Henning Chadde
26. August 2005

Her majesty sadness, yes

Sonnenfinsternis: Am 25.08. predigte David Eugene Edwards mit Woven Hand im Café Glocksee die Apokalypse

Ein schlaksiger Mann auf der Bühne. Spinnengleich sitzt er zusammengekauert auf einem Stuhl und fixiert sein Opfer: das Publikum. Er weiß, dass er es fesseln wird. Die Augen zu Schlitzen geformt. Beinahe hospitalistisch wiegt er im Takt zur Musik hin und her und umwirbt das Mikrofon. Er kämpft, mit sich selbst. Abwesend, in Trance, in sich gekehrt. Und doch unbeschreiblich nah. Dran. An der Emotion.

Nach dem Konzert: langeleine.de
streitet mit Hohepriester D.E. Edwards
um den Vorsitz auf dem Teufelsthron
in Hannover

Die Musik wandelt, wenn überhaupt irgendwo zu verorten, zwischen Nick Cave und bluesigem Dark-Folk. Gepaart mit einem kräftigen Schlag Country, Gospel und Wave. Und doch ist sie nicht zu fassen. Im doppelten Sinne. Düster, ergreifend, packend und wunderschön. David Eugene Edwards und seine beiden Mitmusiker ziehen gemeinsam als Woven Hand vom ersten Takt an in den Bann. Perfekt auf den Punkt, Reduktion als Kalkühl, bis sich aus der Stille eruptiv mitreißende Schwere und Lautstärke aufbauen. Urplötzlich ist er da: Dieser unbeschreibliche Strudel, der das musikalische Schaffen von David E. Edwards seit Jahren begleitet. Dieser Strudel, der einem blitzend und doch unendlich warm mitten ins Herz fährt. Schmerz und Heilung zugleich. „Her majesty sadness and his royalty madness“ (nach Edwards), die eigentlichen Antagonisten der Zuversicht, bilden ein perfektes Paar. Traumwandlerisch-betörend bittet Melancholia zum Tanz und macht es Dir gut. Fast samten weich. Im selben Moment aber stößt sie Dich schmerzhaft von sich weg. Und hinterlässt einen Splitter im waidwunden Herz.

Seelenstriptease galore!

Edwards kehrt gnadenlos seine Seele nach außen und wirft Dich auf die eigene zurück. Lyrisch, beschwörend, apokalyptisch. Es geht ihm um das Seelenheil, immer wieder, in einem kaputten Außen. Es geht ihm um Erlösung. Der Film, den er lostritt, ein Roadmovie im Kopf. Eine Steilfahrt durch die eigenen Befindlichkeiten, Tiefen und Ängste. Fetzen fliegen durch den Kopf, Zeilen. „Egal, wo Du auch bist, frag nach meinem Namen, ich werde da sein. Denn ich bin bei Dir“. Drohung und Verheißung zugleich. Augen schließen sich. Schauer fluten den Rücken, den ganzen Körper. Ein Gefühl von Erschöpfung und gleichzeitiger Befreiung steigt auf. Die „Woven Hand“ hat ihr Netz um Dich gewebt und lässt Dich nicht mehr los. Edwards und seine Mitstreiter wissen das. Die Hohepriester der Einsamkeit haben sich und ihr Publikum dort, wo sie es haben wollen. Am Ende zeigen sie ein verschmitztes Grinsen. Kurz. Und zerbrechlich …

Du hingegen: Nein, Du weinst nicht. Es ist nur so warm – Du schwitzt aus den Augen. Und hältst weiter die Contenance im Hier. In Deckung. Und für die Tunnelfahrten im Alltag von morgen. Dann schließlich zieht auch David Eugene Edwards weiter. Urplötzlich hörst Du die Lautstärke der Stille. Und ein Lächeln bricht sich Bahn.
Ohne Worte.

Konzertankündigung – Prediger der Apokalypse

(Foto: Barbara Mürdter)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Musik

8 Kommentare

  1. Egge sagt:

    schöner text. habs leider verpasst. muss ich nächste mal wohl unbedingt hin.

  2. mirco sagt:

    ja, was für ein großartiges konzert! da leidet jemand in der tat auf ganz hohem niveau und läßt uns glücklicherweise alle dran teilhaben. da fühlte sich ‚betrunken-sein‘ mal wieder richtig männlich an!

