Lorenz Varga
10. Dezember 2021

Das dreifache Bananenproblem

Letztes Jahr feierte Olivia Wenzel mit „1000 Serpentinen Angst“ ein grandioses Romandebüt, heute hat die Inszenierung des Romans durch Miriam Ibrahim Premiere im Ballhof Zwei

Wo ist ihr belästigungsfreier Platz? Sabrina Ceesay

Eine junge Frau aus Deutschland geht über die Fifth Avenue und isst unbefangen eine Banane. Das klingt erst einmal ziemlich banal, doch diese junge Frau hat zu Hause das dreifache Bananenproblem. Dort öffentlich eine Banane zu essen bedeutet: a) zunächst rassistische Affenanalogien ertragen zu müssen, denn sie ist als nichtweiß gelabelt; b) die Unterlegenheit des Ostens zu spüren bekommen, denn sie stammt aus Thüringen und c) natürlich die sexistischen Blowjob-Anspielungen auszuhalten. Doch diese junge Frau möchte nicht auf diese Zugehörigkeiten reduziert werden. Daher ist „1000 Serpentinen Angst“ auch mehr als nur eine Geschichte über Rassismus und Sexismus, es ist die Suche einer jungen Frau nach einem belästigungsfreien Platz in dieser Gesellschaft, nach einem Leben in Normalität, ohne stets dem Blick ausgeliefert zu sein.

„Ich habe mehr Privilegien, als je eine Person in meiner Familie hatte. Und trotzdem bin ich am Arsch.“ Die Ursachen gehen weit in die Vergangenheit zurück. Ihr angolanischer Vater, als Vertragsarbeiter in der DDR, kehrt früh in seine Heimat zurück. Die Mutter, eine Punkerin, bekommt von der Stasi statt einer Ausreisegenehmigung einen Gefängnisaufenthalt geschenkt, sodass die Zwillingsgeschwister zunächst bei der linientreuen Oma aufwachsen. Mittlerweile sind die Männer der Familie tot oder weit weg, die hinterbliebenen Frauen allesamt beschädigt. Einerseits deuten Sätze wie: „Meine Mutter hält meine Oma nicht aus“ oder „Ich glaube, ich warte darauf, dass meine Großmutter versteht, wie es ist, ich zu sein in der Stadt, in der sie lebt“, die Zerrüttungen in dieser Familie an. Zur Mutter hat sie seit Jahren keinen Kontakt mehr. Hinzu gesellen sich der Selbstmord des Bruders, die Trennung ihrer Freundin Kim sowie Angstzustände und Schlaflosigkeit. Und natürlich etliche Therapiesitzungen. Andererseits bleibt dort noch immer ein Platz für große Gefühle: „Eigentlich fühle ich mich nur einsam, wenn ich mit meiner Großmutter telefoniere. Ihre Traurigkeit tropft durch den Hörer direkt in mich rein. Und ich lasse das zu, weil ich sie liebe.“

„1000 Serpentinen Angst“ ist überwiegend in Dialogform geschrieben und bietet sich daher geradezu für eine Bühnenbearbeitung an. Für Regisseurin Miriam Ibrahim ist es die erste Arbeit am Schauspiel Hannover.

Freitag, 10. Dezember 2021:
„1000 Serpentinen Angst“, Theaterstück nach dem Roman von Olivia Wenzel, Regie Miriam Ibrahim, Premiere, Ballhof Zwei, Knochenhauerstraße 28, 30159 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 24 Euro

  • weitere Aufführungen:
  • Mittwoch, 15. Dezember, 19.30 Uhr
  • Mittwoch, 29. Dezember, 19.30 Uhr
  • Mittwoch, 12. Januar, 19.30 Uhr
  • Freitag, 21. Januar, 19.30 Uhr
  • Mittwoch, 26. Januar, 19.30 Uhr

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Kerstin Schomburg)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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