Marc Mrosk
8. April 2011

Ruhe in Eilenriede

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 10: Waldbestattung, innerstädtisch

Es gibt diese berühmten Nachrichten, von denen man weiß, dass sie einen früher oder später erreichen werden und man weiß auch, dass man sich in einer ganz schön beschissenen Lage wieder findet, wenn es dann soweit ist. Der Anruf von Jan vor einer Woche hatte diese berühmte Nachricht parat, die auf ein Versprechen zurückzuführen ist, das wir seinem Großvater Kurt vor ungefähr achtzehn Jahren gegeben hatten. Der Hintergrund des Versprechens beginnt im Jahr 1993, ein Sonntagmorgen im April. So weit ich weiß, war es der elfte.

Baumschatten

Wo Licht und Schatten eng zusammenwohnen: tief in der Eilenriede

Jans Großmutter Christine war morgens auf ihr Fahrrad gestiegen, um in Waldheim frische Brötchen beim Bäcker zu kaufen. Sie nahm dafür die Route von der Mainzer Straße durch die Eilenriede bis hin zur Wolfstraße. Kurt erinnerte sich noch genau, wie er ihr durch das Küchenfenster nachschaute und zur Verabschiedung winkte. Zu diesem Zeitpunkt wusste er natürlich nicht, dass es sich um eine endgültige Verabschiedung handelte. Er deckte den Tisch und wartete, doch er wartete vergeblich. Christine kam nie wieder zurück. Nachfragen beim Bäcker ergaben, dass sie auch diesen nie erreicht hatte. Irgendwo zwischen Mainzer- und Wolfstraße verschwand sie. Kurt gab der Eilenriede die Schuld, die schon so viele vor Christine verschluckt hatte, aber gerade die Neunziger war die goldene Dekade der Ausreißer. Da Christine unter Depressionen litt und auch schon mehrere Mal zuvor alleine auf Tour gegangen war, zum Teil auch über zwei Nächte lang, konnte ein Verbrechen wohl ausgeschlossen werden. Doch zuvor war sie immer wieder gekommen, bis eben zum berüchtigten April `93.

Absperrband in Baum

Ein Ort des Verschwindens…

Jans Stimme war ruhig und wirkte entspannt als er anrief. „Mein Opa ist tot“, sagte er und fügte hinzu, ob ich wüsste, was das bedeuten würde. Und ja, ich wusste, was dies bedeutete. Es bedeutete für uns beide, dass wir ein Versprechen einzulösen hatten. Ein paar Wochen nach Christines Verschwinden nahm uns Kurt zur Seite und bat uns ihm ein Versprechen zu geben, oder vielmehr einen Schwur zu leisten. Er holte sogar eine Marienstatue hervor und zwei katholische Jungs, wie wir beide es waren, wussten damals im Alter von knapp 11 Jahren auch schon, dass es nun ernst werden würde. „Wenn ich sterbe“, sagte Kurt, „dann möchte ich in der Eilenriede bei meiner Christine liegen“. Ohne das geringste Widerwort oder den leisesten Gedanken an einen Kompromiss willigten wir ein und dann vor gut sieben Tagen standen wir da in Kurts Wohnzimmer und sahen die Überreste eines von uns diagnostizierten Herzinfarkts.

„Bist du sicher, dass es ein Infarkt war?“, fragte ich Jan und der nickte ziemlich sicher. „Mit dem Herzen hatte er es schon seit langem, aber er scheute sich zum Arzt zu gehen, wahrscheinlich hat er darauf gehofft, dass es bald zu Ende gehen würde.“ „Würde er nicht wie nach einem Todeskampf üblich hier irgendwo herumliegen, wenn es so wäre?“, hakte ich nochmals nach. „Vielleicht hat er es auch einfach nur genossen.“

Zum ersten Mal Leiche

Im Endeffekt war es egal, was zu seinem Tod geführt hatte. Viel wichtiger war, wie es weiter gehen würde. Ich blickte zu Kurts geliebten Stoffpuppen, die auf dem langen Sofa nebeneinander saßen und ihrem Besitzer die letzte Ehre erwiesen. Unser aller erste Begegnung mit einer Leiche. „Wir können das nicht tun“, sagte ich zu Jan und schämte mich irgendwie für meinen Verrat. „Ich weiß selbst, was das bedeutet, aber wir haben es ihm geschworen. Du weißt, wie sehr er nach dem Verschwinden meiner Oma gelitten hat. Wir müssen ihn in die Eilenriede schaffen. Das ist doch nicht weit.“ Wir hatten Erfahrung darin ihn nach ganz derben durchzechten Schnapsnächten aus irgendwelchen verrauchten Kneipen nach Hause zu tragen, doch diesmal würde er nicht den nächsten Morgen mit einem dicken Kopf aufwachen und uns mit ein paar Mark danken. Diesmal würden wir ihn zu Grabe tragen und das auch noch vollkommen illegal, ohne anschließendes Trinkgeld.