    😉

  3. MarieB sagt:

    Schließe mich voll und ganz „mirco“ an – aber eine Frage hätte ich: Was, verehrter Autor, bedeutet „waidwundes“ Herz? Ist das Herz wund vom Jagen oder vom Gejagtwerden? Würde mich wirklich brennend interessieren. MarieB.

  4. Henning Chadde sagt:

    High Marie,

    eine gute Frage – das Herz ist „wundgeschossen“ vom/beim Gejagdtwerden. Wie eben im Konzert: Die versprühte Melancholie fixt das Herz tief schmerzend an, bittet zum Tanz und lässt einen nach der Show ergiffen und verwundet zurück. In einer Art süß-schmerzendem Fernweh …
    So habe ich es empfunden. Deep. Henning

  5. MarieB sagt:

    Hi Henning,
    sieht so aus, als wäre sie very deep, Deine Sucht nach Melancholie. Und Du warst ganz nah dran, wie Dein Text beweist.Bis der warme Strahl durch Dein Herz schoss … Ist das alles ernst gemeint – oder Pose? War nicht sicher, ob ich eine Satire lese! Salve!MarieB

  6. Henning Chadde sagt:

    Hi Marie,
    sicherlich sitze ich keiner „Sucht“ nach Melancholie auf, dennoch bin ich in der Lage, sie zu verorten und in meine Bezüge zu setzen, sie zuzulassen. Es gibt Konzerte, resp. Bands, die es schaffen, live eine Art Trance-Zustand zu erzeugen, einen einzuladen, zu entführen, einen Roadmovie im Kopf entstehen zu lassen, der einen einfach fesselt. Im Guten, wie im Schlechten. Das muss jeder für sich selbst definieren. Die frühen Motorpsycho, Nick Cave, 16 Horsepower (die zugegebenermaßen durch Edwards als Sänger nicht wirklich von Woven Hand zu trennen sind …), aber auch The God Machine (selbiger hab sie selig), die Alabama Kids und viele andere gehören dazu. Ich mag diese Form von „akustischer“ Live-Einladung, sich treiben und Empfindungen zu Bildern werden zu lassen. Bisweilen gar, diese Bilder auf die Spitze zu treiben. Nicht zuletzt bin ich auch Schriftsteller und knapp zweieinhalb Stunden Konzert in Moll verfehlen sicherlich nicht ihre Wirkung. Wer danach in Sonne schwebt, sollte sich wohl ernsthaft über seine Erdung Gedanken machen. Gut, vermutlich trifft man mich allerdings auch nicht auf einem Fun-Punk-Disco-Dur-Konzert. Aber das ist Geschmackssache und eine andere Geschichte. Ich denke, das alles hat in erster Linie mit der Fähigkeit zur „Empfindung“ zu tun. Mit der Fähigkeit, sich einzulassen. Und mit der Freiheit der Wahl, sich eben genau diese Momente selbst zu suchen. Logisch, dass dies nicht ohne eigene Erfahrung von Statten geht und mich würde es wundern, hätte das Leben nicht jedem von uns schon seine Sonnen- und Schattenseiten gezeigt. Möge man sich also sein eigenes Programm zusammenbasteln. Wissen, was man besser flieht, oder sucht, schlicht: Meint zu brauchen.
    Insofern: Nein, sicher nicht Pose, aber auch nicht Sucht, vielmehr Wissen „um“. Und Satire schon gar nicht.
    Einfach ein Ausschnitt, so empfunden. Henning

  1. […] ch. Café Glocksee, 25.8., Einlass 21 Uhr, Kartenreservierungen: mail@cafe-glocksee.de Konzertkritik – “Her majesty sadness, yes Aktuelles Album: „Consider the […]

  2. […] Zur Feier des Tages war auch das Team von Woven Hands Label Glitterhouse kollektiv im Kleinbus aus dem Weserbergland angereist, um ihre Schützlinge live zu sehen. Label-Vize Rembert Stiewe freute sich vor allem über die Verstärkung durch den neuen alten Bassisten: “Es ist schön, dass Pascal wieder dabei ist. Er bringt ein bisschen das in die Band zurück, was ich bei 16 Horsepower so mochte.” Viele Fans hingegen fanden das Konzert im Vergleich zum letztjährigen Auftritt weniger intensiv und etwas lahm. Doch auch an einem Profimusiker, der sich jeden Abend auf der Bühne körperlich verausgabt, geht die Hitze nicht spurlos vorbei. Und selbst mit halber Kraft war Edwards so gut, dass man sich jetzt schon auf sein nächstes Konzert in Hannover freut. […]

Kommentiere diesen Artikel