunderbare Kulisse. Weißt du, ich hatte da an einen modernen Film-Noir-Krimi gedacht. Ich habe außerdem vor, in schwarz-weiß zu drehen.“ Er ging leicht in die Hocke und blickte sich mit schnellen Bewegungen um, als hatte er vor, gleich selbst loszurennen. Dann kamen wir zur Unterführung und über uns rasten die Autos über die A2. „Genau der richtige Platz für die anschließende Schießerei“, sagte er weiter.

Unterführung an der Vahrenwalder Straße

Wie gemacht für Schusswechsel – die Unterführung an der Vahrenwalder Straße

„Der böse Junge schießt den Bullen an und durch den ganzen Lärm hier bekommt das natürlich niemand mit. Der Junge flüchtet weiter und denkt er hätte den Bullen getötet, richtig?“ „Richtig!“, antwortete ich. „Falsch!“, sagte Becker und zeigte mit zwei Fingern, zwischen den seinen Kippe klemmte und vor sich hinqualmte, auf mich. Wir gingen weiter und während er seine Geschichte fortsetzte, wurde der Himmel über uns immer dunkler.

Spannungsaufbau

Atemlos fur Becker fort: „Unser kleiner böser Junge sucht sich einen Ort, an dem er für einen Moment Ruhe findet. Da, der Burger King. Das ist es!“ Becker zeigte voraus und ging einen Schritt schneller. Ich folgte ihm. „Er setzt sich also da rein und mampft einen Burger, als er durch die Fenster einen verwundeten Mann draußen auf der Vahrenwalder erkennt. Es ist der Bulle, der sich umschaut und ganz plötzlich im Burger King dieses kleine Schlitzohr sitzen sieht. Der Junge lässt seinen Burger fallen und flieht weiter im Schutze der Dunkelheit.“

Burger King

Astreiner Platz für einen Burger nach einer handelsüblichen Schießerei: Der Burger King an der Vahrenwalder

Sirenen ertönten in der Ferne und hallten durch die feierabendliche Kulisse von Vahrenwald. Becker drehte sich sofort um und beobachtete den Krankenwagen, der auf der anderen Straßenseite an uns vorbeiraste. „Spürst du es?“, fragte er mich und ich zuckte mit den Schultern. „Was spüren?“ „Hier liegt Blut in der Luft. Ich kann es schmecken.“ Rauchend und schwatzend spazierten wir weiter und fachsimpelten über ein total geniales Verfolger-Szenario, dass seinen Höhepunkt irgendwo vor oder im Hauptbahnhof finden sollte. „Der Junge hat also einen guten Vorsprung, kommt zu einer Telefonzelle und will seinen Partner in Hamburg anrufen, um ihm zu sagen, dass sich der Kontaktmann in Hannover als Undercover-Bulle entpuppt hat und er nun gejagt wird, aber…“ Wir befanden uns mittlerweile auf der Hamburger Allee und Beckers kreativer Wahn schoss weiter durch die jungfräuliche Nacht, beinahe wie ein brennender Flummi durch einen düsteren Schuhkarton.

Telefonzelle

Ein einsamer Ruf durch die Nacht endet in einer bitteren Erkenntnis: Verrat!

Er fuhr fort:“Aber am Apparat meldet sich gar nicht sein Kollege, sondern ein Koksdealer namens Bullauge, der ihm eine Falle gestellt hat. Unser Gauner weiß jetzt, dass er vollkommen allein auf sich gestellt ist und noch immer wird er verfolgt von dem Bullen, dessen Verletzung zwar blutet, ihn aber nicht völlig außer Gefecht setzt. Ist halt ein verdammt harter Hund. So ein Robert Mitchum Typ, weißte?!“ Der Wind wurde immer kälter und im fahlen Schein der Straßenlaternen leuchteten unsere roten Nasen wie die von zwei Clowns und ich dachte nur „wer uns jetzt beobachtet, oder gar zuhören würde, der wird nicht nur durch die Nasen an jene erinnert“. Wir überquerten die Friesenstraße und Becker deutete sofort hinüber zum Erotik-Club „Harem XL“.

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Ort der Verheissungen: Dort wo alles beginnt, oder endet. In „XL“…

Am Ende

„Da versteckt sich unser Gejagter und lernt ein junges Mädchen namens Lulu kennen. Ihr zeigt er ein dickes Bündel von Hundertern, dass er für den Deal aus Hamburg mitgebracht hat und plant mit ihr seine Flucht aus Hannover.“ „Und sie willigt ein?“, frage ich misstrauisch. „Genau! Sie hat nichts mehr zu verlieren. Der Job kotzt sie an und auf diese ganzen schmierigen, notgeilen Typen hat sie auch keine Lust mehr. Das Risiko kann sie durchaus eingehen, zumal unser Gauner ein kleiner Ladykiller ist. Ich stelle mir einen jungen Jean-Paul Belmondo vor, so wie in Godard’s ‚Außer Atem‘. Na, was sagst du?“ „Klingt gut“, sagte ich und steckte mir noch eine Zigarette an. „Und wie endet die Geschichte?“ „In der Friesenstrasse wird unser Belmondo von den Bullen eingekreist und angeschossen. Die Wunde ist zu tief und blutet wie Sau. Er kann sich auf die Hamburger Alle flüchten, stirbt dann aber auf einem Sperrmüll-Stuhl neben einer ausrangierten Waschmaschine, in der er sein ganzes Geld verstecken will.“

Stuhl und Waschmaschine am Wegesrand

Eine dreckige Geschichte nimmt ein „sauberes“ Ende…

„Was passiert mit Lulu?“, wollte ich wissen. „Sie bringt sich im Schusswechsel in Sicherheit und wird dann von den Bullen gestellt.“ „Hast du schon ein Drehbuch?“, fragte ich ihn interessiert. „Nein, aber einen Titel: ‚Straße der Dämmerung‘. Es wird eine Hommage an den großen Billy Wilder.“ „Das gefällt mir“, musste ich zugeben. „Scheiße, ja. Das wird ein genialer Streifen und diese Straße hier scheint wirklich zu passen, wie Arsch auf Eimer.“ Becker zückte seine Zigarettenschachtel und zog mit den Zähnen eine Kippe raus. „Tu mir noch einen Gefallen“, bat er mich. „Klar, was denn?“ „Erzähl bitte keinem von der Geschichte. Die ist Gold wert und bitte, wenn du schon drüber schreiben willst, verwende nicht…“ „Deinen richtigen Name. Ich weiß. Keine Sorge.“ Er lachte und klopfte mir auf die Schulter. Wir gingen lässig die Hamburger Allee entlang, so wie einst Rick Blaine und Kapitän Renault über’s Flugfeld in Casablanca spazierten, und verschwanden schließlich im schwarzen, matten Schein der hannoverschen Nacht. Ende.

(Fotos: Susanne Haupt)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur, Lokales, Lokalitäten

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