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Viva la resignación

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 9: Von Revolutionen und Sitzenbleibern

Sie saßen vor dem „Was nun?“ und wussten nicht so recht, ob sie sich reinsetzen sollten. Sie redeten sich die Kälte warm und besorgten sich zur Erfrischung zwei Halbe Herrenhäuser vom Kiosk. Sie nahmen wieder auf der kleinen Mauer vor dem Lokal Platz und fingen erneut an ihr Leben zu planen. „Also, es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder wir saufen uns irgendwann tot oder wir starten eine Revolution“, sagte Ernesto und zückte sein Feuerzeug. Die Kronkorken sprangen von den Flaschenhälsen und die beiden Männer nahmen einen kräftigen Schluck. „Ah, das tut gut“, sagte der andere, Riccardo, und wischte sich mit dem Handrücken über die feuchten Lippen.

Kneipe “Was nun?”

Eine Frage, die sich jeden Tag aufs Neue stellt…

Der kühle Nordwind fegte durch die schmalen Straßen der hannoverschen Nordstadt und die Nasen der beiden Promille-Revoluzzer wurden immer roter. Ihre feuchten Augen starrten auf die Tür des Lokals und dann schüttelte Riccardo den Kopf, als hätte er geistig die Antwort auf eine Frage empfangen, die er sich vor vielen Jahren gestellt hatte. Langsam öffnete er den Mund, als wollte er etwas sagen, doch es blieb ihm im Halse stecken und er schmeckte nur die kalte Luft auf seiner Zunge. Er sog all den Dreck und die Unzufriedenheit, die in der Luft lagen in sich auf und hielt für einen Moment den Atem an. Er blickte auf einen kleinen Volkswagen, der seine Runden drehte und verzweifelt einen Parkplatz suchte. So ähnlich sah es auch in den Köpfen der beiden Männer in den späten 30ern aus. Vorausschauend und immer ungeduldiger werdend zogen schwach leuchtende Gedanken durch die finsteren Köpfe zweier seelischer Grenzgänger in der Hoffnung einen geeigneten Platz zu finden.

Parkende Autos

Gute Zeit für eine Revolution, schlechte Zeit für Parkplätze

Start, jetzt!

Hier und heute würde es beginnen. Ich sah in ihre Gesichter, sah eine wieder gewonnene Zuversicht und einen Kampfeswillen. Aufstände und Revolutionen kannten die beiden bisher nur aus Büchern und dem Fernsehen, doch das sollte sich nun ändern. Ernesto und Riccardo gingen los und ich folgte ihnen. Am Moore ließen sie einen Fisch durch die Luft fliegen, klauten anschließend einen gelben Sack und hingen ihn in einen Baum. Ein subversiver Akt, der nur andeuten sollte, was noch kommen wird. An den bunten mit Graffiti bemalten Wänden liefen die Kreuzritter einer verlorenen Generation entlang, im Stillen protestierend gegen ihr Leben und öffneten die zweite Flasche Bier. Sie ließen sich Zeit mit dem Trinken, denn ein anderer Rausch hatte schon längst die Oberhand ergriffen. Ein sich ausdehnendes Gefühl ungebändigter Freiheit zog wie eine glühende, heiße Kanonenkugel durch die Minusgrade des bröckelnden Bürgertums. Die beiden Männer waren bereit.

Müllbeutel in Baum

Ein er(n)stes Zeichen des Protests!?

Blockade im Pfandsammler-Paradies

Vor der Bürgerschule schoben sie zwei Einkaufswagen zusammen und errichteten eine Blockade. Das Netto-Logo am Griff des Wagens erinnerte Ernesto an seinen Supermarkt, den er stets erst zu den Feierabendstunden aufsuchte, um sich ein paar Bier nach einem Arbeitstag zu gönnen, der überhaupt nicht existierte. Die Zeiten sollten vorüber gehen, in denen Freude nur dann bestand, wenn Netto Gehacktes im Angebot hatte und der Getränkemarkt mit Aktionen warb, bei denen sich sogar die ärmsten Schweine im Viertel jede Woche drei oder vier Kästen Bier leisten konnten. Ihre Countryclubs waren die ausgebombten Hinterhöfe und ihre Limousinen waren die Fahrradanhänger, die gefüllt mit Pfandflaschen einer nach dem anderen vor den glamourösen Toren von Aldi oder Lidl hielten, um nacheinander den Weg in den absehbaren Reichtum zu finden.

Einkaufswagen

Die Blockade steht!

Die Zeit war ungerechnet. Sie lief einfach davon und die beiden Männer kamen nicht mehr mit, verweilten in stillen Augenblicken zwischen den zahllosen Karosserien, die sie schon in wenigen Minuten in Flammen sahen. Doch sie wollten nichts ausbrennen lassen, sondern das Feuer weiterreichen. Eine Tradition der guten, einfachen Menschen. All die letzten Jahre waren für Ernesto und Riccardo erniedrigend. „Versuch doch mal einen Schneemann aus Sand zu bauen“, sagte Ernesto stets, wenn er Jemandem von seinen Mühen etwas zu Stande zu bringen, erzählte. Beide Männer fühlten diese Blamage. Beide hatten gekämpft und hatten verloren. Ein klassischer Knockout für den Geist und ein brutaler Tritt ins Herz.

Fisch ohne Antwort

Sie kamen an der Lutherkirche vorbei und erinnerten sich an den Glockenturmbrand vor knapp 5 Jahren. Doch die Kirchen hatte sie nicht ins Visier genommen. Ernestos und Riccardos Revolution hatte ganz andere Gegner. Vielleicht würden sie die Uni angreifen. Zu keiner Vorlesung, für die sie sich eingetragen hatten, waren die beiden damaligen heranwachsenden Männer je erschienen. Sie hassten die Vorstellung sich anzupassen und den Launen von Professoren und Politikern ausgesetzt zu sein. Kurze Zeit später trafen sie wieder den Fisch, der durch das Blau des Himmels schwebte und so tat als könne er nicht sprechen. „Du kennst doch den richtigen Weg, nicht wahr?“, fragte ihn Ernesto, doch der Fisch antwortete nicht. Er hat noch nie gesprochen, obwohl er soviel wusste.

Plastikfisch an Straßenschild

Der, der soviel weiß, aber nicht spricht

Die beiden Männer gingen weiter durch die Straßen, euphorisch wie Abenteurer und trafen schließlich einen alten Geist, der sich ihnen in Form einer Frage an einer altgewohnten Straßenecke zeigte. „Was nun?“, strahlte es den Asphaltrebellen entgegen und den Männern fiel die Antwort plötzlich um einiges schwerer. „Verdammt“, begann Ernesto und blickte durch das braune Glas seiner Flasche, „mein Bier ist leer“. Er sehnte sich nach seinem Supermarkt. Riccardo spürte die Resignation. „Verdammt noch mal, nie wird das was“, rief er erbost und wollte gerade mit letztem Kampfeswillen seine Flasche auf die Straße schmeißen, als Ernesto ihn mahnend zurückpfiff. „Nicht Junge, da ist Pfand drauf.“

(Fotos: Susanne Haupt)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover [1]

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