Lorenz Varga
27. November 2021

Mütter des Todes

Mit „Anatomy of a Suicide“ der preisgekrönten Dramatikerin Alice Birch bringt das Schauspielhaus Hannover eines der herausragenden Stücke aktueller Gegenwartsdramatik auf die Bühne

Drei Frauen, drei Generationen, eine Familie: Anna (Amelle Schwerk), Bonnie (Caroline Junghanns) und Carol (Sabine Orléans)

Warum stets Romane auf die Bühne bringen, wenn man solche Stücke hat? Wie in einer griechischen Tragödie verbindet die britische Autorin Alice Birch in „Anatomy of a suicide“ schicksalhaft das Leben dreier Frauen miteinander. Wie ein Fluch wird das tödliche Familienerbe jeweils an die nächste Generation weitergegeben. Mit „I’m sorry“, beginnt das Stück in einem Krankenhausflur. Carol (Sabine Orléans) entschuldigt sich gerade für ihren Selbstmordversuch. Es wird nicht ihr letzter bleiben. Dabei fragt man sich, warum? Nach außen hin scheint die Welt in Ordnung, mit einem fürsorglichen Mann, einem Haus umgeben von Pflaumenbäumen und nun auch bald noch mit einer Tochter, Anna (Amelle Schwerk). Diese wird an ihrem 16. Geburtstag nach der Mutter fragen, doch die Mutter wird nicht mehr kommen. Sie, Carol, sei so lange geblieben, wie es ihr möglich war, länger ging nicht. „I’m sorry“, steht eine Generation später Anna in einem Krankenhausflur. „Live big as you can“, hatte die Mutter ihr mit auf den Weg gegeben, was sich bei ihr in einer formidablen Drogenkarriere ausdrückt, die sie aber überwinden kann. Es folgen die bürgerlich tödlichen Familieningredienzien: der Mann, das Kind, der Tod. Als Anna sich umbringt, ist Tochter Bonnie (Caroline Junghanns) gerade einmal ein Säugling. Sie wird Ärztin werden und steht nun in dem Haus, das ihre Großmutter gekauft hatte und in dem sich ihre Mutter umbrachte. Sie will den Fluch durchbrechen und trifft eine schicksalhafte Entscheidung.

Das Stück geht aber weit über die Einzelschicksale dreier Frauen hinaus. Es verweist auch auf die gesellschaftlich brüchige Konstruktion von Familie, die als weiblich-solitäre Sinnstiftung noch immer die Kinderaufzucht bereithält. Als Rettungsanker in ihrer Ausschließlichkeit oftmals eine Last-Exit-Strategie mit depressiven und tödlichen Nebenwirkungen. Bezeichnenderweise sind die Männer des Stückes beruflich sehr eingespannt. „Anatomy of a suicide“ ist aber auch in formeller Hinsicht ein außergewöhnliches Stück. Ein Blick ins Buch offenbart bereits, wie kunstvoll Alice Birch das Leben der drei Frauen (jeweils in ihren Zwanzigern) parallel in drei Spalten nebeneinanderstellt. Das geht bis in den exakt gleichen Wortlaut, der sich über Generationen hinweg weiterträgt. Die Uraufführung von „Anatomy of a suicide“ fand 2017 im Royal Court Theatre in London statt. 2018 wurde Alice Birch für das Stück mit dem Blackburn Prize für außergewöhnliche Theaterstücke junger Autorinnen ausgezeichnet. Die deutsche Uraufführung vom Schauspiel Hamburg wurde letztes Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Samstag, 27. November 2021:
„Anatomy of a Suicide“, Stück von Alice Birch, Inszenierung von Lilja Rupprecht, Premiere, Schauspielhaus Hannover, Prinzenstraße 9, 30159 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 24 bis 49 Euro

  • weitere Aufführungen:
  • Freitag, 10. Dezember, 19.30 Uhr
  • Mittwoch, 22. Dezember, 19.30 Uhr
  • Sonntag, 16. Januar, 17.00 Uhr

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Kerstin Schomburg)

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Kategorien: Allgemein, Bühne, Tagestipps

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