Matthias Rohl
25. Februar 2011

Filmgeschichte(n): „Mary Shelley’s Frankenstein“

Darf der Mensch zum Schöpfer werden? Kenneth Branagh und Robert De Niro im fesselnden Duell

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts schwört der Mediziner Victor Frankenstein (Kenneth Branagh) am Grab seiner Mutter, den Tod besiegen zu wollen, denn die Mutter starb bei der Geburt seines Bruders. Besessen von der Idee der Erschaffung des künstlichen Menschen, lernt er über seinen Freund Henry (Tom Hulce) an der Universität Ingolstadt den obskuren Professor Waldman (John Cleese) kennen. Die geheimen Aufzeichnungen des Professors eröffnen ihm nach dessen unerwartetem Tod den Zugang zum Reich kühner anthropotechnischer Fantasien. Eines Nachts gelingt Frankenstein in seinem konspirativen Laboratorium das lang ersehnte Experiment: Seine aus Leichenteilen geformte „Kreatur“ ohne Namen (Robert De Niro) erwacht zum Leben. Doch der Arzt und Forscher hat die Effekte seines Tuns unterschätzt, und als er den Irrsinn erkennt, der in seinem Schaffen keimt, ist es bereits zu spät zur Korrektur und das drohende Grauen nicht mehr zu stoppen…

“Mary Shelley’s Frankenstein”, Filmplakat

Subtiles Kammerspiel über die Faszination des Bösen: „Mary Shelley’s Frankenstein“, Filmplakat

Empfindsamkeit und Schrecken

Regisseur und Hauptdarsteller Kenneth Branagh gelang mit „Mary Shelley’s Frankenstein“ (1994) eine postmoderne, der Romanvorlage sehr nahe kommende Version des Frankenstein-Mythos. Zwar fügt er dem in der Geschichte des Horrorkinos geradezu paradigmatisch anmutenden „Frankenstein-Komplex“ keine wesentlich neuen Elemente hinzu, doch darf seine Variante für sich in Anspruch nehmen, der Fabel von der im abstoßenden Körper gefangenen, sensiblen Seele im Geist eines zugespitzten psychologischen Kammerspiels zwischen Empfindsamkeit und Schrecken noch einmal tragische Reize abgewonnen zu haben. Wie seine cineastischen Vorläufer, zu nennen sind hier vor allem die stilbildend legendären Werke des britischen Regisseurs James Whale, „Frankenstein“ (1931) und „Frankensteins Braut“ (1935), zielt die moderne Version des antiken Prometheus-Mythos auf die Frage, ob der Mensch sich jenseits von Gott zum Schöpfer aufschwingen darf – und welchen Preis er für die Überschreitung ethischer Demarkationen zwangsläufig zahlt.

“Mary Shelley’s Frankenstein”, Filmszene

Besessen und bereit, alle Grenzen zu überschreiten: Dr. Frankenstein (Kenneth Branagh) verfolgt seine Vision, einen künstlichen Menschen zu erschaffen

Sowohl bei James Whales Filmen aus den dreißiger Jahren als auch bei Branaghs Verfilmung wird gezeigt, wie „das von Natur aus gutmütige, fremdartige Geschöpf allmählich in eine Gewaltspirale aus Frustration und Notwehr gedrängt“ wird. „Der Horrorfilm entpuppt sich als gesellschaftskritische Parabel, als Tragödie eines Ausgestoßenen. Nur ein blinder Mann, der das ‚Monster‘ nicht nach seinem Äußeren beurteilen kann, stellt in anrührenden Szenen dessen Menschenwürde nicht in Frage.“ (Stefanie Weinsheimer)

Irrationalität und Erfahrung

Lässt man die Filmbilder der Regisseure Whale und Branagh retrospektiv vor dem geistigen Auge Revue passieren, so erkennt man beim Wiederlesen der literarischen Vorlage „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ (1818) aus der Feder Mary Shelleys leicht, welch ungeheure Modernität im Angesicht zeitgenössischer anthropotechnischer Grenzverschiebungen sich in dieser „Gothic novel“ erblicken lässt. Der Literaturwissenschaftler Peter-André Alt hat in seiner „Ästhetik des Bösen“ (2010) überzeugend dargelegt, dass es zu den programmatischen Tendenzen von Shelleys Text gehört, „dass er die Differenz zwischen Irrationalem und Erfahrung regelmäßig verwischt, indem er seinem Publikum eine eigenwillige Kombination aus Gelehrsamkeit, Empirie und Spekulation offeriert.“ Die Stärke des Frankenstein-Mythos, den die Popkultur des 20. Jahrhunderts geschickt zu assimilieren wusste, besteht nicht zuletzt in einer doppelten Geste der Transgression empirischer Grenzlinien durch die Schaffung eines künstlichen Homunculus, in deren Fortschritt klar vor Augen tritt, worin die eigentliche Tragödie des subtilen Kammerspiel-Duells besteht: Darin, dass die Kreatur ohne Namen über eine sensible Seele verfügt, die in einem abstoßenden Äußeren steckt.

“Mary Shelley’s Frankenstein”, Filmszene

Die Schöpfung richtet sich gegen den Schöpfer: Das namenlose, ausgestoßene „Monster“ (Robert De Niro) rächt sich an seinem „Vater“

Das geheime Gravitationszentrum der Faszination des Bösen liegt bei Shelleys Roman und Branaghs weitgehend werkgetreuer Verfilmung in der doppelten Überschreitungsdynamik: „Während das Monstrum die Auflösung fester Verbindungen und Ordnungen betreibt, steht der Schöpfer Frankenstein für die zweite Spielart der Grenzüberschreitung. Indem er die Rolle des Kreators für sich beansprucht, verletzt er die Markierungslinie, die das metaphysische Denken des Christentums errichtet hatte“ (Peter-André Alt), und wird damit zum „zweiten Lucifer“ der Schöpfungshybris. Nietzsches Gewissheit, was eine Zeit als böse empfinde, sei gewöhnlich ein unzeitgemäßer Niederschlag dessen, was ehemals als gut empfunden wurde, dieser Atavismus eines vergilbten Ideals tritt im Frankenstein-Mythos in Umrissen ans Licht – und wird gewiss auch im digitalen Zeitalter weitere cineastische Adaptionen gebären.

nächste Folge :
„Last Man Standing“
Zwischen Neo, Noir und Post: über Walter Hill, den “Hemingway” des Action-Kinos

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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