Lorenz Varga
8. Oktober 2021

Familienschreie, stark und laut

Heute gibt es im Ballhof Zwei die Aufführung von Angela Lehners preisgekröntem Roman „Vater unser“, in dem es um seelische Kindheitsverletzungen geht

Der Teddybär ist für Eva Gruber (Viktoria Miknevich) nicht das einzige Relikt der Kindheit

Eva Gruber (Viktoria Miknevich) wird von der Polizei ins Otto-Wagner-Spital eingewiesen, einer psychiatrischen Anstalt in Wien mit unrühmlicher Nazi-Vergangenheit. Sie habe eine Kindergarten-Klasse erschossen und den Vater wolle sie obendrein ermorden. In den Therapie-Sitzungen beginnt sie dem Chefpsychiater Doktor Korb ihre Geschichte zu erzählen: vom Aufwachsen in einem erzkatholischen Dorf in Kärnten, vom kleinen, kranken Bruder Bernhard, vom Vater, der erst immer in Bernhards Zimmer ging, bevor er zu ihr kam, vom Auseinanderbrechen und Verlassen der Familie. Doch Evas Angaben sind trügerisch. Bereits in der Schule hieß es: Die Eva lügt immer. Auch für die Zuschauer*innen bleiben ihre Angaben unzuverlässig, eine Grenzgängerin zwischen Realität und Wahn: „Niemand kann von mir verlangen, dass ich diesen Dreck als Leben akzeptiere.“

In der Anstalt trifft sie ihren magersüchtigen Bruder Bernhard wieder, der zunächst den Kontakt meidet. Doch Eva ist manipulativ und gewieft. Sie verschafft sich über Bernhards Anstaltsfreundin einen Zugang und überredet ihn schließlich, gemeinsam den Vater umzubringen. Es entwickelt sich ein abenteuerliches Roadmovie, eine Rückkehr ins Heimatdorf, an den Ort ihrer Verletzungen. „Verletzungen, die sich äußerlich vielleicht schließen, aber innen bildet sich ein Geschwür: Jedes Jahr füllt es sich mehr mit Eiter, nur um eines Tages überraschend zu platzen und den ganzen Menschen implodieren zu lassen wie eine Raucherlunge.“ Man sollte die Verletzungen der Menschen nicht unterschätzen.

Die doppelte Eva: Sarah Dragović und Viktoria Miknevich

Der Abend beginnt mit melancholischen Geigenklängen von Sarah Dragović, die den Abend akustisch und musikalisch untermalt, bevor Viktoria Miknevich das bruchstückhafte Leben der Eva Gruber aus deren Perspektive entfaltet. Doch diese Perspektive ist nicht ungebrochen, so dass Sarah Dragović immer mal wieder als zweite Eva von außen die erste kommentiert, die Zerrissenheit der Protagonistin also auch optisch zur Geltung kommt. Das alles ist so wohldosiert, wie auch die musikalische Untermalung des Abends. Hinzu kommt eine Bühne, die keinen konkreten Ort zeigt, sondern über wenige markante Requisiten Evas Welt entfaltet: Tornister, Teddybär, Babypuppe, Ohrensessel, Parkbank und ein Lichtbogen, der an das echte Spital angelehnt ist. Diese Requisiten werden stets verschoben, durcheinandergebracht, so wie auch Eva stets ihre Realitäten verschiebt und sich eine eigene Welt zusammenbaut. Dabei sind auch die Requisiten mitunter mehrdeutig, etwa ist der Ohrensessel des Vaters zugleich der Therapiestuhl des Psychiaters. Und: Viktoria Miknevich bewegt sich als Eva Gruber äußerst eindrucksvoll in ihrer Welt. Mal ironisch, mal manipulativ, mal wütend, mal verletzlich und ergreifend.

Stets im Wandel: Evas Ballhof-Bühnenwelt

„Vater unser“ ist nicht nur ein lesenswerter Roman, er funktioniert auch als „Monolog zu zweit“ auf der Ballhof-Bühne. Eindringlich entführen uns die zwei glänzenden Akteurinnen in die Welt der seelischen Kindheitsverletzungen, stellen die Frage nach Normalität sowie deren Grenzziehungen, nach seelischen Verletzungen und deren Therapierbarkeit. Auf der Bühne fällt das Porträtbild des Vaters sehr früh, die Mutter ist unsichtbar und nur sporadisch über ihre Stimme präsent. Aber deren permanenter Anwesenheit tut das keinen Abbruch. Es sind Familienschreie. Familienschreie im tiefen Innern, stark und laut, gegen die Eva ankämpft. Doch die Schreie sind zu laut.

Für ihren Roman „Vater unser“ erhielt die österreichische Schriftstellerin Angela Lehner unter anderem den Österreichischen Buchpreis für das beste Debut 2019.

Freitag, 8. Oktober 2021:
„Vater unser“, Theaterstück nach dem Roman von Angela Lehner, Regie Hannah Gehmacher, Ballhof Zwei, Knochenhauerstraße 28, 30159 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 22 Euro

  • weitere Aufführungen:
  • Sonntag, 17. Oktober, 19 Uhr
  • Mittwoch, 10. November, 19.30 Uhr
  • Mittwoch, 17. November, 19.30 Uhr
  • Samstag, 27. November, 19.30 Uhr

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Katrin Ribbe)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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