Susanne Viktoria Haupt
2. April 2011

„Unsere Sessions sind eine Art von Kunstfluss“

Großflächig angelegte Kunstbande: Beim Kulturkiosk von langeleine.de eröffnet die Gruppe Export ihre Ausstellung „Export im Kiosk“. Der Export-Sprecher und Mitinitiator Nils Schumacher im Gespräch

Export in Aktion

Müssen alle mit: die Gruppe Export in Aktion

langeleine.de: Seit wann arbeitet Ihr künstlerisch als Gruppe Export zusammen und wie kam es zu dem Zusammenschluss?

Nils Schumacher: Die Idee entstand im Kern vor drei Jahren während einer gemeinsamen Reise von Nils Loof und mir nach Amsterdam. Es ging uns dabei eigentlich darum, einen Regisseur für einen Koproduktion zu treffen. Uns gefiel die Stadt dabei aber so gut, dass wir auf die Idee kamen, dass wir regelmäßig hier hinfahren sollten. Zum einen, um unsere Kontakte in Amsterdam zu vertiefen, zum anderen aber auch, um vielleicht einen hannoverschen Künstler dort zu präsentieren. Nils fiel dabei sofort Marco Finkenstein ein, von dem er damals schon unglaublich überzeugt war und in höchsten Tönen schwärmte. Nun gut, Nils erzählte Marco von unserer Idee und Marco wiederum erzählte von der Idee noch sechs anderen Künstlern, was zur Folge hatte, dass es eines Abends an meiner Tür klingelte und mir kurz darauf sieben bis dahin völlig unbekannte kreative Menschen in meiner Wohnung gegenübersaßen. Ich war total platt. An diesem Abend einigten wir uns auf den Namen Export, da wir sofort planten, Kunst aus Hannover international zu präsentieren, zu exportieren, wenn man so will. Im Lauf der Jahre hat sich dann unsere Gruppe auf fünf Mitglieder reduziert. Eine Galerie in Amsterdam, die uns ausstellen möchte, haben wir mittlerweile auch gefunden. Nun geht es nur noch darum, die ganze Sache finanziert zu bekommen, was schwierig genug ist. Wir sind aber guter Dinge. Außerdem ist es unser Ziel, uns aufzulösen, wenn der Begriff Export nicht mehr unmittelbar mit Autos, deutscher Wirtschaftskraft und dem Bruttosozialprodukt assoziiert wird, sondern mit Kunst aus Hannover. Mal sehen, wie lange es uns noch gibt.

ll: Wie kann man sich das vorstellen, wenn Ihr alle gemeinsam an einem neuen Werk arbeitet?

Schumacher: Als erstes gibt es einen gemeinsamen Materialcheck in unserem „Atelier Irland“, das sich übrigens im Hinterhof des Kötnerholzweg 51 befindet. Danach gehen zwei einkaufen, während der Rest schon mal aufbaut. Danach heißt es: rein in unsere Anzüge und ran! Was speziell ist, ist die Tatsache, dass jeder von Beginn an damit umgehen konnte, wenn im Schaffensprozess seine Strukturen, Striche oder Flächen überarbeitet wurden. Jeder Einzelne macht dann auch mal Pause, schaut sich die anderen an, denkt nach, kommentiert und nach einer Zeit ist er dann auch wieder selbst an der Leinwand, ohne Garantie, dass das, was er da gerade macht am Ende auch noch so zu sehen sein wird. Das bedeutet: unsere Sessions sind eine Art von Kunstfluss, ein permanenter gemeinsamer Ausfluss von Ideen und Herausforderungen von und für jeden durch die jeweils anderen. Deshalb geht das Ganze manchmal zwölf oder sogar 16 Stunden lang. Die Arbeit ist erst dann beendet wenn die gemeinsame Auffassung einer Bildharmonie gefunden ist.

Export-Bild “Zombie”

„Zombie“, Gemeinschaftsproduktion der Gruppe Export

ll: Ist es nicht aber schwierig, die Ideen so vieler verschiedener Künstler unter einen gemeinsamen Hut zu bekommen?

