Matthias Rohl
29. März 2011

Filmgeschichte(n): „Last Man Standing“

Zwischen Neo, Noir und Post: über Walter Hill, den „Hemingway“ des Action-Kinos

Zur Zeit der Prohibition strandet der abgebrannte, alkoholsüchtige Pistolero John Smith (Bruce Willis) im Grenzkaff Jericho zwischen Mexiko und Texas auf der Suche nach einem nächtlichen Quartier. Das hölzerne Ortsschild verzeichnet mit Kreide nur noch 57 Lebende. In seinem Ford Studebaker durchstreift Smith die in Licht, Hitze und Staub flirrenden, menschenleeren Straßen, ein verwesendes Pferd säumt seinen Weg. Dann setzt sein Voice-over ein und wird die weitere Geschichte begleiten: „I was coming through Texas on my way to Mexiko. I needed some time to hide out. I had spent most of my life on the dodge. Drunk or sober, I got no complaints even if I did get my hands dirty on the way.“

last man standing

Überraschende Wiederbelebung des Westerns: „Last Man Standing“, Filmplakat

Die Architektur der Stadt erscheint wie aus der Zeit gefallen, während bereits das Zeitalter der Automobile heraufdämmert. Hier gerät der mysteriöse Fremde schnell zwischen die Fronten der beiden rivalisierenden Clans des Italieners Fredo Strozzi (Ned Eisenberg) und des Iren Doyle (David Patrick Kelly). Sein Plan: Beide Alkohol-Schmugglerbanden gegeneinander ausspielen, auf beiden Seiten stattlich abkassieren – und schnell weiterzuziehen. Zunächst scheinen sich die Dinge gut für Smith zu entwickeln, doch als er gegen seinen Instinkt versucht, Doyles Gespielin Felina (Karina Lombard) aus dessen Macht zu befreien, begeht er einen folgenschweren Fehler…

Mythen-Transfer

Geschickt verwebt Regisseur Walter Hill in „Last Man Standing“ (1996) den popkulturellen Archetypus des „Fallen angel“, der als Schutzengel der weiblichen Figuren seine Wiederauferstehung erlebt, zu einer bleihaltigen Hard-Boiled-Ballade. Im Gewand einer lakonischen Adaption von Klassikern wie Akira Kurosawas „Yojimbo – Der Leibwächter“ (1961) und Sergio Leones „Für eine Handvoll Dollar“ (1964), die ihrerseits beide in ihren rezeptionsästhetischen Impulsen Dashiell Hammetts Roman „Red Harvest“ (1929) wesentlich verpflichtet sind, formt Hill ein Hybrid aus Samurai und Western zu einem Gangsterfilm – dabei verlagert er jedoch die Handlung vom postfeudalen Japan und amerikanischen Bürgerkriegs-Westen in die Zeit der Prohibition. „Der Mythen-Transfer“, so notiert der Filmwissenschaftler Ivo Ritzer in seiner kenntnisreich und präzise formulierten Dissertation „Walter Hill – Welt in Flammen“ (2009), „führt von Amerika nach Japan, von Japan nach Italien und von Italien wieder zurück nach Amerika. Hill arbeitet sowohl intermedial als auch international. ‚Last Man Standing‘ ist ein Remake, das sein Referenzmaterial wie in einem Kaleidoskop anordnet.“

“Last Man Standing”, Szenenfoto

Der Action-Held begehrt stets das Gefährliche: John Smith (Bruce Willis) mit der Prostituierten Wanda (Leslie Mann)

Für „Last Man Standing“ gilt: „Der kaleidoskopische Blick sorgt für eine stets differente Konfigurationen des Sichtbaren. Er lässt das Verbrauchte unverbraucht erscheinen. Das Alte wirkt im Neuen, das Andere im Gleichen… Die Abweichung in der Wiederholung interessiert Hill. Er selbst unterscheidet zwischen ‚Remakes und Adaptionen‘ und grenzt sich damit von der Flut an kulturellem Recycling ab, die Hollywood seit den 1990er-Jahren bestimmt. Seinen Film sieht er eher als Adaption.“ Ritzer schließt bündig: „Bekannte Geschichten so zu erzählen, dass sie wie unbekannte erscheinen, das macht sein Kino aus. Es ist nicht originär, sondern originell.“