Fußweg in die Eilenriede

Der Weg in die 650 Hektar große ewige Ruhe

„Du rechts, ich links“, sagte Jan und stellte sich neben den Sessel. „Und dann? Wir können ihn doch nicht einfach irgendwo unter einen Baum legen.“ „Ich habe schon zwei Schaufeln an dem Platz gelegt, den er sich ausgesucht hat. Wir müssen ihn nur noch dort hinschaffen.“ Es war kurz nach drei Uhr nachmittags, die Sonne stand strahlend am Himmel und die Mainzer Straße war noch viel zu bevölkert, als dass wir einfach so einen alten toten Mann über die Fahrbahn schleppen konnten. „Dann rufen wir in ein oder zwei Tagen die Polizei an und melden ihn als vermisst. Mit seiner Vorgeschichte wird das überhaupt kein Problem. Der Fall geht so schnell in den Akten unter, das glaubst du gar nicht“, sagte Jan und holte eine Pulle Weinbrand aus dem Schrank. Wir tranken uns Mut und Entschlossenheit an und legten kurz nach Sonnenuntergang los.

Waldgrab mit Kreuz

Und wir schaufelten ihm sein gewünschtes Grab…

Der Weg in den Wald schien unendlich, aber Erinnerungen an vergangene Nächte, in denen wir mit ähnlicher Sorgsam seinen Körper zur Ruhe legten, halfen beim Tragen. Die Schaufeln standen tief im Wald. Nach etwa zwölf Stunden ist die Totenstarre vollkommen ausgeprägt. Wir erreichten unser Ziel vor Ablauf dieser Zeit. Sein Körper war steif, aber ließ sich noch bewegen – es war einfach ein total bizarres Erlebnis. Wir legten ihn auf den feuchten Boden zwischen Laub und abgebrochenen Ästen und schaufelten ihm sein gewünschtes Grab von ungefähr einem Meter Tiefe. Keine Spaziergänger oder auch deren Hunde überraschten uns, es war, als würde uns irgendeine unsichtbare Kraft schützen. Es war so surreal, ein absolutes High komplett ohne Drogen, nur mit ein wenig Schnaps halt. Alles in allem ein verrückter Traum und wie jeder Traum, war auch dieser am intensivsten kurz bevor man erwacht.

Bank mit zwei Stoffbären

Nach Jahren der Trauer, endlich wieder vereint

In Kurts Wohnzimmer, dort erwachten wir wieder. Unsere Schuhe mit Erde befleckt und unsere Gesichter von der Bestattung gezeichnet. „Krass“, sagte Jan und knabberte an seinem Daumen wie ein kleines Kind. Wir saßen einfach nur so da und keiner sagte mehr ein Wort. Aus einer Schweigeminute wurde eine Schweigestunde und dann sprach sich Jan wieder ein gutes Gewissen zu. „Das machen viele so, die die Kosten für eine Beerdigung sparen wollen. Die Eilenriede ist voll mit solchen Gräbern. Bei vielen Vermisstenanzeigen wird überhaupt niemand mehr vermisst.“ Ich schenkte uns jedem noch ein Glas Weinbrand ein und wir beide tranken brav aus. Sollte jemals jemand diese Geschichte hören oder lesen, würde er sie sowieso nicht glauben und das half uns davon zu kommen. Der Schock verwandelte sich bald in Müdigkeit und wir dösten beide ein. „Wäre es im Krankenhaus passiert oder hätte Kurt einen ambulanten Pflegedienst gehabt, oder, oder, oder…“ All diese Gedanken schossen mir durch den Kopf, bis das Klopfen an der Tür mich aufschrecken ließ. Wir hielten für einen Moment die Luft an. Jan stand langsam auf, ging durch den Flur zur Tür und öffnete. Wir beide brauchten eine Minute um uns zu sammeln, als wir sahen, wer da vor uns stand, doch das ist eine andere Geschichte.

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur, Lokales, Lokalitäten

Kommentiere diesen Artikel