Schumacher: Genau dieser Schwierigkeit haben wir uns von Beginn an ausgesetzt – ohne zu wissen, zu welchen Ergebnissen dies führen würde. Das war genau das Spannende, als wir uns im November 2008 gegründet haben. Wir haben uns aber vor kurzem darauf geeinigt, dass turnusmäßig ein Mitglied der Gruppe das Thema der anzufertigenden Arbeit bestimmt. Iris Schmitt hat uns vor ein paar Wochen zum Beispiel mit dem Motiv „Glas“ konfrontiert und vor unserer gemeinsamen Session zwei Flächen vorbereitet, auf denen wir uns dann alle unsere eigenen Gedanken machen konnten. Ich werde als nächstes die Gruppe in meinem Proberaum mit Musikinstrumenten ausstatten – obwohl ich der einzige bin, der ein Instrument beherrscht. Und natürlich werden wir auch beim Musizieren unsere weißen Schutzanzüge tragen, in denen man uns auch in den Filmen sieht, wenn wir malen. Nur werden wir dann, wenn man so will, mit Tönen und nicht mit Farben malen. Auch auf dieses Ergebnis sind wir unglaublich gespannt. Wir werden die ganze Session aufzeichnen. In Bild und Ton.

ll: Unter welchen Einflüssen steht Eure Kunst? Gibt es Vorbilder?

Schumacher: Bei fünf Individual-Artisten ist natürlich eine funktionierende und respektvolle Kommunikation unabdingbar. Das ist schon mal ein wichtiger sozialer Einfluss. Denn nur so finden wir Konsens und Kompromiss, das heißt im Klartext: Nur so finden wir einen Anfang und ein Ende für die jeweiligen Arbeiten. Was die Vorbilder angeht? Nun ja, bei einer Gruppe, die aus einem Grafiker, einer Malerin, einem Fotografen, einem Filmemacher und einem Musiker besteht, bekommen wir schon genug Input durch die Eigenbefruchtung untereinander. Klar, jeder von uns ist von irgendwas künstlerisch beeinflusst worden. Das aber hier zu erörtern, das würde zu weit führen.

Gruppe Export “Schwarzes Herz”

„Schwarzes Herz“, Gemeinschaftsproduktion der Gruppe Export

ll: Die Gruppe Export ist stark, weil…

Schumacher: Weil wir in erster Linie autonom agieren und fünf Künstler sind, die miteinander funktionieren, da wir in der Gruppe unser gemeinsames Wollen realisieren können und dies in Form von Happenings und öffentlichen Aktionen auch äußern. Dazu gehört natürlich auch eine gesunde Streitkultur, um zu künstlerisch wertvollen Ergebnissen zu kommen. Das ist ja gerade die Stärke der Gruppe, dass jeder Einzelne stark genug ist, um die Stärke der Gruppe auszuhalten. Das ist Transformation und Dialektik in Reinkultur und der Rezipient ist dankbar.

ll: Die Gruppe Export schätzt Hannover als Aktions-Standort, weil…

Schumacher: Weil wir uns als Künstlerkollektiv in der Verantwortung sehen, dass etwas passiert in Sachen Kunst und freier ästhetischer Ausdruckswelt. Denn nach der Schließung der Abteilung Bildende Kunst an der Fachhochschule Hannover bleibt uns – wie auch vielen anderen Künstlern in dieser Stadt – gar keine andere Wahl, als neue Wege zu beschreiten. In dieser Hinsicht sind auch das Atelier ohne Titel sowie die neuen Kunsträume Konnektor und die Galeria Lunar zu nennen.

ll: Ihr seid mit Euren Werken ja recht großflächig unterwegs. Nun gastiert Ihr beim Kulturkiosk von langeleine.de. Meint Ihr die Wände des Café Siesta neben der Warenannahme reichen für Euch aus?

Schumacher: Es reicht immer.

Nicht verpassen:

Am Freitag, den 8. April, eröffnet die Gruppe Export beim Kulturkiosk von langeleine.de ihre neue Ausstellung im Café Siesta. Motto: „Export im Kiosk“. Eine ziemlich größflächige Angelegenheit…

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Kunst, Menschen

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