Faszinosum Gunfight

Unverkennbar kommt der erneuten Wiederbelebung des Westerns im Lichte jüngerer künstlerisch und kommerzieller Erfolge eine Schlüsselrolle in der Jagd Hollywoods nach neuen Filmstoffen zu. Diese Reanimation ist erstaunlich, wenn man in Erinnerung ruft, dass noch in den 1980er-Jahren der absolute Tiefpunkt für das in den Jahren 1910 bis 1960 bedeutendste Kino-Genre erreicht schien. Besonders, da den Hollywood-Produzenten das finanzielle Fiasko des megalomanischen Projekts „Heaven’s Gate – Das Tor zum Himmel“ (1980) von Michael Cimino noch tief im Gedächtnis eingeprägt war. Doch dann setzte überraschenderweise eine Wiederbelebung ein, die bis heute anhält: Kevin Costners „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990) und „Open Range“ (2003), Michael Manns „Der letzte Mohikaner“ (1992), Clint Eastwoods „Erbarmungslos“ (1992), James Mangolds „Todeszug nach Yuma“ (2007) sowie zuletzt die Coen-Brüder mit „No Country For Old Men“ (2007) und „True Grit“ (2010): Das Studium dieser Leinwand-Epen belegt in eindrucksvoller Manier, dass sich das Faszinosum der „Gunfighter“ offenbar noch keineswegs erschöpft hat.

bruce last man

Wortkarg und abgebrüht: Bruce Willis als Pistolero John Smith

Für Ivo Ritzer ist evident, dass die „Gabe zur präzisen Beobachtung und die Lust am mitreißenden Geschichtenerzählen“ Walter Hill „zum Hemingway des Action-Kinos“ machen. Seine schnörkellose Inszenierung, die genaue Fotografie, ihre entsättigenden Filter und ihre starken Tele-Objektive, dazu die bräunlich eingefärbten Bilder, die entfernt an getrocknetes Blut oder vergilbte Fotos erinnern und sich wie ein düsterer Todesschleier über das Geschehen legen, garantieren dem Zuschauer beste Genre-Unterhaltung. „Ebenso morbide erscheint Ry Cooders nervös stampfende Slide Guitar, die den Schnitt unruhig rhythmisiert.“ Doch sei aus aktueller Perspektive kritisch notiert, dass Walter Hills Rekurs auf bewährte Formen filmischer Narration – in den 1980er Jahren noch als „postmoderne“ Geste gefeiert – im Angesicht der Dynamik der digitalen Revolution inzwischen allenfalls noch als Nischen-Ästhetik überleben kann.

Walter Hill

Moderner Traditionalist: Walter Hill kehrte mit „Last Man Standing“ zu den Ursprüngen des Action-Kinos zurück

Walter Hill, so schreibt Ivo Ritzer, „kehrt zurück in eine filmische Vergangenheit, weil ihm die Gegenwart des Kinos völlig unattraktiv erscheint: zurück zur analogen Konstruktion filmischer Räume, zur physischen Inszenierung von sich bewegenden Körpern in bewegten Bildern“. Ritzers eindrucksvolle Studie über das Kino des Walter Hill zeigt aufschlussreich, wie frisch und anregungsreich die Ideen der zeitgenössischen Filmwissenschaft sein können, wenn sie ihre begrifflichen Werkzeuge gegen den Mainstream wendet und einmal nicht an den üblichen Verdächtigen schärft (Tarantino, Lynch, Cronenberg), sondern sich in noch weitgehend unerforschtes Gelände wagt. Ritzer schließt, voll Begeisterung für sein Forschungsobjekt, Hill sei „der kritische Patriot, der fantasievolle Handwerker, der späte Abenteurer – der moderne Traditionalist des postklassischen Hollywood-Kinos.“ Zwischen Neo, Noir und Post: Es gilt, ein Werk wiederzuentdecken.

nächste Folge:
„Intimacy“
Wie subversiv ist Sex? Patrice Chéreau zeigt, was uns droht, wenn wir das Phantasma des Erotischen verlieren

(Fotos: Pressefotos / Wikipedia)

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Kategorien: Film

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