Matthias Rohl
26. April 2011

Filmgeschichte(n): „Intimacy“

Wie subversiv ist Sex? Patrice Chéreau zeigt, was uns droht, wenn wir das Phantasma des Erotischen verlieren

London zur Zeit der Jahrtausendwende. In einer versifften Reihenhaus-Wohnung am Stadtrand treffen sich jeden Mittwoch der lethargisch vereinsamte Barkeeper und ehemalige Musiker Jay (Mark Rylance) und die Zufallsbekanntschaft Claire (Kerry Fox) zum Sex: Sie wechseln kaum Worte, zelebrieren keine Anbahnungs-Rituale und wissen nichts voneinander. Nach dem Akt verschwindet die Frau jedesmal wortlos. Seit Jay vor sechs Jahren seine Frau Susan (Susannah Harker) und seine beiden Söhne ohne jede Begründung verlassen hat, scheint er nur noch halt- und ziellos als Statist durch seine eigene Existenz zu driften. Nähe, Interesse, Perspektive? Nichts scheint den Mann aus seiner inneren Isolation und Vereisung retten zu können. Doch als eines Mittwochs Claire nicht erscheint, regt sich in Jay das Verlangen nach Wissen. Er folgt der ihm unbekannten Frau durch die Straßen der Stadt und entdeckt, dass sie keineswegs so einsam lebt, wie er selbst…

“Intimacy”, Filmplakat

Eindringliche Studie metropolischer Isolation: „Intimacy“, Filmplakat

Mit „Intimacy“ (2000) gewann der vielseitige Regisseur Patrice Chéreau 2001 bei der Berlinale den Goldenen Bären für den besten Film. Chéreau, der 1976 unter dem Dirigat des Komponisten Pierre Boulez mit seiner legendären Wagner-Inszenierung in Bayreuth für Furore sorgte, ist spätestens durch „Die Bartholomäusnacht“ (1994) für seinen bisweilen drastischen, „dokumentarisch“ anmutenden Naturalismus bekannt. In „Intimacy“, seiner eindringlichen Studie über Einsamkeit und enttäuschte Liebe in einer europäischen Millenium-Metropole, spart der Ensemble-Regisseur nicht mit Details: Das Klicken der Armbanduhr-Verschlüsse, das Knistern der hastig geöffneten Kondom-Verpackung, ein deutlich sichtbar eregierter Penis, eine dicht behaarte Vulva, Blicke, die den anderen skeptisch-distanziert taxieren, das Aneinanderklatschen verschwitzter Haut, Fellatio, Cunnilingus, Stöhnen, Keuchen, Zittern – nichts von all dem, was den physischen Akt auszeichnet, bleibt ausgespart. Zu sehen sind Szenen, die den Betrachter je nach Mentalität und Sehgewohnheiten wahlweise peinlich berührt, voyeuristisch gestimmt oder auch angewidert zurücklassen. Natürlich ist bei solch freizügigen Sex-Szenen der Pornografie-Verdacht selten weit, doch in Chéreaus Fall zeigten sich die Rezensenten nahezu einhellig überzeugt, ein Kino-Kunstwerk betrachtet zu haben.

Existenzielle Einsamkeit der Akteure

Man geht sicher nicht zu weit, in Chéreaus Verfilmung der Prosa-Vorlagen des Londoner Autors Hanif Kureishi eine ästhetische Anknüpfung an die in den 1990er-Jahren populären Dogma-95-Filme zu erkennen. Deutlich wird dies am intensiven Einsatz der Handkamera, die den rundum überzeugenden Darstellern zu Leibe rückt. Doch gehen der Regisseur und sein Kameramann Éric Gautier noch einen Schritt weiter, indem sie durch das Scope-Format die existentielle Einsamkeit der Akteure visuell betonen. Zudem lässt sich diese Studie metropolischer Isolation in eine filmgeschichtlich umfassendere Tradition einordnen – bedenkt man, dass sich die Urheber des Dogma-95-Manifests – allen voran Lars von Trier – programmatisch auf die Nouvelle Vague bezogen. Zentral für diese „neue Welle“ war das Erzählen von Liebesgeschichten, in denen eine neue Kultur sexueller Eindeutigkeit zur Entfaltung fand. Man denke etwa an die Werke von Roger Vadim („Und immer lockt das Weib“, 1956), Louis Malle („Die Liebenden“, 1958), Alain Resnais „(Hiroshima – Mon Amour“, 1959), Francois Truffaut („Jules und Jim“, 1961) und Jean-Luc Godard („Die Geschichte der Nana S.“, 1962).

“Intimacy”, Filmszene

Wissen nichts voneinander: Jay (Mark Rylance) und Claire (Kerry Fox)

Inzwischen sind – einige Stufen der Film-Historie übersprungen – die ästhetischen Mittel des Hardcore-Pornos längst in das Mainstream-Kino, man darf hier sagen: eingedrungen. Von dieser Entwicklung profitieren zahlreiche Produktionen der Gegenwart, zuletzt Michael Winterbottoms „9 Songs“ (2004). Weltweit lässt sich im Kino eine neue Bedeutung sexualisierter Sensationen beobachten, von der die Autoren Oliver Demny und Martin Richling in ihrem Band „Sex und Subversion“ (2010) instruktive Zeugnisse ablegen. Doch wie subversiv ist Sex auf der Leinwand heute noch nach dem Verglühen einstiger Porno-Avantgarden?

Die Bedeutung des Phantasmas

Was passiert, wenn wir das Phantasma des Erotischen verlieren und die Liebe auf den physischen Akt reduziert wird? Warum gelingt es uns nicht dauerhaft, den Sexualpartner als solchen zu genießen? Ist der Mensch das Tier, das Illusionen braucht, um sich vor den Zumutungen der Realität zu schützen? Diesen Schluss legt zumindest der slowenische Philosoph und Filmkenner Slavoj Žižek nahe, wenn er betont: „Beim Sex sind nicht nur ich und mein Partner beteiligt, es muss dabei immer ein phantasmatisches, drittes Element geben, das mich in die Lage versetzt, mich sexuell zu betätigen. Ich möchte mal eine unangenehme Erfahrung ansprechen, die wohl die meisten von uns kennen. Es kann passieren, dass man sich, während man sich sexuell betätigt, plötzlich albern vorkommt. Man verliert den Kontakt damit. In der Art: Was, mache ich denn da, was für dämliche Bewegungen? In der Realität hat sich in diesen seltsamen Momenten, in denen ich das erlebe, nichts geändert. Nur habe ich die Unterstützung des Phantasmas verloren.“

“Intimacy”, Filmszene

Drastischer Naturalismus: Filmszene aus „Intimacy“

Man kann diesen Verlust des Phantasmas kulturkritisch bedauern, wie zuletzt die Autoren Ariadne von Schirach („Der Tanz um die Lust“, 2007) und Sven Hillenkamp („Das Ende der Liebe“, 2009). Man kann aber auch zu Niklas Luhmanns wissenschaftlichem Bestseller „Liebe als Passion“ (1982) greifen. In ihm findet sich die mit unnachahmlich trockenem Humor formulierte Einsicht, Liebe sei nicht nur eine „Anomalie“, sondern eine „ganz normale Unwahrscheinlichkeit“. Für diese „normale Anomalie“ findet Patrice Chéreau beunruhigende, nachhaltig bewegende Bilder.

nächste Folge:
„Zodiac“, „American Psycho“ und Co.
Ist der Serienkiller der dunkle Souverän unserer Psyche? Eine Spurenlese

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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