Anne C. Böhler
29. April 2011

Von Fußballspielern, Krebsdiagnosen und großartigen Comebacks

Bei ihrem Auftritt im Capitol hat die Power Metal-Band Stratovarius bewiesen, dass sie ihren Karriereknick endlich überwunden hat. langeleine.de traf den Schlagzeuger Jörg Michael

Momentan mit den Kollegen von Helloween auf Tour: Stratovarius

Ende des letzten Jahres wurde Jörg Michael, dem Schlagzeuger der finnisch-deutschen Metal-Combo Stratovarius, eine erschreckende Diagnose gestellt: Schilddrüsenkrebs. Doch schon kurz nachdem der 48-Jährige mit den blonden Rockerzotteln sich von der folgenden Therapie erholt hat, steht er wieder voller Energie mit seiner Truppe auf der Bühne und macht einen extrem gutgelaunten Eindruck. „So eine Nachricht aufzunehmen, ist natürlich nie schön“, sagt Michael nach dem Stratovarius-Auftritt Mitte April im Capitol. „Doch für mich war sofort klar, dass ich dagegen ankämpfen musste und mich nicht hängen lasse. Am schlimmsten war die Wartezeit auf die klare Diagnose. Dermaßen in der Luft zu hängen, ist furchtbar, aber sobald die Ärzte und ich wussten, womit wir es zu tun hatten, begannen wir sofort mit der Therapie und nun kann ich schon wieder hier auf Tour sein, das freut uns alle und mich natürlich besonders.“

„Wie ein Tannenbaum in der Mitte des Raumes“

Jörg Michaels Krebsdiagnose war bei weitem nicht die einzige Sorge, mit der Stratovarius sich innerhalb der letzten Jahre auseinandersetzen mussten. Seit dem Ausstieg des Gründers und Masterminds Timo Tolkki lieferten sich die Band und der Ex-Gitarrist regelmäßige Schlammschlachten, die durch die Medien gingen und zu Anfang durchaus die Frage aufkommen ließen, ob Stratovarius nicht am Ende wären. „Man muss sich durchaus neu erfinden, aber gewisse Konstanten in der Besetzung sind ja geblieben und deshalb war für uns schnell klar, dass wir unter dem Namen Stratovarius ohne Tolkki weiterarbeiten würden“, sagt Michael. „Sicher war es unschön, unseren Frontmann zu verlieren, aber wir stießen schnell auf Matias Kupiainen, der zu der Zeit gerade auf einer Club-Tour durch Finnland war. Daraufhin haben wir gar nicht erst weiter gesucht, da wir sofort wussten: Das ist unser Mann. Er ist keine bloße Kopie von Tolkki, sondern brachte sofort neue Ideen und Energie in unsere Band. Früher lag alle Verantwortung auf Tolkkis Schultern, mittlerweile sind wir gemeinsam am Songwriting beteiligt. Das ist wie ein Tannenbaum, den man in die Mitte eines Raums stellt: Es gibt zwar eine Haupt-Idee, doch daraufhin hängt jeder seine Weihnachtskugeln dran und zusammen versuchen wir, ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erhalten.“

Feurige Energie und erwachsene Professionalität

Doch das mit dem neuen Lineup aufgenommene Album „Polaris“ zeigte noch deutliche Schwächen und bewies, dass Stratovarius noch nicht wieder zu sich gefunden hatten: „Wir hatten da noch einen kleinen Stock im Arsch“, lacht Jörg Michael. „Aber durch etwa 120 Live-Auftritte fanden wir immer mehr zusammen und konnten uns aufeinander einstellen.“ Auf dem neuen, im März erschienenen Album „Elysium“ sind diese Schwierigkeiten nicht mehr zu erkennen. Mit feuriger Energie und einem Ohrwurm nach dem anderen beweist die finnisch-deutsche Combo, dass sie problemlos an die alten Erfolge anknüpfen kann. Besonders das 18-minütiges Titelstück „Elysium“ überzeugt: „Das ist ein Stück von Matis, an dem er über ein Jahr arbeitete. Es besteht aus drei Parts, doch wir wollten es nicht voneinander trennen, es gehört einfach zusammen. Dementsprechend groß war die Herausforderung für uns und wir würden es wirklich gerne mal live spielen“, erklärt Michael. Dass das neue Werk so gut wurde, lag sicherlich auch an der großen Disziplin aller Band-Mitglieder, die längst darüber hinaus sind, sich jeden Abend um die Besinnung zu trinken und bis in die Morgenstunden zu feiern: „Solche Geschichten gibt es bei uns nicht mehr. Wir sind alle erwachsen und möchten abends eine professionelle Show für die Fans spielen, nicht uns um die Besinnung saufen.“

Gut gelaunt und wieder gesund backstage im Capitol: Stratovarius-Drummer Jörg Michael

Der Lebenslauf von Jörg Michael liest sich beinahe wie das jährliche Wacken-Lineup, denn seit jüngsten Jahren arbeitete der Schlagzeuger mit Deutschlands ganz großen Metal-Musikern – von Rage über Axel Rudi Pell oder Grave Digger bis zu Running Wild – tatsächlich heimisch fühlt er sich erst bei Stratovarius. Weshalb? „Früher war ich meist ’nur‘ der Schlagzeuger, während ich bei Stratovarius ein dauerhaftes Mitglied bin, beteiligt am Songwriting, und es ist beinahe so, wie man es sich früher immer wünschte: Man spielt mit seinen besten Kumpels in einer Band und tourt jahrelang mit ihnen um die Welt!“ Trotzdem bleibt Jörg Michael sehr skeptisch, wenn es um die heutige Metal-Szene geht: „Es gibt kaum junge Bands, die besser sind als die großen Klassiker. Da gibt es vielleicht Volbeat und Rammstein, aber der Rest geht meiner Ansicht nach komplett unter. Zeig mir eine Band, die jung ist und AC/DC schlägt! Du wirst keine finden.“

„Ich wollte immer Musiker werden“

Obwohl Stratovarius nicht mehr die Jüngsten sind, wirkt der Schlagzeuger bezüglich der Zukunft optimistisch. „Ich mache Musik, weil mir das Spaß macht. Schlagzeug spielen hat natürlich einen hohen physischen Anteil, und man weiß nie, wie lange man das noch durchziehen kann. Dennoch schauen wir immer nur bis zum nächsten Album, bis zur nächsten Tour und genießen lieber die Gegenwart: die Fans, eine zuverlässige Plattenfirma und Erfolg mit der Band.“ Schon von klein auf war Musik Jörg Michaels größte Leidenschaft und nichts konnte ihn davon abhalten, dieser auch nachzugehen. „Ich wollte immer Musiker werden und habe fest daran geglaubt. Hätte ich es nicht geschafft, würde ich wohl Fußball spielen. Als Jugendlicher kickte ich schon in Auswahl-Mannschaften, aber dann kamen die ersten Zigaretten und der erste Joint und schon war die Karriere verbaut. Außerdem wollte ich nicht jeden Sonntagmorgen zum Training. Welcher Jugendliche will das schon?“ Am Ende hat der überzeugte Musiker noch eine aufrichtige Nachricht an seine Fans und Freunde: „Ich würde mich gerne mal bei allen bedanken, die mich unterstützt haben und viel Glück wünschten bei meinem Kampf gegen den Krebs. Es hat mich sehr berührt, wie viele Menschen an mich dachten. Danke!“

(Fotos: Pressefoto (1), Anne Böhler (2))

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Kategorien: Menschen, Musik

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