Lorenz Varga
9. Oktober 2021

Den Donner hört man erst, wenn’s zu spät ist

Die Regisseurin Marie Bues verbindet im Schauspielhaus die drei Stücke von Thomas Köcks Klimatrilogie zu einem großen Panorama von kolonialer Ausbeutung bis hin zur Apokalypse

Theatrale Postparzen nach der Apokalypse? Tabitha Frehner und Caroline Junghanns

Zu Beginn der Klimatrilogie verkünden zwei Postparzen in Klima-Kapseln, man fragt sich, was der dritten passierte, dass die Zukunft bereits hinter uns liege, die Sonne schon lang explodiert sei. Am Ende, zweieinhalb Stücke später, konstatiert der Fahrer des ewigen ICE der Postmoderne, dass man irgendwann falsch abgebogen sei, vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten, woher solle er das wissen? Dazwischen wird nach dem Zwiebelschälprinzip Ursachenforschung betrieben, warum die Welt heute so ist, wie sie ist. Der Weg führt vom Kolonialismus über den Kapitalismus hin zur Klimakrise und letztendlich in die Katastrophe. Thomas Köck verbindet diese großen Themen immer aber mit deren Auswirkungen auf das Individuum.

So blickt das erste Stück „paradies fluten“ bis ins 19. Jahrhundert zurück und beschreibt den Kautschuk-Boom im Amazonas-Gebiet, wo der junge Architekt Felix Nachtigal ein Opernhaus in Manaus bauen soll, sich dann aber für den Kampf gegen die indigene Ausbeutung entscheidet und scheitert. Parallelisiert wird dies mit der Geschichte einer Kleinfamilie der Gegenwart, die finanziell in Schieflage gerät, da der Vater ebenfalls in Gummi macht und mit seiner Firma krachend scheitert, während die Tochter ihr ganzes prekäres Leben querfinanzieren muss und gar nicht merkt, wie die Ökonomisierung das Private vergiftet.

Im zweiten Stück „paradies hungern“ wird anhand dreier Einzelschicksale verdeutlicht, dass die durch die Ökonomisierung in Gang gesetzte Materialflut nicht ausreicht. Der Mensch braucht Sinnstiftung, doch diese ist in einer kapitalisierten Welt oft pervertiert. Am deutlichsten wird dies in der Szene, in der in einem Krisengebiet internationale Journalisten in einem Hotel festsitzen und auf das eine, sensationelle Bild warten. Eine Viersterne-Hölle und hintenraus tobt der Völkermord. Dabei sind die Journalisten schon so degeneriert, dass sie das Opfer, den Menschen, den sie ablichten, gar nicht mehr als solchen wahrnehmen können. Was zählt, ist das Bild, nicht das Abgebildete.

Den Abschluss der Klima-Trilogie bildet das Stück „paradies spielen“. Zwei chinesische Wanderarbeiter nehmen eine beschwerliche Reise nach Italien auf sich, um dort in einer Textilfabrik genauso ausgebeutet zu werden wie in ihrer Heimat, nur dass sie jetzt noch zusätzlich rassistischen Ressentiments ausgesetzt sind. Parallel dazu fährt eine Handvoll Passagiere im ewigen ICE der Spätmoderne, einem Zug, der an keinem Bahnhof mehr hält und der zunehmend beschleunigt. Geblitzt hat es also längst, „was jetzt noch fehlt, ist der Donner, aber der braucht immer und hören tut man den erst, wenn’s zu spät ist.“

Die Dramatikerin Rebekka Kricheldorf sagte in ihrer Laudatio 2016 bei der Verleihung des Kleist-Förderpreises für Thomas Köck: „Wofür man früher ungefähr vier Stücke brauchte, braucht man jetzt nur noch einen Köck.“ Man darf gespannt sein, wie Regisseurin Marie Bues, die vor zwei Jahren in Hannover bereits Köcks „Antigone. Ein Requiem“ inszenierte, nun die Materialflut von gleich drei Köcks gebändigt bekommt.

Samstag, 9. Oktober 2021:
„Klimatrilogie“, Theateraufführung nach drei Stücken von Thomas Köck, Inszenierung von Marie Bues, Premiere, Schauspielhaus Hannover, Prinzenstraße 9, 30159 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 24 bis 49 Euro

  • weitere Aufführungen:
  • Mittwoch, 13. Oktober, 19.30 Uhr
  • Dienstag, 26. Oktober, 19.30 Uhr
  • Donnerstag, 11. November, 19.30 Uhr
  • Freitag, 12. November, 18 Uhr
  • Dienstag, 23. November, 19.30 Uhr
  • Eintritt: 16 bis 38 Euro

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Kerstin Schomburg)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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