Matthias Rohl
31. Mai 2011

Filmgeschichte(n): „Zodiac“, „American Psycho“ und Co.

Ist der Serienkiller der dunkle Souverän unserer Psyche? Eine Spurenlese

Woher rührt diese ungeheure Faszinationskraft des Serienkillers? Schon Immanuel Kant hielt bei seiner minutiösen Spurenlese auf der Suche nach der „Kritik der reinen Vernunft“ inne und notierte, Phantasie sei nicht nur „unser guter Genius, sondern unser Dämon“. Zweifellos ist der Serienmord von Jack the Ripper bis Hannibal Lecter ein Phänomen der urbanen Moderne. Aus heutiger Perspektive ist evident: Was wir über Serienmord wissen, wissen wir durch die Massenmedien. Das Böse begegnet uns – wenn wir es denn zulassen – jeden Tag: morgens in der Zeitung, mittags im Radio, abends in Büchern, im Fernsehen oder im Kino, nachts in unseren Alpträumen. Hannibal Lecter ist überall…

“Zodiac”, Filmplakat

Die sinnlose Tat als willkürlicher Akt des Bösen: „Zodiac“, Filmplakat

„Die Kunstfigur des charismatischen Antihelden hat Abgründigkeit, Perversion und serielles Morden in unserer Phantasie attraktiv und salonfähig gemacht, und sogar ein spezifisches Täterprofil generiert – vom dem nicht wenige Menschen annehmen, es sei der Wirklichkeit entlehnt“, resümiert Kriminalhauptkommissar und Profiling-Experte Stephan Harbort. Und wer könnte leugnen, dass wir als Kinozuschauer dem Faszinosum des Serial Killers immer wieder schaudernd erliegen, weil uns die „Bestie Mensch“ mit unseren tiefen Abgründen vertraut macht? In dieser Hinsicht fällt Friedrich Nietzsches Bemerkung aus „Jenseits von Gut und Böse“ eine visionär beunruhigende Schlüsselstellung mit Blick auf die Phänomenologie des Serienmords zu. In ihr heißt es: „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“

Der Mensch, das gefährlichste Tier

Der Regisseur David Fincher hat im Verlauf seiner erstaunlichen Karriere zwei Serienkiller-Filme gedreht. „Zodiac“ (2007), der zweite, steht dabei ganz im Zeichen des realen, nie gefassten Täters, der im San Francisco der 1960er- und 1970er-Jahre sein Unwesen trieb und Briefe mit kryptisch verschlüsselten Botschaften an die lokalen Zeitungsredaktionen sandte, in denen er seine Taten ankündigte. Finchers Regie beeindruckt hier vor allem durch die unerbittliche Konsequenz, mit der er in den extensiven Dialogen die akribische Spurensuche reanimiert, aber auch durch seine visuell ausgeklügelten Stilisierungen in Synthese mit lakonisch-beiläufigen Schock-Effekten – von Filmkritikern gern als „Fincherismen“ etikettiert.

“Sieben”, Filmszene

Apokalyptischer Diskurs: Brad Pitt und Morgan Freeman in David Finchers erster Serienkiller-Studie „Sieben“

Dabei bricht die sinnlose Tat als willkürlicher Akt des Bösen immer wieder eruptiv hervor. Der Zufall entscheidet über Leben und Tod – und die Opferwahl des Killers: „Er töte einfach aus Spaß, denn der Mensch sei das gefährlichste Tier, das man jagen könne. Gerade diese Willkür qualifiziert den bis heute nicht identifizierten Zodiac-Killer als Inkarnation des Bösen. Eine besonders böse Qualität liegt hier in der sinnlosen Gewalttat, die nur noch auf sich selbst verweist“, betont der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger. Dabei gelte: „Der dunkle Souverän ist ein amoralisches Wesen, ja mehr noch: Er transzendiert die Moral und setzt sich selbst an deren Stelle. Diese souveräne Selbstermächtigung birgt einen Moment der Verführung und Verheißung, die zum Prüfstein der Integrität von Protagonist und Zuschauer gleichermaßen wird.“

Popkultur und die Poetik der Liste

In „Sieben“ (1995), Finchers erster Serienkiller-Studie, kreuzen die „Identität stiftenden Praktiken der Popkultur einen apokalyptischen Diskurs, und als Struktur des paradigmatischen Textes der Apokalypse, nämlich der Offenbarung des Johannes, wird eine Poetik der Liste sichtbar“, notiert der Medientheoretiker Arno Meteling in seinem höchst aufschlussreichen Beitrag zum vielfältig schillernden Sammelband „Killer/Culture. Serienmord in der populären Kultur“ (2010). Im Zentrum seiner Deutung steht die Idee, um die Jahrtausendwende habe ein mächtiger Strom popkultureller „Archäologie des Jüngstvergangenen“ eingesetzt – wofür schon die zahlreichen TV-Panel-Shows plausible Hinweise liefern, in denen Listen und Hitparaden, so absurd sie auch sein mögen, ihre massenmedialen Triumphe feiern. Die popkulturelle Poetik der Liste gewinnt Kontur, sichert biographische Bestände, verleiht Ordnung, Kontinuität und Sinn. Eine Entwicklung, die bisweilen bizarre literarische und cineastische Blüten treibt, indem die Figur des Serientäters die Liste als Kulturtechnik, als poetischen Motor und als „Formel für eine Ästhetik der Existenz“ evident werden lässt.

“American Psycho”, Filmszene

Genüsslich geschilderte, widerwärtige Gräueltaten: Szenenfoto aus „American Psycho“

Dass indes aus der biographischen Liste bestialischer Ernst werden kann, zeigt Bret Easton Ellis‘ skandalumwitterter Roman „American Psycho“ (1991) in zuvor kaum gekannten Exzessen: Endlosen Auflistungen von Markenartikeln folgen genüsslich geschilderte, widerwärtige Gräueltaten: „In der qualitätslosen Indifferenz, die den Horror der ekstatischen Folterxezesse mit der Routine der ermüdeten Beobachtung verschaltet, lauert das Geheimnis des Bösen“ (Peter-André Alt). Man kann schwerlich explizit genug herausstellen, wie das Verlangen von Serienmörder und Kinogänger immer wieder auf die, so Arno Meteling, „lustvolle Lücke in der Sinnstruktur des Mordens“ stößt. Denn, ergänzt der Medientheoretiker: „Beide müssen auf das zugrunde liegende Programm zurückgreifen, das auf Wiederholung des Aktes setzt, bis diese Lücke gefüllt ist.“ Das auf dieses Programm zurückgeworfene Begehren werde in Finchers „Sieben“ mit dem „reflexiven Loop der Liste selbst implementiert, die die Polizisten als Variablen einsetzt.“ Der Mensch, wusste schon Büchners Woyzeck, ist ein Abgrund – es schwindelt einem, wenn man herabsieht.

nächste Folge:
„Winterschläfer“
Auf Liebe und Tod im Schnee: Mit seiner ersten Kinoproduktion gelang Tom Tykwer ein Karriere-Auftakt nach Maß

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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