Susanne Viktoria Haupt
4. April 2011

„Tabus sind dazu da, um gebrochen zu werden“

Doppelbödige Prosawelten zu Gast beim Kulturkiosk von langeleine.de: der Live- und Performance-Poet Alexander Meyer im Interview

Alexander Meyer

„Die besten Einfälle habe ich auf der Bühne“: Alexander Meyer

langeleine.de: Herr Meyer, Sie sind seit etwa einem Jahr überaus erfolgreich im Lese-Norden dieser Republik und auf den Poetry-Slam-Bühnen Hannovers unterwegs. Dabei sind Sie ja scheinbar aus dem Nichts gekommen…

Alexander Meyer: In meinem Umfeld wird dieses „Nichts“ gerne als das Sibirien Hannovers beschrieben. Weit ab vom nicht gehörten Schuss, gefährlich nahe am Braunschweiger Grenzgebiet reiht sich, brav und artig, Reihenhaus an Reihenhaus an Häuserreihe bis hin zum eigenen Dorf-Ghetto. Dort dreht sich alles nur um Zwangsprostitution, Drogenverkauf und klischeehaften Gangster-Rap. Aber im Sommer ist es ganz schön dort.

ll: Sie sagen selbst, Sie seien „süchtig nach Worten“. Wie gehen Sie mit dieser Sucht um und seit wann wissen Sie von ihrem Laster?

Meyer: Ich kann mich an eine mögliche Zeit vor dem geschriebenen oder gesprochenen Wort nicht mehr erinnern, dazu konsumiere ich zu stark. Eine Zwangstherapie erfuhr ich mit dem Deutsch-Unterricht an einem pseudoelitären deutschen Gymnasium ab der 9. Klasse, aber die Sucht war einfach stärker. Mittlerweile lebe ich sie offen aus und hoffe auf das Verständnis meiner Mitmenschen.

ll: Ihre Auftritte sind sehr performativ ausgerichtet. Studieren Sie das vorher ein oder lassen Sie sich von ihrer Impulsivität leiten?

Meyer: Von beidem ein bisschen. Ich mache mir vorher schon den ein oder anderen Gedanken über die Präsentation meiner Texte. Die besten Einfälle habe ich jedoch auf der Bühne, mitten im Text.

Alexander Meyer beim Vortrag

In seinem Element: Alexander Meyer bei einem seiner zuletzt zahlreichen Auftritte

ll: Gibt es für Sie Tabus, die Sie in ihren Texten nicht anrühren würden?

Meyer: Nein! Tabus sind dazu da, um gebrochen zu werden. Wenn niemand über Kindesmisshandlung, Anonymisierung und Identitätsverlust der Gesellschaft reden würde, bliebe auch eine Auseinandersetzung mit diesen Themen aus. Die Folge wäre Verdrängung. Eine Vorstellung, der ich mich möglichst heftig entgegenzuwerfen versuche.

ll: Ihr kreatives Traumziel: Wo stehen sie in zehn Jahren mit ihrer literarischen Kunst?

Meyer: Auf den Bühnen der Welt, ob klein, ob groß. Gerne auch in der jeweiligen Landessprache performend mit einer Finca an der Südostküste Spaniens als Sitz und Quelle der Inspiration. Ich verzichtete aber auch gerne auf alle weltlichen Erfolge, gelänge es mir nur, wenigstens einen Text zu schreiben, der dazu beitrüge, die Welt zu einem angenehmeren Aufenthaltsort für uns alle zu machen.

ll: Wissen Sie schon, was Sie den geneigten Gästen beim Kulturkiosk am kommenden Freitag um die Ohren pfeffern werden?

Meyer: Ich habe da so meine Vorstellungen: Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes, etwas Blaues…

ll: Herr Meyer, wir danken herzlichst für das Gespräch!

Nicht verpassen:

Am Freitag, den 8. April, gibt Alexander Meyer beim Kulturkiosk von langeleine.de einen eruptiven Einblick in sein literarisches Bühnenschaffen zwischen Slam Poetry und lyrischer Performance.

(Fotos: Pressefotos)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur, Menschen

Ein Kommentar

  1. So jung und schon so gut,
    ich ziehe vor Dir einen Hut.
    Du warst mir vorher nicht bekannt,
    so hatte ich dich vorher unbekannt genannt.

    Entschuldige bitte , der alte Mann mit dem Hut.
    Jürgen.

Kommentiere diesen Artikel