Marc Mrosk
4. Mai 2011

Eine Reise durch die Nacht

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 11: Der (U-Bahn-)Schlaf ist gerecht

Das Fahren mit der U-Bahn in Hannover kann zuweilen immer wieder recht unterhaltsam oder auch in manchen Nächten unheimlich skurril werden. Das unfreiwillige Mithören von Gesprächen am Handy, die am lautesten sind, wenn sie eigentlich am leisesten sein sollten. So kommt vom Vierer-Sitz schräg gegenüber ein geschocktes „Was, der ist schwul?“ zu mir rübergeschallt. „Welcher Torsten? Etwa der aus der Edenstraße in der List? Das gibt’s ja nicht. Nee, nee. Ich sag das keinem.“ Danach Schweigen, gefolgt von wildem Getuschel. Sollten die lauten Gespräche schließlich nachlassen – oder erst gar nicht stattfinden -, kann man auch den Versuch starten ein Buch zu lesen. Doch unter Umständen wird dies durch eine fette Frau mit fünf Einkaufstüten zunichte gemacht, die sich mit ihren zwei Quadratmetern Masse direkt neben dich bombt, während du Seite 376 von Celinés „Eine Reise durch die Nacht“ aufgeschlagen hast und deine Augen am Anfang des unteren Absatzes festkleben: „Die Reichen haben es nicht nötig, eigenhändig zu töten, um zu fressen. Sie lassen die Leute arbeiten. Sie lassen die Leute… Sie lassen die Leute…“

U-Bahn-Station mit Passanten

Dort wo so viele Geschichten beginnen…

Langsam fallen mir die Augen zu, während ich mich an diese Sätze und meine qualvollen letzten siebzehn Minuten in eingequetschter Pose am Fenster einer U-Bahn, Linie 6, Richtung Messe/Ost, zurück erinnere. Ich lächele und döse langsam ein. Auch ich befinde mich auf einer Reise durch die Nacht, nur diesmal ist aus der Linie 6, die 8 geworden. Statt dem Osten, der Norden. Der erste Wagen fährt nach Rethen, der zweite nach Messe/Nord. Ich muss nach Rethen, sitze aber, wie soll es auch anders sein, im hinteren Wagen. Irgendwie blöd, aber ich hatte es nicht mehr bis nach vorne geschafft. Hätte ich den Hauptbahnhof ein paar Sekunden früher erreicht, dann vielleicht, aber was soll dieser ganze Schwachsinn mit „hätte, wenn und wäre“? Nur eine oder vielleicht auch zwei Stationen, dann würde ich umsteigen, bis dahin war eine kurze Erholungspause angesagt. Vorne, in der ersten Klasse kann dann geschlafen werden. Die Üstra- Stewardess weckt dich dann schon, wenn es soweit ist…

U-Bahn-Abteil mit Reisenden

Das mobile Wartezimmer. Für eine kurze Zeit haben wir alle den selben Weg

Erneut ziehen sich meine Lider ruckartig hoch, als ich merke, dass ich für eine Minute in den Schlaf gefallen war. Überall stehen Leute herum, aber woher kommen sie? Träume ich das nur? Ich musste mich unbedingt wach halten. Wo war ich? Noch immer im zweiten Wagen? Ja. Welche Station? Ich reibe mir die Augen und schaue auf den Monitor. Die Leute sind plötzlich verschwunden und die Bahn steuert die Schlägerstraße an. Ich sollte umstiegen, um nichts zu riskieren, denn sich wach zu halten schien in diesen Sekunden fast schon unmöglich. Ich schaue auf die Uhr. Es ist kurz vor drei Uhr nachts. Ich muss es nur bis nach Rethen schaffen. Am Endpunkt würde ein Freund warten, der gerne Skip genannt wird. „Fahr bis zum Endpunkt, steig aus, gehe quer über die Straße und warte auf mich. Ich habe alle Einzelheiten.“ Er sprach immer als hätte er jahrelang für irgendeinen Geheimdienst gearbeitet, doch das Geheimste an ihm war seine Macke, denn keiner wusste so genau, wo sie herkam. Ich strecke meine Glieder, denke zurück an den Raschplatz, an das Bier, das Marihuana und das Lachen einer alten Frau, die eine Sektflasche in die Luft geworfen hatte. Doch ich erinnere mich nicht mehr an den Aufprall.

U-Bahn-Tunnel

Hinein in die schwarze Ungewissheit

Zwischen Schläger- und Geibelstraße stoppt die Bahn und reißt mich aus meinem erneuten Schlaf. Wie schaffte ich es nur immer wieder binnen Sekunden einzuschlafen? Ich schaue mich um und bemerke zum ersten Mal, dass ich alleine in dem Wagon sitze. Die Bahn steht und steht, ich höre aus der Ferne einen dumpfen Knall, als hätte jemand einen Ballon zum Platzen gebracht und binnen einer Sekunde wird es pechschwarz. Sämtliche Monitore fallen aus und selbst die Lichter im Tunnel sind nirgends zu sehen. Ein Stromausfall, während ich in der U- Bahn sitze, mitten im Tunnel. Was für eine Konstellation. Das gibt’s doch nicht, oder doch? Urplötzlich tritt völlige Stille ein, nur der eigene Atem ist noch zu hören und ganz vorsichtig stehe ich auf und taste mich voran. Ganz langsam setze ich einen Fuß vor den anderen, als ich plötzlich dieses Rascheln von vorne höre, so als würde jemand in einer Plastiktüte kramen, die mit Glasflaschen gefüllt ist. Irgendwo daneben ein schweres Atmen und ein leises Lachen, alles ganz unterschwellig und synchron. Es müssen zwei sein, doch ich bin mir ganz sicher gewesen der einzige im Wagen gewesen zu sein, bevor das Licht ausging.

Dunkelheit

Der „finstere“ Endpunkt dieser Reise, nur leider der falsche…

Schritte kommen auf mich zu und ich frage in die tiefe Dunkelheit, ob sich noch jemand an der Schwärze erfreut, doch niemand antwortet. „Hallo? Irgendjemand da?“ „Nein, nicht irgendjemand. Ich bin hier“, flüstert eine fremde Stimme. Ein Kreischen folgt und kurz darauf ein Wimmern einer alten Frau, dann schlägt die Sektflasche auf dem Boden auf und ich schrecke kurz zusammen. Die Schritte aus dem Dunkel kommen näher. Ich kann den stinkenden Atem riechen und dann packt mich eine kräftige Hand von hinten an der Schulter und schüttelt mich durch. Ich reiße die Augen auf und sehe in sein Gesicht. „Hey, aussteigen“, sagte der Fahrer und blickt mich fast schon mitfühlend mit seinen ebenso schläfrigen Augen an. „Endpunkt“, sagt er und ich stehe auf und taumele aus dem Wagen, hinaus ins Freie. Ich drehe mich um und schaue auf zu den Lichtern des Mannesmannturms. Na endlich, der Endpunkt dieser Reise, nur leider der falsche…

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur, Lokales

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